WM 2022 in Katar: Rufe nach Boykott werden lauter

Der Fußball Weltpokal vor dem Logo der WM 2022 in Quatar

Menschenrechtsverletzungen vor der WM 2022 in Katar

WM 2022 in Katar: Rufe nach Boykott werden lauter

Von Benjamin Best

Seitdem die britische Zeitung "Guardian" Ende September meldete, dass seit der WM-Vergabe im Jahr 2010 in Katar mehr als 6.500 Gastarbeiter gestorben seien, entwickelt sich vor allem unter organisierten Fußballfans in Europa eine Boykottbewegung. Auch ein niederländischer Rasenhersteller gab bekannt, die Endrunde zu boykottieren. Die FIFA dementiert eine Verbindung zwischen der genannten Todeszahl und WM-Baustellen. Der DFB erklärt gegenüber sportschau.de, das Turnier zu boykottieren "als nicht sinnvoll".

Ausgelöst wurde die aktuelle Boykottdiskussion durch vereinsübergreifende Fanorganisationen in Norwegen. Seitdem nimmt die Debatte um einen Boykott der WM in Katar eine rasante Entwicklung. Mittlerweile haben sieben von 16 Erstligisten in Norwegen den Fußballverband des Landes aufgefordert, angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Katar die WM 2022 zu boykottieren.

Nationaltrainer Solbakken: "Ein Fehler, WM nach Katar zu vergeben"

Beobachter schätzen, dass der öffentliche Druck in Norwegen weiter zunehmen wird. "Meiner Meinung nach werden noch weitere Mannschaften hinzukommen, und somit wird die Boykottbewegung größer und größer werden", erklärt Havard Melnaes, Herausgeber der Fußballzeitschrift "Josimar Fotballblad". Melnaes hatte 2018 drei Wochen lang vor Ort in Katar zur Situation der Gastarbeiter recherchiert.  

Havard Melnaes: "Boykottbewegung wird größer werden" 00:49 Min. Verfügbar bis 19.03.2022

Der norwegische Verband hat in der Debatte erstmal etwas Zeit gewonnen. Am 20. Juni wird auf einer Generalversammlung das Thema weiter besprochen. Norwegens Nationaltrainer Stale Solbakken hatte in der jetzigen Diskussion die Vergabe der WM nach Katar kritisiert. "Stale Solbakken ist in einer kniffligen Situation. Auf der einen Seite hat er gesagt, die FIFA hätte die WM nie an Katar vergeben dürfen. Auf der anderen Seite ist er vom Verband als Nationaltrainer beauftragt worden, dass sich die Mannschaft für genau diese WM qualifizieren soll", sagt Melnaes.

"ProFans"-Sprecher: "Erdrückende Zahl von Zuschriften"

Angesprochen auf die Entwicklungen in Norwegen sagte FIFA-Präsident Gianni Infantino, dass ein Boykott nicht der richtige Ansatz sei. Nach Norwegen fordern auch Fanorganisationen in Dänemark, den Niederlanden und Deutschland, dass die jeweiligen Verbände auf die WM 2022 verzichten sollen.

Tod und Spiele: Die Klub-WM in Katar als Generalprobe für die WM

WDR 5 Sport inside – der Podcast: kritisch, konstruktiv, inklusiv 06.02.2021 49:18 Min. Verfügbar bis 31.01.2041 WDR 5


Download

"ProFans", eine bundesweite Interessenvertretung für aktive Fan- und Ultragruppen veröffentlichte Anfang März (08.03.2021) eine Stellungnahme. "Aber es gibt nichts, was es rechtfertigen könnte, die Menschenrechtsverletzungen in Katar hinzunehmen, ja, gar durch die Teilnahme am Turnier wissentlich, billigend zu unterstützen. Wir fordern den DFB auf, die Teilnahme an der WM in Katar abzusagen", heißt es.

"ProFans"-Sprecher Sig Zelt erklärt gegenüber sportschau.de, dass die Reaktionen auf die Stellungnahme positiv ausgefallen seien. "Wir haben eine geradezu erdrückende Zahl von Zuschriften bekommen. Es ist auf einen sehr, sehr positiven Boden gefallen. Es gab aber auch Reaktionen, die darauf abstellten, das sei nicht das richtige Mittel", so Zelt.

DFB: Vergabe nach Katar war problematische Entscheidung

Der Deutsche Fußball Bund schreibt in einer Stellungnahme an sportschau.de: "Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde von keinem Land aus politischen Gründen eine einzige WM-Endrunde boykottiert. Wir erachten es daher als nicht sinnvoll, das Turnier zu boykottieren." Der Verband räumt ein, dass die Vergabe an Katar eine in vielerlei Hinsicht problematische Entscheidung gewesen sei, und dass die Menschenrechtslage innerhalb des Verbandes intensiv diskutiert werde.

Neben "ProFans" gibt es in Deutschland weitere Fanorganisationen, die einen Boykott fordern. Der christliche Fanklub "Totale Offensive" von Borussia Dortmund forderte Vereinspräsident Dr. Reinhard Rauball auf, sich ebenfalls beim DFB für einen Boykott einzusetzen.

