Gefahr aus der Luft - Kopfverletzungen im Fußball Verfügbar bis 27.11.2022

Fußball | Kopfverletzungen

Kopfverletzungen im Fußball: Ein Spiel mit dem Feuer

Stand: 29.11.2021, 09:45 Uhr

Kopfbälle und Gehirnerschütterungen können gravierende Spätfolgen haben. Neurologen berichten von Todesfällen und sprechen von "modernem Gladiatorentum". Was denken die Spieler, was tut der DFB?

Von Andreas Bellinger und Hendrik Deichmann

Wenn im Luftkampf die Köpfe aufeinanderprallen, der Stürmer mit dem Torwart kollidiert oder ein Kopfball das Gehirn zum Wackelpudding macht, spielt im schlimmsten Fall sogar der Tod mit. "Wenn man eine zweite Gehirnerschütterung bekommt, bevor die erste auskuriert ist, kann man daran direkt versterben", sagt Inga Koerte.

Dabei zeichnet die weltweit anerkannte Neurowissenschaftlerin kein Horrorszenario, wie die NDR Sportclub Story "Gefahr aus der Luft - Kopfverletzungen im Fußball“ zeigt. "Diese Fälle gibt es, selbst bei Jugendlichen."

Neurologe: DFB muss aufwachen

Angesichts zahlreicher schlimmer Kollisionen an fast jedem Spieltag auf den Plätzen nicht nur im Profifußball ist kaum zu verstehen, warum Kopfverletzungen und Kopfbälle nicht ganz oben auf der Agenda der Verantwortlichen stehen. Während andere Länder die Dringlichkeit sehen und handeln, scheint der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auf Abwarten zu setzen.

"Mir geht es insbesondere darum, dass der DFB endlich aufwacht und das Thema wirklich progressiv angeht", sagt der Hamburger Neurologe Andreas Gonschorek, der sich seit Jahren mit Gefahren und Spätfolgen zu vieler Kopfbälle beschäftigt.

Wie Gelee im Marmeladenglas

Es klingt dramatisch, was der Mediziner über die Wirkung beim Aufprall des Balles sagt: "Das Gehirn wird wie Gelee im Marmeladenglas hin und her geschleudert. Das kann im schlimmsten Fall zu Zerreißungen von Nervenbahnen führen, zu Blutungen oder anderen Funktionsstörungen." Die Gesundheit der Spieler werde bisweilen ernsthaft aufs Spiel gesetzt. "Ich sehe das als modernes Gladiatorentum an", so der Chefarzt des Neurozentrums am BG Klinikum Hamburg.

Muss erst ein Unglück wie mit Christian Eriksen bei der Europameisterschaft geschehen, ehe ein Umdenken einsetzt? Der Däne hatte gegen Finnland einen Herzstillstand erlitten und musste reanimiert werden. Nicht auszudenken, wenn ein Fußballer nach einer Kopfverletzung nicht mehr aufstehen würde.

Frauen und Kinder bei Kopfbällen besonders gefährdet

Besonders gefährdet bei Kopfbällen sind Kinder und Jugendliche, deren Muskulatur natürlich noch nicht so ausgeprägt ist wie bei Erwachsenen. Aber es betrifft auch Frauen, wie Koerte im NDR erklärt. "Sie haben insgesamt 30 Prozent weniger Muskelmasse als Männer. Biomechanisch bedeutet das, wenn die Nackenmuskulatur schlechter ausgeprägt ist, dass der Kopf und damit auch das Gehirn stärker in Bewegung gerät, wodurch es zu mehr Verletzungen kommen kann."

Vor diesem Hintergrund kritisiert Union Berlins Torhüter Andreas Luthe: "Es gibt keinen Grund, einen Zwölfjährigen eine halbe Stunde ans Kopfballpendel zu stellen. Aber es passiert, jeden Tag, hundertprozentig."

