Italiens Trainer Roberto Mancini
analyse

Neuaufbau bei Italien Chiellini war gestern, Gatti ist heute

Stand: 13.06.2022 11:10 Uhr

In Italien überwiegt vor dem Nations League Spiel gegen Deutschland Optimismus. Der nach dem Aus in der WM-Qualifikation eingeleitete Generationenwechsel lässt sich gut an. Mit einigen Spielern, die in Italien vorher kaum jemand kannte.

Von Jörg Seisselberg

Auch Italien hat nur Unentschieden gespielt. Aber das Team von Roberto Mancini kommt mit einem Lächeln und Selbstgewissheit nach Mönchengladbach. In der Heimat wird das 0:0 der Squadra Azzurra gegen England vom Samstag - anders als Deutschlands zeitgleiche Punkteteilung in Ungarn - als Erfolg gefeiert. Vor allem die Art und Weise des Auftritts sorgt für positive Schlagzeilen. Die Gazzetta dello Sport attestiert der italienischen Mannschaft "Ideen und Mut", der Corriere dello Sport titelt: "Das war ein WM-würdiges Italien". Um dann zu erläutern, dass ein italienisches Nationalteam in dieser Form ("jung und schön") sicherlich die Qualifikation für die Weltmeisterschaft geschafft hätte.

Tatsache ist, Italiens Auftritt gegen England - plus die auch nicht schlechten Spiele gegen Deutschland und Ungarn - machen den Tifose und Tifosi Hoffnung auf neue Erfolg einer neuen Generation von Nationalspielern. Für Mancini ist die Nations League die Bühne für den Generationenwechsel - nach dem Scheitern in der WM-Qualifikation gegen Nordmazedonien und der klaren Niederlage im "Finalissima" gegen Südamerikameister Argentinien, bei denen größtenteils Spieler des Europameisterteams von 2021 auf dem Platz standen. Giorgio Chiellini war gestern, Federico Gatti ist heute - und eventuell morgen.

Überraschungsspieler Gatti

Federico Gatti? Diese Frage stellten sich auch Fußballfans, die die Serie A intensiv verfolgen, als Mancini den 23-Jährigen in die Nationalmannschaft betrief. Denn Gatti spielt in der zweiten italienischen Liga für Frosinone, eine Kleinstadt südlich von Rom. Ohne jemals erstklassig gekickt zu haben, stand Gatti gegen England dann in der Startelf. Und es war kaum zu glauben: Wie selbstverständlich schaltete der 1,90 Meter großer Zweiligakicker Englands Kapitän Harry Kane aus, nachdem zuvor bereits Roma-Star Tammy Abraham gegen den Debütanten keinen Stich gemacht hatte. Konzentriert, körperlich stark, mit eindrucksvoller Präsenz, gutem Timing und hervorragendem Kopfballspiel - was Gatti gegen England bot, hätte Altmeister Chiellini wenig besser machen können. Die Rückennummer 3 hat er von "Giorgio Nazionale" geerbt.

Vom Maurer in die italienische Nationalmannschaft

Ein Nationalmannschaftsdebüt war für Gatti vor sechs Jahren nur ein Traum. Damals verdingte sich der seinerzeit 17 Jahre alte Amateurkicker als Maurer und Lagerarbeiter, um seine Familie durchzubringen, nachdem sein Vater seinen Job verloren hatte. Im Fußball ging es für Gatti trotzdem langsam aufwärts, über die fünfte und die dritte in die zweite Liga. Bis Mancini den ehemaligen Maurer und Lagerarbeiter in diesem Winter zu einem Lehrgang der Nationalmannschaft einlud - und Gatti fast zeitgleich einen Vertrag bei Juventus Turin unterschreiben konnte.

