Fans des FC Chelsea

Fußball | Premier League Verkauf des FC Chelsea: Neues Milliardengebot

Stand: 29.04.2022 19:26 Uhr

Der britische Milliardär Jim Ratcliffe hat mehr als fünf Milliarden Euro für den Kauf des FC Chelsea geboten, ein anderer Bieter ist aber im Vorteil. Offen bleibt, wann die Entscheidung fällt und was mit dem Geld passiert.

Zwei Milliarden Euro sollen in den kommenden zehn Jahren direkt in den Klub investiert werden, teilte Ratcliffe am Freitag (29.04.2022) mit. Drei Milliarden würden "zur Unterstützung von Kriegsopfern" zur Verfügung gestellt, die genaue Verwendung wurde nicht benannt. Favorisiert ist derzeit aber ohnehin eine andere Bietergruppe.

Viele Fragen bleiben bei dem Entscheidungsprozess offen:

Wer will den Klub kaufen?

Öffentlich bekannt sind derzeit vier Bietergruppen, die Chelsea kaufen wollen:

Gruppe um Todd Boehly: Boehly ist Miteigentümer der Los Angeles Dodgers und bietet mit dem britischen Immobilieninvestor Jonathan Goldstein mit. Das Angebot wird von der US-Investmentfirma Clearlake Capital unterstützt. Am Freitag wurde laut mehrerer britischer Medien bekannt, dass der Klub mit ihm nun "exklusive Gespräche" führe und Boehlys Gruppe die bevorzugte sei - sie soll ebenfalls fast fünf Milliarden Euro bieten.

Sollte mit Boehly keine Einigung erzielt werden, könnten die drei anderen bekannten potenziellen neuen Eigentümer wieder eine Rolle spielen.

Jim Ratcliffe: Der Chemieingenieur ist Gründer und Vorstand des Chemieunternehmens Ineos. London solle einen Klub haben, der die Größe der Stadt widerspiegelt, schrieb Ratcliffe. "Einer, der gleichgestellt ist mit Real Madrid, Barcelona oder Bayern München." Die Investition tätige er mit Ineos als Fan und nicht aus der Suche nach Profit. "Den machen wir mit unseren Kerngeschäften." Ein Problem: Ratcliffes Firma besitzt auch OGC Nizza aus Frankreich und müsste sich davon wohl trennen, da die UEFA-Regularien die Kontrolle von zwei Klubs, die in UEFA-Wettbewerben spielen, nicht erlauben.

Gruppe um Martin Broughton: Der ehemalige Vorsitzende des FC Liverpool und von British Airways gewann auch Sebastian Coe, den Präsidenten des Leichtathletik-Weltverbands. Die US-Milliardäre Josh Harris und David Blitzer sollen ebenfalls involviert sein. Beide besitzen Anteile von Crystal Palace, die sie den Regularien der Premier League zufolge bei einem Zuschlag verkaufen müssten. Blitzer war auch am Transfer von Ricardo Pepi zum FC Augsburg beteiligt. Beide sind Miteigentümer des NBA-Teams Philadelphia 76ers.

Gruppe um Stephen Pagliuca: Der Eigentümer des Basketballteams Boston Celtics ist auch mit 55 Prozent am Serie-A-Klub Atalanta Bergamo beteiligt und führt eine Gruppe mehrerer vorrangig aus dem US-Sport kommenden Investoren an. Bei einem Zuschlag dürfte der Teilbesitz von Atalanta in Frage stehen, da die UEFA-Regularien die Kontrolle von zwei Klubs nicht erlauben, wenn beide in UEFA-Wettbewerben spielen. Pagliuca teilte mit, man werde ein Gebot abgeben, "das die jeweiligen Anforderungen und Vorschriften der Premier League, der britischen Regierung und der UEFA erfüllt". Mit Peter Guber ist ein anderer Miteigentümer des Baseball-Teams Los Angeles Dodgers Teil der Gruppe.

Wann fällt die Entscheidung?

Der Prozess zieht sich derzeit hin, viele zunächst gesetzte Fristen wurden gerissen. Bald muss aber feststehen, welcher potenzielle neue Eigentümer der britischen Regierung und der Premier League vorgeschlagen wird. Dann beginnt der Prozess der Übernahme, der im Mai abgeschlossen sein soll. Die Zeit drängt: Der Klub braucht mit Blick auf die Saisonplanung Klarheit.

Die britische Sportministerin Nadine Dorries drängte bereits auf eine Entscheidung und sagte, dass nur noch "ein kleines Zeitfenster" offen sei. Die Sonderlizenz der britischen Regierung für Chelsea läuft am 31. Mai aus.

Wie viel kostet der Klub?

Derzeit überbieten sich die Interessenten. Bis zu fünf Milliarden Euro sind als Kaufpreis im Gespräch.