Vergleich zur Militärdiktatur in Argentinien während WM 1978

Der Journalist und Buchautor Dietrich Schulze-Marmeling ist Mitorganisator der Plattform #BoycottQatar2022, ein Zusammenschluss von Fans, Wissenschaftlern und Journalisten. Schulze-Marmeling sieht in der aktuellen Diskussion Parallelen zur Boykottbewegung im Vorfeld der Fußball-WM 1978 in Argentinien, als die regierende Militärjunta die WM zu Propagandazwecken ausnutzen wollte.

"Das Kalkül der Herrschenden in Argentinien, ein unbeflecktes Land der Weltöffentlichkeit zu präsentieren, ist damals nicht gelungen. Einen ähnlichen Effekt erhoffe ich mir bezüglich Katar", sagt Schulze-Marmeling. Die WM wird seiner Meinung nach stattfinden. #BoycottQatar2022 gehe es vor allem um Veränderungen im Land und im modernen Fußball. Nach Informationen von sportschau.de bereiten weitere Fangruppen Forderungen an Vereine der Bundesliga und 2.Bundesliga vor, sich gegen die WM in Katar auszusprechen.

Schulze-Marmeling: "Falsche Entscheidung, Turniere an solche Länder zu vergeben" Sportschau 19.03.2021 01:30 Min. Verfügbar bis 19.03.2022 Das Erste

Sportschau in Kontakt mit Gastarbeitern in Katar

Regina Spöttl, Mitarbeiterin von Amnesty International, sprach sich bei "watson.de" gegen einen Boykott aus. Es müsse auf Aufdeckung und Sichtbarmachung der Missstände gesetzt werden und den Dialog mit allen Beteiligten. Es gäbe Fortschritte in Katar, und ein Boykott würde diese um Jahre zurückwerfen, erklärte Spöttl.

Vor einem halben Jahr hatte Katar angekündigt, durch entscheidende Gesetze das umstrittene Kafala-System zu demontieren. Arbeiter sollen nun ohne Zustimmung ihres Arbeitgebers den Job wechseln können und der Mindestlohn wurde auf umgerechnet 230 Euro erhöht.

Experten haben die Ankündigungen zwar begrüßt, doch Ankündigungen gibt es in Katar seit vielen Jahren. Dafür, dass die Gesetze nicht angewendet werden, gab es in der Vergangenheit genügend Beispiele. Sportschau.de ist es gelungen, mit mehreren Gastarbeitern in Katar zu sprechen. Immer wieder erzählen sie uns, dass der Wechsel des Arbeitsplatzes für viele Firmen negative Folgen haben könne. Wenn Arbeiter eine Firma verließen, dann leide der Ruf dieser Firma. Viele Firmen würden ihre Arbeiter über die neuen Gesetze nicht aufklären.

Shura-Rat möchte neue Gesetze wieder ändern

Der Shura-Rat, eine beratende Versammlung des Emirs von Katar, hatte in der ersten Sitzung in diesem Jahr darauf hingewiesen, dass es wichtig sei, die Rechte der Arbeiter zu schützen. Dass aber auch die Interessen der Arbeitgeber gewahrt werden müssten. Ein Vorschlag war, dass erst nach Vertragsende der Arbeitgeber gewechselt werden dürfe, außer es gebe triftige Gründe dafür oder die Zustimmung des Arbeitgebers.

Menschenrechtsexperten wie Nicholas McGeehan bleiben skeptisch, ob der Reformprozess in Katar wirklich umgesetzt wird. "Die Vorschläge des Shura-Rats zeigen deutlich, dass es großen Widerstand für eine Reform des Kafala-Systems gibt. Es muss mehr Druck auf Katar ausgeübt werden", so McGeehan. Die Boykottbewegung in Europa zeige, dass viele Menschen unzufrieden sind mit der Situation der Gastarbeiter in Katar, erklärt er weiter.

Nicholas McGeehan: "FIFA hat zu lange weg geschaut" Sportschau 19.03.2021 01:11 Min. Verfügbar bis 19.03.2022 Das Erste

Nur drei FIFA-Sponsoren antworten

Sportschau.de wollte von allen neun FIFA-Partnern und -Sponsoren wissen, wie die Unternehmen zur Boykottbewegung stehen, und inwiefern es einen Austausch mit der FIFA über die Arbeits- und Menschenrechtssituation in Katar gibt. Nur Adidas, Coca-Cola und Hyundai antworten fristgerecht bis Donnerstag (18.03.2021)

Adidas teilt mit: "Wir verfolgen die Entwicklung rund um die Weltmeisterschaft sehr genau, insbesondere vor dem Hintergrund, dass für adidas die Einhaltung von Menschenrechten auch bei seinen Zulieferern und Partnern eine hohe Priorität hat."

Für Coca-Cola sei die Achtung der Menschenrechte einer der Grundwerte des Unternehmens. Man wisse, dass die FIFA mit den katarischen Behörden zusammenarbeite. Hyundai erklärte, man werde als Partner der FIFA vom Jugend- bis zum Profibereich die Situationen rund um die verschiedenen Turniere genau beobachten.

Die Boykottaufrufe finden auch in der Bevölkerung hierzulande offenbar große Zustimmung. Laut einer repräsentativen Umfrage vom 18.03.2021 im Auftrag des Sport-Informations-Dienstes (SID) befürworteten 90 Prozent der Befragten einen Boykott der WM in Katar.

Stand: 19.03.2021, 09:51

Darstellung: