DFB-Präsident Fritz Keller - der falsche Mann am falschen Ort

DFB-Präsident Fritz Keller

DFB-Präsident im Dauerstress

DFB-Präsident Fritz Keller - der falsche Mann am falschen Ort

Von Frank Hellmann (Frankfurt am Main)

Fritz Keller hatte als Präsident des DFB von Anfang an einen schweren Stand. Schnell war klar, dass der Gastronom vom Kaiserstuhl sich an seiner Aufgabe verheben würde. Bilanz einer wohl nur kurzen Amtszeit.

Schon die erste freie Rede saß nicht wirklich. 27. September 2019. Frankfurter Messegelände. Corona war für die meisten Menschen in Deutschland noch eine Biersorte, als im großen Saal Fritz Keller die Bühne betrat. Die 257 stimmberechtigten Delegierten auf dem Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hatten Keller gerade ohne Gegenstimme zum Präsidenten gekürt.

Schon die erste Rede stockte

Eine wochenlange Suche einer paritätisch von DFB und der Deutschen Fußball Liga (DFL) besetzten Findungskommission war dem Akt vorausgegangen. Keller betrat gewissermaßen den roten Teppich, als er seine Botschaften anbringen sollte. Doch zu unstrukturiert, zu unruhig, zu wenig konkret, und ja, irgendwie auch zu provinziell wirkte das, was das neue Oberhaupt zu sagen hatte.

Während er auf die Generalinventur nicht näher einging, erwähnte er ein Negativbeispiel aus seiner Heimatregion: Da musste ein Dorfverein 200 Euro für eine Spielverlegung zahlen. Sein Manuskript hatte er beiseite gelegt, vielleicht wäre es besser gewesen, es einfach abzulesen. Die ersten Zuhörer beschlich das Gefühl, dass der ehemalige Präsident des SC Freiburg, der nicht ganz grundlos in seinen Befugnissen auch beim Bundesligisten am Ende beschnitten wurde, sich an der Aufgabe verheben könnte, den krisengeplagten Verband wieder zusammenzuführen.

Keller sollte eine Klammer sein - das ging gewaltig schief

Amateure und Profis hatten seit Jahren keine richtige Klammer, die Frauen fühlten sich als fünftes Rad am Wagen, den oft wie ein Gutsherr führenden Reinhard Grindel mit seinen zu vielen Zuständigkeiten in UEFA und FIFA konnten viele Verbandsangestellte nicht mehr gut leiden: Diese Gräben sollte Keller, der leutselige Genussmensch aus dem Breisgau, schließen.

Rückblickend muss man sagen: Wenn die herrschenden Streitpunkte beim DFB damals einer kleinen Schlucht im Schwarzwald glichen, sind die Streitereien mittlerweile so groß wie der Grand Canyon. Nie war das Erscheinungsbild des größten deutschen Sportverbands zerrissener als jetzt - und dass ausgerechnet der als Mann des Zusammenhalts geholte Keller einen unsäglichen Vergleich mit dem schlimmsten Nazi-Richter für seinen Vizepräsidenten Rainer Koch wählte, brachte nun das Fass endgültig zum Überlaufen.

Vielleicht war die Inthronisierung bereits der Trugschluss: Erkundigungen beim Sport-Club Freiburg hätten gereicht, um sich zumindest über die cholerische Ader des Unternehmers zu informieren.

Als Aufklärer fehlte ihm die Richtlinienkompetenz

Der DFB gleicht einem Scherbenhaufen: Der noch recht junge Betriebsrat fordert das Ende des unsäglichen Machtkampfs, die hauseigene Ethikkommission prüft die verbale Tirade, und jetzt fordern auch noch die Chefs der Landes- und Regionalverbände den Rücktritt des Präsidenten und seines Gegenspielers, Generalsekretär Friedrich Curtius. Schlimmer geht’s nimmer.

Es zeigt aber zugleich, welche erbitterte Fehde Keller mit seinen Präsidiumskollegen ausgetragen hat. Für seine Entgleisung verdient er freilich keinen Schutz, wohl aber braucht es Erklärungen, wie es überhaupt so weit kommen konnte.

Der Grüß-August ist gar keiner

Viele im DFB, vor allem der findige Strippenzieher Koch, aber auch General Curtius unterschätzten offenbar, mit welcher Verve sich der Präsident trotz frisch beschnittener Richtlinienkompetenz an die Aufräumarbeiten machte. Er wollte tatsächlich mehr Steine umdrehen, als einem engen Führungszirkel, dazu zählt auch Schatzmeister Stephan Osnabrügge, lieb war.

Sie hätten wohl am liebsten einen Grüß-August gehabt, der den Verband mit einem smarten Lächeln repräsentiert. Dann aber kamen bald jene dubiosen Beraterverträge hoch, die die DFB-Topfunktionäre mit dem Medienberater Kurt Diekmann geschlossen hatte. Viel Geld floss. Wofür? Das wollte Keller genau wissen. Und stieß oft auf ein Kartell des Schweigens. Der Machtkampf begann.

Die Pandemie vergrößerte die Distanz

Aus dem Verband hieß es oft: Keller will eigentlich das Richtige, macht es aber richtig schlecht. Das eine Mal verpufften gut gemeinte Ansätze, das andere Mal verzettelte er sich. Wie bei seinem Fünf-Punkte-Plan für mehr Nachhaltigkeit, der gleich das ganz große Rad drehen sollte, inklusive Ehrenamt stärken und Gehaltsobergrenzen einführen.

Und wie es die Geschichte wollte, setzte sich zur Überforderung und den Streitpunkten noch eine Krise obendrauf, für die Keller gewiss nichts konnte: Die Corona-Pandemie blockierte auch den Verband. Und damit auch den 13. Präsidenten der Geschichte.

Wochenlang war der Fußball zum Stillstand gezwungen. Mitarbeiter im Homeoffice, gekappte Verbindungen, neue Arbeitsabläufe. Für einen noch nicht optimal vernetzten Präsidenten waren das fürchterliche Bedingungen, um inmitten so vieler Minenfelder seiner Geschäftstätigkeit nachzugehen. Kaum noch Vier-Augen-Gespräche, keine persönlichen Sitzungen. Der preisgekrönte Winzer und Weinhändler war als Fußballfunktionär auf unbekanntem Terrain seiner ureigenen Stärken beraubt.

Die Nationalmannschaft macht alles noch schlimmer

Dass im Corona-Jahr 2020 parallel die deutsche Nationalmannschaft, immer noch das Aushängeschild des Verbandes, in die nächste Sinnkrise schlidderte, sich Joachim Löw zum Jahresende eine 0:6-Klatsche in Spanien abholte, verschlimmerte die Lage. Auch für Keller, der bei der Debatte um den Bundestrainer abermals schlechtes Krisenmanagement leistete. Erst wurde Löw empfohlen, in die innere Einkehr zu gehen, dann erfolgte der Ratschlag, doch nur bis zur EM zu machen.

Löw distanzierte sich von Keller, obwohl er doch viele badische Vorlieben teilt. Es gibt zahlreiche Gründe, weshalb der 64-Jährige keine Zukunft mehr als DFB-Chef hat. Alles in allem war es nicht nur der falsche Ort und der falsche Zeitpunkt - man hat schlicht auch den falschen Kandidaten ausgesucht. Wer irgendwann auf Keller folgt, das sollte daher vielleicht nicht wieder von der damaligen Findungskommission bestimmt werden.

Stand: 03.05.2021, 05:00

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