Die amerikanische Investmentbank Raine Group wickelt den Verkauf des FC Chelsea ab. Joe Ravitch, Mitbegründer der Bank, sagte in der "Financial Times", dass der Wert von Top-Klubs der Premier League seiner Einschätzung nach in den kommenden Jahren auf mehr als zehn Milliarden US-Dollar steigen werde. "Ich denke also, wer Chelsea heute zu den Preisen kauft, über die wir sprechen, bekommt den Klub für ein Schnäppchen", sagte er. Daran gibt es auch Zweifel. Es ist unklar, ob ein Kaufpreis von rund fünf Milliarden Euro im Profifußball zu refinanzieren sein wird.

Wo muss investiert werden?

Die neuen Eigentümer werden über den Kaufpreis hinaus in den Klub investieren müssen. Das gilt wie jedes Jahr für das Team - vor allem aber für das Stadion. Die Stamford Bridge mit ihren 42.000 Plätzen ist ein geschichtsträchtiges Stadion, kann aber bei den modernen Ansprüchen und auch bei der Kapazität kaum mit den neueren Spielstätten wie bei Arsenal, Tottenham oder Manchester City mithalten. Ein größeres Stadion verspricht höhere Einnahmen.

Chelseas Stadion Stamford Bridge

Chelseas Stadion Stamford Bridge

Der Umbau könnte teuer werden, von einer halben Milliarde war in der Vergangenheit die Rede, und er würde die Eigentümer finanziell zurückwerfen. Offen ist also, ob Chelsea an seinem traditionellen Standort bleibt und wenn ja: zu welchem Preis?

Was wollen die Eigentümer?

Eine entscheidende Frage bleibt, ob Chelsea als Gewinner von Klub-WM und Champions League mittelfristig dieselben sportlichen Ambitionen haben wird. Der russische Oligarch und bisherige Besitzer Roman Abramowitsch zählte zu den "Investoren ohne Renditeerwartung", denen es unter Einsatz aller möglichen Mittel vorrangig um Imagegewinn und sportlichen Erfolg ging.

Neue Eigentümer könnten aber sehr wohl eine Renditeerwartung haben und bisweilen Gewinne einstreichen, die nicht zwangsläufig wieder in den Klub investiert werden.

Wer trifft die Entscheidung?

Die Investmentbank und der bisherige Besitzer Roman Abramowitsch werden mit Chelseas Vorstand einen Käufer vorschlagen, die endgültige Entscheidung treffen andere. Vor allem muss die britische Regierung zunächst die Übernahme absegnen.

An der Stamford Bridge ist auf einer der Eckfahnen ein Logo des FC Chelsea zu sehen.

Die Premier League führt außerdem eine standardisierte "Eigentümer-Prüfung" durch. Dort wird die Integrität beleuchtet - beispielsweise, ob noch ein Anteilsbesitz an anderen Klubs der Premier League besteht. Dazu gehören aber auch strafrechtliche Verurteilungen, eine Sperre durch eine Sportorganisation oder Verstöße wie Spielmanipulationen. Oft wird kritisiert, dass diese Prüfung keine Menschenrechtsfragen berücksichtigt. So konnte der Staatsfonds von Saudi-Arabien Newcastle United übernehmen.

Was passiert mit dem Geld?

Abramowitsch hatte angekündigt, keine Kredite zurückzufordern und "alle Nettoeinnahmen", die bei dem Verkauf erzielt werden, über eine noch zu gründende Stiftung an "alle Opfer" des Kriegs zu spenden. Wer damit genau gemeint ist und ob Abramowitsch überhaupt von der Regierung in London Zugang zu dem Geld gewährt wird, ist unklar.

Britische Medien berichten, dass das Finanz- und das Sportministerium entscheiden werden, was mit dem Geld passiert.

Warum der Verkauf?

Der Verkauf steht an, weil die britische Regierung nach Beginn von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine den FC Chelsea als einen Vermögenswert des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch eingefroren hat. Er unterhalte "seit Jahrzehnten ein enges Verhältnis" zu dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Abramowitsch wird außerdem vorgeworfen, durch seine Beteiligung an einem Stahlkonzern "die Ukraine destabilisiert" zu haben. Der Stahl soll möglicherweise vom russischen Militär für die Produktion von Panzern genutzt worden sein. Abramowitsch bestritt wiederholt, Beziehungen zu Putin zu haben.

Der Vorstand der Premier League hat Roman Abramowitsch untersagt als Direktor des Clubs tätig zu sein.

Für Chelsea, das derzeit mit einer Sonderlizenz der Regierung den Spielbetrieb aufrechterhält, wäre mit dem Verkauf wieder die volle Handlungsfähigkeit gewährleistet. Beispielsweise, wenn es um die Verlängerung von Spielerverträgen oder die Abwicklung von Transfers geht. Zuletzt wurden die Regelungen ein wenig gelockert, der Klub darf nun wieder Eintrittskarten verkaufen.