Gavi - der Unnormale vom Hinterhof

Gavi

Fußball | Nations League

Gavi - der Unnormale vom Hinterhof

Von Frank van der Velden

Vor dem Nations-League-Finale gegen Frankreich schwärmt ganz Spanien von Gavi. Der 17-Jährige wurde praktisch über Nacht zum großen Hoffnungsträger von "La Roja" - und knackte nebenher einen über 80 Jahre alten Rekord.

Die Lobeshymnen wollten einfach kein Ende nehmen. Vom "Wunderkind" war die Rede, von "Spaniens Zukunft", von einem "Geschenk", von einer "spektakulären und beispiellosen Leistung". Spaniens Fußball-Nationaltrainer Luis Enrique drückte seine Bewunderung so aus: "Es ist völlig unnormal, einen Spieler mit so viel Persönlichkeit zu sehen."

Die Rede ist von Pablo Martín Páez Gavira, genannt Gavi. Der erst 17-Jährige vom FC Barcelona machte im Nations-League-Halbfinale in Italien sein erstes Länderspiel für "La Roja" – und er überzeugte auf ganzer Linie. Schnell auf den Beinen und vor allem auch im Kopf, zweikampfstark, spielintelligent, passsicher. Und das nicht in Luxemburg oder Liechtenstein, sondern beim Europameister mit Weltstars wie Giorgio Chiellini, Leonardo Bonucci und Jorginho.

Wie auf dem Hinterhof

Ganz nebenbei wurde der offensive Mittelfeldspieler zum jüngsten spanischen Nationalspieler und löste Ángel Zubietas ab. Der hatte diesen Rekord seit 1936 gehalten. 83 Minuten stand Gavi beim 2:1-Sieg in Mailand auf dem Platz. Eingewöhnungszeit brauchte er keine, von Nervosität war rein gar nichts zu sehen.

 "Wir sprechen bei Gavi von einem seltenen Fall. Er spielt auf dem Platz, als wäre es der Hinterhof seines Hauses", schwärmte Enrique von der Unbekümmertheit des Youngsters: "Er ist ein Spieler, der zwischen den Linien spielen kann, der den Ball nicht verliert, der eine gute Technik hat und der körperlich spielt. Wir wussten, was er mitbringen würde: Charakter, Spielwille, Mut. Nichts ist zu viel für ihn. Er ist ein sehr kompletter Spieler."

"Gavi ist eine Maschine"

Auch dank Gavi, der nebenbei noch die Zeit fand, Italiens Marco Verratti per Manndeckung komplett aus dem Spiel zu nehmen, beendete Spanien die Serie der Italiener von 37 Spielen ohne Niederlage in Folge. Es war zudem die Revanche für das verlorene EM-Halbfinale. Nun hofft ganz Spanien, dass das Team mit Gavi auch im Finale gegen Frankreich am Sonntag (10.10.2021, ab 20.15 Uhr live im Ersten) groß auftrumpft.

Dabei war Enrique für seine Entscheidung, Gavi nicht nur aus dem Hut zu zaubern, sondern auch noch in die Startelf zu beordern, harsch kritisiert worden - vor allem von den Madrider Medien. Denn ein Spieler von Real stand nicht auf dem Platz. "Gavi ist eine Maschine", titelte "Marca" nach dem Spiel: "In San Siro brachte der Junge all diese kritischen Stimmen zum Schweigen und verwandelte sie in Lob. Und jetzt wird es niemand wagen, über seine Anwesenheit in 'La Roja' zu sprechen."

Karriere wie im Fußball-Märchen

Seine Geschichte liest sich wie eines der viel zitierten Fußball-Märchen. Vor dem Anpfiff in San Siro hatte Gavi erst sieben Spiele als Fußballprofi gemacht, in der spanischen Liga stand er gerade mal 275 Minuten auf dem Platz. Ende August, kurz nach seinem 17. Geburtstag, feierte er gegen den FC Getafe sein Debüt – und das wohl nur, weil der FC Barcelona wegen großer finanzieller Probleme in diesem Jahr vor allem auf die eigene Jugend setzen muss. Was die Nationalmannschaft angeht, hatte er zuvor nur Spiele für diverse Jugend-Auswahlen gemacht.

Stammplatz beim FC Barcelona

Begonnen hat seine Karriere in der Jugend von Betis Sevilla. 2015 wechselte er im Alter von elf Jahren in die Jugendakademie des FC Barcelona. In La Masia trumpfte er groß auf und machte schon als 16-Jähriger Spiele in der drittklassigen Liga für Barcelonas zweite Mannschaft.

In diesem Sommer dann beorderte ihn Trainer Ronald Koeman zu den Profis. Zu Beginn saß er auf der Bank, doch zuletzt stand er dreimal in Serie in der Startelf der Katalanen.

Gavi schon als neuer Xavi gehandelt

Nicht wenige trauen Gavi eine ähnlich große Karriere wie dem ehemaligen Mittelfeldregisseur Xavi zu. In der Nationalmannschaft könnte er bald schon im Mittelfeld zum Anführer einer neuen "goldenen Generation" werden.

Yéremi vom FC Villarreal und Ferran Torres von Manchester City, der gegen Italien beide Tore erzielte, sind weitere ganz große Hoffnungsträger – genau wie Leipzigs Dani Olmo, Pedri und Ansu Fati vom FC Barcelona oder Tottenhams Bryan Gil und Brais Méndez von Celta Vigo.

Der Gewinn der Nations League im Finale gegen Frankreich wäre für Spanien nach dem EM-Halbfinale der nächste große Schritt für die "jungen Wilden". Und wenn die – allen voran Gavi – so weitermachen, dann fährt Spanien 2022 als einer der ganz großen Favoriten zur Weltmeisterschaft nach Katar.

Stand: 08.10.2021, 11:38

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