Warum Fußballverbände so abhängig von der Nations League sind

Der Pokal im Nations-League-Wettbewerb

Länderspiele in Corona-Zeiten

Warum Fußballverbände so abhängig von der Nations League sind

Von Frank Hellmann

Die Nations League ist schnell ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor geworden. Jede Spielrunde ist mehr als 100 Millionen Euro wert. Die Verbände hängen viel mehr am Tropf der Einnahmen von solchen Länderspielen als sie zugeben. Daher müssen die Spiele unbedingt stattfinden. Ein Hintergrund.

Auch der Schweizerische Fußballverband (SFV) ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und verhältnismäßig reich geworden. Der lukrative Verkauf von Fernseh- und Marketingrechten und vor allem die FIFA- und UEFA-Prämien machen es möglich, dass die Einnahmen zuletzt auf fast 70 Millionen Franken kletterten. Eine Steigerung in einem Jahrzehnt von fast 70 Prozent.

Beinahe logisch, dass sich die führenden Funktionäre mit der Frage beschäftigten, ob sich nicht auch die Eidgenossen ein ähnliches Leuchtturmprojekt gönnen sollten wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Der errichtet gerade in Frankfurt seine neue Akademie und verpflanzt auch eine gesamte Verwaltung dorthin. Kostenpunkt: 150 Millionen Euro.

Fehlende Zuschauer sind am leichtesten zu verschmerzen

Heute ist der Schweizer Fußball froh, sich dagegen entschieden zu haben. Denn wie viele andere Verbände macht auch den Schweizern die Corona-Krise schwer zu schaffen. In den vergangenen Jahren wurde das Personal aufgestockt, zahlreiche Programme und Projekte wurden aufgelegt, die mit der Pandemie nicht so leicht zu stoppen sind. Das kostet.

Insofern ist für SFV wie DFB beruhigend, dass ihre A-Nationalmannschaften nun in der Nations League am Sonntag (06.09.2020) in Basel das zweite Gruppenspiel austragen. Auch wenn der Sankt- Jakob-Park verwaist bleibt, fließen mit der Austragung wichtige Garantieeinnahmen der UEFA über die Zentralvermarktung eines recht neuen Wettbewerbsformats, dessen hohe wirtschaftliche Werthaltigkeit nur selten erwähnt wird.

Die Absage einer Nations-League-Runde verbietet sich

Mit der Einführung der Nations League schnellten die Erträge aus Wettbewerben der Nationalteams in 2018/2019 auf 640 Millionen Euro. In der Saison zuvor waren es nur 280 Millionen Euro gewesen. Diese Zahlen weist der UEFA Finanzreport 2018/2019 aus. Die Nations League ist dafür verantwortlich, dass die Nationalmannschaften der 55 Mitgliedsverbände nicht nur alle vier Jahre durch eine von der UEFA ausgerichtete und vermarktete Europameisterschaft einen signifikanten Erlös einspielen.

Vor allem bei den mittelgroßen und kleinen Verbänden war der Wunsch aufgekommen, etwas mehr Geld zu verdienen. Deshalb wurde die Nations League erfunden, die ebenfalls zentral von der UEFA vermarktet wird.

Teure Absage

Das Problem: Einige Verbände hängen am Tropf dieser Einnahmen, die mit der Pandemie wegzubrechen drohten. "Die UEFA ist kein Klub, sondern der Verband der Landesverbände. Es käme uns teuer zu stehen, wenn wir eine Nations-League-Runde absagen müssten", sagte Martin Kallen, der als Turnierdirektor die EM-Endrunde, Champions League und Europa League managt, gerade in einem "NZZ“-Interview. Der Wert: über 100 Millionen Euro.

Für die Vermarktung aller EM-Qualifikationsspiele, Nations-League-Partien sowie der WM-Qualifikationsspiele unter UEFA-Hoheit weist der jüngste Finanzreport im Vierjahreszeitraum zwischen 2018 und 2022 geplante Einnahmen von 1,99 Milliarden Euro aus. Zum Vergleich: In den vier Jahren zuvor waren es noch 1,03 Milliarden Euro. Die neuen Begegnungen mit dem Nations-League-Logo haben die Einnahmen also mal locker verdoppelt.