Federico Gatti im Dress der italienischen Nationalmannschaft

Federico Gatti im Dress der italienischen Nationalmannschaft

Es gehört zu Mancinis Erfolgsgeheimnissen, bei Personalentscheidungen den Mut zu haben, ungewöhnliche Wege zu gehen und im Zweifelsfall nur seinem eigenen Fußballverstand zu vertrauen. Das war bereits so, als Mancini 2018 das seinerzeit darniederliegende Nationalteam übernommen hat. Auch damals holte er mit Nicolo Zaniolo einen Spieler in die Squadra Azzurra, der bis dahin noch kein Spiel in der Serie A gemacht hatte. Mittlerweile ist der heute 22 Jahre alte Zaniolo anerkanntermaßen einer der Hoffnungsträger des italienischen Fußballs, nach seiner Nationalmannschaftsberufung auch Stammspieler in seinem Verein AS Rom geworden, den er vergangenen Monat zum Erfolg in der Conference League schoss.

Mancini mit dem Blick für "Außenseiter"

Italiens neues Nationalteam ist eine Art Mancini-Talentshow reloaded. Der Zyklus des von ihm geformten Europameisterteams endete mit der verlorenen "Finalissima" gegen Argentinien. In den ersten drei Nations League Spielen hat Mancini acht Spieler debütieren lassen, ihr Durchschnittsalter betrug 21,3 Jahre. Auf der Suche nach den richtigen Nationalkickern geht Mancini dabei weniger vor wie ein Auswahlcoach, sondern eher wie der Talentscout eines Vereins.

Überall schaut der ehemalige Nationalstürmer nach Spielern, die er für fußballerisch exzellent, entwicklungsfähig und für seinen Spielstil geeignet hält. Auch die Serie B oder eher durchschnittliche ausländische Ligen nimmt er in den Blick - ebenso Kicker im mittleren Fußballalter, die von den großen Klubs der Serie A schon abgeschrieben sind. Nach dem durchaus selbstbewussten Motto: Manchmal weiß ich besser als die Verantwortlichen in Italiens erster Liga, wer ein außergewöhnlicher Fußballer ist. So geriet nicht nur der ehemalige Maurer und Lagerarbeiter Gatti auf den Mancini-Radar, sondern auch Willy Gnonto, Reservespieler in der Schweiz.

Gnonto mit Anlagen zum Superstar

Der heute 18-jährige Italiener mit Eltern aus Nigeria hatte von seinem Jugendklub Inter Mailand vorvergangenen Sommer wenige Perspektiven aufgezeigt bekommen - und war in die Schweiz zum FC Zürich gewechselt, trainiert von André Breitenreiter. Dort kam der schnelle, dribbelstarke und torgefährliche Außenstürmer zwar meist nur von der Ersatzbank, machte aber diese Saison acht Tore - und beeindruckte den Allesseher Mancini.

Gnontos Debüt im ersten Nations League Spiel gegen Deutschland verlief fulminant. Jetzt wollen die Klubs in Italien, die bis vergangenen Monat Gnonto komplett ignoriert hatten, Millionensummen hinlegen für die Mancini-Entdeckung. Beste Chancen aber soll die TSG Hoffenheim haben - Gnonto könnte dort unter Breitenreiter weiterarbeiten. Dieser sieht, ähnlich wie Mancini, bei dem Torschützenkönig der U-17-WM 2019 Anlagen zum Superstar.

Der junge italienische Nationalspieler Wilfried Gnonto

Der junge italienische Nationalspieler Wilfried Gnonto

Mit welchem Team Italien gegen Deutschland antreten wird, ist offen. Mancini hat gegen England fast komplett durchgewechselt, im Vergleich zur Begegnung zuvor gegen Ungarn standen gleich neun Neue in der Startelf. Auch gegen das deutsche Team ist möglich, dass Mancini alles umkrempelt. Der 57-Jährige bastelt noch am neuen Zyklus der Squadra Azzurra. Den Fußballfans in Italien macht es wieder Spaß, ihm dabei zuzugucken. Allerdings beklagt Mancini selbst ein Manko: Auch seine neue Mannschaft schieße zu wenige Tore. Im Abschluss, sagt Italiens Nationaltrainer, "machen wir noch zu viele Fehler".