Bei Baumgartls vierter Gehirnerschütterung griff der Arzt ein

Als Vater und engagierter Vertreter der Vertragsfußballer (VdV) sieht Luthe "vor allem Handlungsbedarf bei Kindern und Jugendlichen. Und wenn es Studien mit neuen Erkenntnissen gibt, dann sollte man den Sport auch anpassen.“ Klare Kante in Richtung Fußball-Bund und Deutsche Fußball Liga (DFL).

Obwohl der 33-Jährige einschränkt: "Im Profisport hat man es mit Erwachsenen zu tun, die ihre eigenen Entscheidungen treffen und Risiken eingehen können; alles vielleicht auch besser abschätzen können."

Und doch regiert selten die Vernunft. Luthes Mannschaftskollege Timo Baumgartl jedenfalls war froh, dass er bei seiner insgesamt vierten Gehirnerschütterung einen Aufpasser hatte: "Ich bin dankbar, dass unser Arzt sofort gesagt hat, dass er mich auswechselt. Als Spieler mit dem Adrenalin und Ehrgeiz möchte man immer weiterspielen." Aber wer trifft diese Entscheidungen an der Basis, bei den Amateuren und im Jugendsport?

Koerte leitet erste Langzeitstudie mit Jugendlichen

Die Neurowissenschaftlerin Koerte leitet zurzeit die erste Langzeitstudie mit jugendlichen Fußballern in sechs Ländern. Der englische Fußballverband (FA) wollte diese Erkenntnisse nicht abwarten. Die FA hat Kopfbälle für junge Fußballer bis zwölf Jahre sowohl im Training als auch im Spiel bereits verboten. Zudem wurden die Clubs der Premier League gebeten, im Training nur noch zehn Kopfbälle pro Spieler und Woche zuzulassen. Die Reaktion der Clubs: wenig Verständnis bis Kopfschütteln.

DFB lehnt Kopfballverbot für Kinder ab

Und wie sieht es in Deutschland aus? Ein Kopfballverbot für Kinder hat der DFB abgelehnt. Auch Tim Meyer, Nationalmannschaftsarzt und Sportmedizin-Professor, vermittelt im Sportclub nicht den Eindruck, dem Thema eine besondere Priorität einzuräumen.

Allerdings kündigte der 54-Jährige für den Bundesjugendtag im Januar "ein Gesamtkonzept an, das diese Problematik aufgreift. Dort werden das Flachpasspiel gefördert, kleine Felder eingesetzt und so weiter und so fort." Gleichzeitig soll das Erlernen des Kopfballspiels ermöglicht werden, damit es nicht plötzlich ab einem gewissen Alter wieder erlaubt wird.

"Kopfverletzungen sind keine Bagatelle. Das muss die Einstellung sein, die im Fußball vorherrscht", so Meyer. "Das ändert man aber nicht so schnell. Wir haben Maßnahmen zur Weiterbildung für Ärzte bereits ergriffen, die Trainerausbildung verändert und Online-Angebote geschaffen, damit sich auch Laien und Spielergruppen informieren können." Aber reichen Informationen und Aufklärung, wenn die Folgen schon jetzt als möglicherweise gravierend eingeschätzt werden?

Luthe: Weg mit den Scheuklappen

Schließlich wurde in Studien längst nachgewiesen, so Koerte, "dass ehemalige Fußballspieler ein erhöhtes Risiko haben, eine neuroregenerative Erkrankung zu erleiden und auch zu versterben. Zudem haben sie ein dreimal höheres Risiko für eine Demenz."

Fortschrittlicher reagiert beispielsweise der US-Sport, wo ein unabhängiger Arzt bei Kopfverletzungen ohne Zeitdruck entscheiden kann. In England sind Auswechslungen nach Kopfverletzungen möglich, auch wenn das Wechselkontingent bereits ausgeschöpft ist. Dass das Wohl der Sportler im Mittelpunkt steht, ist auch das wichtigste Anliegen von Union-Profi Luthe : "Wir sollten nicht mit Scheuklappen durch die Gegend laufen, sondern offen sein für neue Erkenntnisse der Wissenschaft", sagt der Torhüter: "Da bricht sich keiner einen Zacken aus der Krone."

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 28.11.2021 | 23:35 Uhr