Mehr als eine halbe Milliarde Euro für die 55 Nationalverbände

Daher spielen alle Nationen gerne mit, zumal die UEFA in 2018/2019 alleine 551,6 Millionen Euro wieder an die Landesverbände ausschüttete. An Prämien gab es übrigens 116,5 Millionen Euro, der erste Nations League-Sieger Portugal kassierte davon 11,4 Millionen, Deutschland als siegloser Gruppenletzter nur 2,2 Millionen. Aber viel wichtiger sind dem DFB ja die garantierten Einnahmen auf anderen Wegen.

Kallen erklärt das Modell so: "Je nach Größe erhalten die Verbände von der UEFA ein Fixum oder einen Prozentsatz. Im Verhältnis verdienen die kleinen Verbände mehr als die großen [...] Das ist Geld, das vor allem die großen Verbände mit außereuropäischen TV-Rechten generieren. Die Schweizer sind in den USA weniger bekannt als die Italiener, die Engländer, die Deutschen oder die Franzosen." So haben alle etwas davon.

Allein die EM-Verschiebung kostete mehrere hundert Millionen Euro

Der DFB hat detailliert im Finanzbericht  2019 seine Einnahmen durch die A-Nationalmannschaft dargelegt. Von den 69,5 Millionen Euro an Erträgen speisten sich 7,35 Millionen Euro aus dem Ticketverkauf und Hospitality bei sechs Heimländerspielen, aber der dickste Batzen von 60 Millionen Euro setzte sich aus der TV-Vermarktung und Nations League zusammen.

Solche garantierten Erlösströme haben den Effekt, dass die Verbandsfunktionäre mit diesen Einnahmen planen. Der DFB kann damit seine Frauen- und Juniorennationalteams fördern, leitet einen Teil an seine Amateure weiter und erfüllt auch soziale Aufgaben.  Fällt die A-Nationalmannschaft aus, hat der Verband ein Problem. Deshalb war es auch Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff so wichtig, dass die Nations League nicht gestrichen wird.

Die UEFA steht noch aus einem anderen Grund unter Druck: Wie Kallen erläuterte, habe man  allein durch die EM-Verschiebung "mehrere hundert Millionen Euro" verloren. Das Geld sei von den Reserven in Höhe einer halben Milliarde Euro genommen worden. Die verlegte EM 2021 soll laut dem 56-Jährigen übrigens annähernd die 2,1 Milliarden Euro generieren, die zuvor auch eingeplant waren: "Die Verbände sollten auf wenig bis nichts verzichten müssten. Das ist die Messlatte."

Nicht nur für den DFB sind Länderspiele die Lebensversicherung

Kallen könnte auch sagen: Sportliche Bedenken haben hinter wirtschaftlichen Zwängen in Corona-Zeiten bitte zurückstehen. Bundestrainer Joachim Löw mag die Anhäufung von Länderspielen im Oktober und November mit je drei Partien in kurzer Abfolge "grenzwertig"  finden - selbst für einen reichen und mit fetten Rücklagen ausgestatteten Verband wie den DFB sind "Länderspiele eine Art wirtschaftliche Lebensversicherung", wie Generalsekretär Friedrich Curtius betont: "Die Spiele werden uns ermöglichen, dass wir als DFB weiter gut durch die Krise kommen." Der Ball muss also auch bei den Nationalmannschaften unbedingt rollen, weil sonst der Geldfluss versiegt.

Noch ist von Pleiten einzelner Nationalverbände nichts zu hören. Aber die für alle Länder verbindliche UEFA-Entscheidung, vorsichtshalber überall Geisterspiele durchzuziehen, hat verdeutlich, worum es geht: diesen noch jungen und gewiss noch nicht breit akzeptierten Wettbewerb nicht zu gefährden. Interessant, dass Kallen einschränkt, man könne sich nicht ewig in einer Blase mit Schutzkonzepten und Isolation aufhalten:  "Lange können wir das nicht so durchziehen. Es wird irgendwann einen Impfstoff geben müssen."

Stand: 04.09.2020, 09:50

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