Norwich City und Daniel Farke: Treue wird belohnt

Daniel Farke klatscht mit seinem Schützling Buendi ab

Championship in England

Norwich City und Daniel Farke: Treue wird belohnt

Von Hendrik Buchheister, Manchester

Daniel Farke steht mit Norwich City vor dem direkten Wiederaufstieg in die Premier League. Der Verein wird für seine Treue zu dem deutschen Trainer belohnt - und umgekehrt.

Zum Job-Profil von Fußballtrainern gehört, stets auf das Schlimmste vorbereitet zu sein und alle Eventualitäten zu bedenken, doch selbst Daniel Farke fehlt die Vorstellungskraft für ein Szenario, in dem sich sein Verein Norwich City noch um den Lohn für eine herausragende Saison bringt. Die Mannschaft führt die Tabelle von Englands zweiter Liga, der Championship, souverän an, ist seit Anfang Februar ohne Niederlage und hat in der vergangenen Woche noch einmal die ganze Klaviatur ihres Könnens offenbart - erst Festtags-Fußball (beim 7:0 gegen Huddersfield Town), dann harte Arbeit (beim 1:0 gegen Derby County).

Nach der Partie gegen Derby mit Trainer Wayne Rooney gestand Farke, "dass der Druck ein bisschen weg ist", und gab eine nicht allzu mutige Prognose ab: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir am Ende der Saison den Aufstieg feiern. Wir sind so lange ungeschlagen, da sehe ich nicht, warum wir die letzten fünf Spiele verlieren sollten."

 Aufstieg steht kurz bevor

Das sieht niemand. Schon an diesem Samstag (17.04.2021) gegen Bournemouth könnte Norwich mit den deutschen Profis Christoph Zimmermann, Lukas Rupp, Moritz Leitner und Marco Stiepermann den Aufstieg offiziell machen. Und selbst wenn die Party noch einmal aufgeschoben werden müsste - es besteht kein Zweifel daran, dass der Klub aus dem ländlichen Südosten Englands das schafft, was nur wenigen Vereinen gelingt: nämlich die direkte Rückkehr in die Premier League nach einem Abstieg, und das auch noch mit demselben Trainer.

Schon vor zwei Jahren hatte Farke die "Canaries" ins Oberhaus geführt, doch die Spielzeit wurde zum Trauma. Erfolge wie das sensationelle 3:2 gegen Manchester City waren eine Ausnahme, die Mannschaft war in der stärksten Liga der Welt dramatisch überfordert und stieg als einer der schlechtesten Tabellenletzten der Premier-League-Geschichte ab. 

Farke blieb - trotz lukrativer Angebote

Anders als in solchen Fällen üblich, hielt der Verein am Trainer fest - und auch Farke bekannte sich zu Norwich City, trotz lukrativer Angebote, die es ihm nach eigener Aussage ermöglicht hätten, weiter erstklassig zu arbeiten. Mit dem Wiederaufstieg werden Verein und Trainer für die Treue zueinander belohnt, außerdem beweisen sie, wie schnell Verlierer wieder zu Gewinnern werden können.

"Die vielen Niederlagen in der Premier League haben Spuren hinterlassen. Viele Leute haben sich gefragt, ob sich der Klub davon erholen kann, aber die Mannschaft und der Trainer haben den schnellen Turnaround geschafft. Sie haben wirklich Charakter gezeigt", sagt Norwich-Ikone Jeremy Goss im Gespräch mit der Sportschau. Er ist Urheber des größten Erfolgs der Vereinsgeschichte - als die "Canaries" 1993 den FC Bayern aus dem UEFA-Cup warfen, traf Goss in Hin- und Rückspiel (2:1, 1:1).

Naiver Spielansatz? Abgestellt

Das Norwich des 21. Jahrhunderts spielt ansehnlichen, offensiv ausgerichteten Ballbesitz-Fußball, der in der Premier League allerdings als naiv enttarnt wurde. In der laufenden Spielzeit hat Farke die Spielweise angepasst, die Mannschaft ist stabiler und ausgeglichener geworden, schießt nicht mehr so viele Tore, kassiert aber auch deutlich weniger Treffer und hat mehr Kontrolle.

Entscheidend dafür sind die beiden defensiven Mittelfeldspieler in Farkes 4-2-3-1, nämlich Kenny McLean und der von Tottenham Hotspur geliehene Oliver Skipp. Sie sind stark am Ball, bieten zugleich aber auch die Absicherung für die Abwehr, die in der Vergangenheit gefehlt hat. Das Ergebnis ist, dass Norwich in dieser Championship-Saison wohl die 92 Punkte von vor zwei Jahren überbieten wird. Fünf Spiele vor Schluss steht die Mannschaft bei 90 Zählern.

Tabellenführer seit dem elften Spieltag

Außer in den ersten Wochen (nur ein Sieg aus den ersten vier Partien) stand die Dominanz von Norwich City nie in Frage. Die "Canaries" sind seit dem elften Spieltag mit nur einer Unterbrechung Tabellenführer. Die deutschen Profis konnten dazu nur wenig beitragen, weil sie immer wieder aussetzen mussten. Lukas Rupp zum Beispiel pausiert gerade wieder einmal wegen einer Oberschenkel-Verletzung, Marco Stiepermann tastet sich nach einer langwierigen Virus-Erkrankung erst wieder an die Mannschaft heran. Moritz Leitner wurde aussortiert und spielt in dieser Saison keine Rolle.

Dafür ist ein anderer ehemaliger Bundesliga-Profi wie schon vor zwei Jahren entscheidend am Aufstieg beteiligt, nämlich der Ex-Schalker Teemu Pukki, mit 25 Saisontoren weiterhin verlässlichster Schütze der "Canaries". Begabtester Profi im Team ist der Argentinier Emiliano Buendía, der unter anderem mit dem FC Arsenal in Verbindung gebracht wird.

Finanzielle Solidität vor kurzfristigem Erfolg

Unbekannten und jungen Spielern eine Chance geben und sie dann teuer verkaufen - das gehört genau so zum Geschäftsmodell von Norwich City wie die Maßgabe, streng innerhalb der eigenen Verhältnisse zu leben, auch wenn das mitunter ein Wettbewerbsnachteil ist. In seiner bisher letzten Premier-League-Saison investierte der Klub nur knapp neun Millionen Euro in neues Personal - eine Witz-Summe für den englischen Fußball. "Wir sind ohne Waffen in den Krieg gezogen", gestand Sportchef Stuart Webber nach dem Abstieg, sah aber keine Alternative dazu: "Für den Klassenerhalt hätten wir die Zukunft des Klubs riskieren müssen. Das haben wir nicht getan - dafür muss ich mich nicht entschuldigen."

Das Umfeld geht den Weg des nachhaltigen, vorsichtigen Wachstums mit und ist überzeugt, dass Norwich diesmal bessere Chancen auf den Premier-League-Verbleib hat. Ex-Profi Goss sagt: "Die Mannschaft hat ihre Lektion aus der vergangenen Saison gelernt. Wir kehren gestärkt zurück." Auch er kann sich kein Szenario vorstellen, das den Aufstieg noch verhindert.

Stand: 16.04.2021, 08:00

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