DFB-Elf - falsche Taktik aus der Not heraus

Ferran Torres und Emre Can im Zweikampf

Analyse des 1:1 gegen Spanien

DFB-Elf - falsche Taktik aus der Not heraus

Von Marcus Bark (Stuttgart)

Die deutsche Nationalmannschaft kassierte gegen Spanien einen späten Ausgleichstreffer, weil sie nur eine Stunde lang in einem passenden System mit einer passenden Taktik spielte. Die Änderung der Taktik sei aus der Not heraus erfolgt, beteuerten die Protagonisten. Die Analyse.

Es gab gute Gründe für die Annahme, dass der Treffer von Timo Werner zum 1:0 in der 51. Minute die Taktik der deutschen Mannschaft änderte. Bis dahin griff sie die Spanier sehr weit vorne an, selbst Torwart David de Gea blieb nach einem Rückpass kaum Zeit am Ball. Da die Spanier ähnlich weit vorne den deutschen Aufbau störten, sprach Bundestrainer Joachim Löw von einem "vor allem in der ersten Halbzeit hochintensiven Spiel" auf einem taktisch hohen Niveau.

Erwarteter Einbruch

Nach dem Treffer zog sich seine Mannschaft aber weiter zurück, erwartete den Gegner meistens in der eigenen Hälfte und setzte darauf, nach Ballgewinn schnell zu kontern. "Unser Plan war schon vor dem Tor, nur etwa 60 Minuten vorne anzugreifen", sagte Emre Can später in einer digitalen Pressekonferenz. Das habe mit dem körperlichen Zustand zu tun gehabt, der nur für knapp zwei Drittel der Zeit eines Fußballspiels gut sein könne.

Nations League - Remis zwischen Deutschland und Spanien Tagesthemen 03.09.2020 01:03 Min. Verfügbar bis 03.09.2021 Das Erste

Löw nutzte die vermeintliche Erschöpfung schon vor der Saison für Kritik. "Wir müssen aufpassen", mahnte der Bundestrainer und erinnerte daran, dass schon häufig von Trainern der enge Terminplan angeprangert worden sei - aber nichts passiere. Nun, während einer Pandemie mit einem knappen Monat weniger für ein ohnehin straffes Programm, sei der enge Terminplan noch weniger zu verantworten, "auch wenn ich als Vertreter des Verbandes natürlich verstehe, dass Geld verdient werden muss".

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Die schwindende Kraft wurde als Hauptargument dafür angeführt, dass Deutschland in der Nations League bei nun fünf Spielen weiter ohne Sieg bleibt. Die These, dass der späte Ausgleich auch deshalb noch fiel, weil die Auswahl des DFB spätestens mit der Auswechslung von Leroy Sané für den Innenverteidiger Matthias Ginter in der 62. Minute zu passiv geworden sei, stützten auch die Spieler.

"Guter Punkt"

"Das ist ein guter Punkt", sagte Julian Draxler. Aber der andere Weg, weiter hoch zu pressen, sei "leider nicht so leicht umzusetzen" gewesen - die Kraft.

Julian Draxler spielte in einer 3-4-1-2-Grundordnung als "Zehner" hinter den beiden Angreifern Sané und Werner. Vor allem in der Qualifikation zur EM beim 3:2-Sieg in den Niederlanden überzeugte die Auswahl des DFB in diesem System, das Löw gegen starke Gegner gerne wählt.

Gute andere Optionen für die "Zehn"

In Stuttgart passte es in der Theorie auch, aber Draxler war in der zentralen Rolle zu zurückhaltend und brachte kaum einen Pass in die vorderste Reihe. Leon Goretzka dürfte nach seiner Rückkehr auf dieser Position die prägendere und damit bessere Option sein, auch Serge Gnabry und Kai Havertz können dort spielen. Generell scheint das System sehr geeignet zu sein für die Nationalmannschaft.

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In der Spieleröffnung standen die beiden äußeren Glieder der Dreierkette - Emre Can (rechts) und Antonio Rüdiger sehr breit. Robin Gosens orientierte sich auf der linken Seite weit nach vorne. Das brachte Rüdiger ab und an in Bedrängnis, zahlte sich dann aber beim 1:0 aus. Nach dem herrlichen Diagonalpass von Ilkay Gündogan legte Gosens perfekt zu Werner zurück.

"Wir haben in der Analyse vor dem Spiel gesehen, dass die Spanier mit ihrer Viererkette weit nach innen schieben", sagte Debütant Gosens. Die weiten Verlagerungen auf die Außen waren daher ein wichtiger Teil des Plans. Auch die weiten Pässe hinter die Viererkette (gerne gespielt von Toni Kroos) waren ein gutes Mittel, weil die Spanier sich im Mittelfeld sehr an ihren Gegenspielern orientierten. So kam es häufiger zu Überzahlsituationen.

Zu wenig Entlastung

Mit der Einwechslung von Ginter rückte Can aus der Innenverteidigung ins Mittelfeld, Werner blieb der einzige Stürmer, und es ergab sich ein passives 5-4-1. "Ich hätte mir gewünscht, den ein oder anderen Spieler noch vorne zu haben, um für Entlastung zu sorgen", sagte Draxler, der aus dem Zentrum auf die halblinke Position gezogen worden war, auf der er auch dezent auftrat.

Löw war trotz des späten Ausgleichs sehr zufrieden mit dem Spiel seiner Mannschaft: "Ich habe ihr viel mitgegeben und hätte nicht gedacht, dass das so gut klappt." Die Entwicklung mit Blick auf die Europameisterschaft 2021 sei ihm allemal wichtiger als Ergebnisse in der Nations League.

Fatale Grätsche

Der späte Ausgleich trübte den Eindruck trotzdem, denn in der Entstehung gingen zwei Kopfballduelle in der Defensive verloren, zudem traf Gosens eine falsche Entscheidung. Er versuchte, mit einer Grätsche die Flanke zu verhindern. Dabei rutschte er ins Toraus und hob somit das Abseits auf, in dem Torschütze Gaya höchstwahrscheinlich gestanden hätte, falls Gosens im Stehen versucht hätte, die Flanke zu blocken.

Es war eine Grätsche mit letzter Kraft von dem Profi, der drei Wochen vorher mit Atalanta Bergamo noch in der Champions League gegen Paris Saint-Germain spielte und aus dem Urlaub heraus in Stuttgart auflief.

Stand: 04.09.2020, 08:21

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