Was die DFB-Elf aus der EM lernen kann

Deutsche Nationalspieler und Hansi Flicki (r)

Nach Abschluss der EURO 2020

Was die DFB-Elf aus der EM lernen kann

Von Jörg Strohschein

Die deutsche Mannschaft ist bei dieser EM an ihrer Belanglosigkeit gescheitert. Die Trends setzten andere Nationen. Dabei ist die Aufgabe wie für den neuen Bundestrainer Hansi Flick gemacht - er hat das schon einmal hinbekommen.

Es sind die Bilder, die von dieser EM in Erinnerung bleiben werden. Etwa von Leonardo Spinazzola, wie der Außenverteidiger schier unaufhaltsam auf der linken Seite die Angriffe seines Teams einleitete, begleitete, vollendete. Oder der Spanier Dani Olmo: Wie der offensive Mittelfeldspieler sich mit dem Ball manchmal sogar um zwei Gegner drehte, und dabei so leichtfüßig aussah, als sei es das Leichteste auf dieser Welt.

Oder der Stürmer Sasa Kalajdzic, der den Ball aus schwierigster Lage mit der Stirn durch die kleinste Lücke bugsierte und die Österreicher damit gegen Italien zumindest die Hoffnung auf das Erreichen des Viertelfinales in der Nachspielzeit kurzzeitig erhalten hatte. Man könnte diese Liste noch deutlich verlängern: mit Dänen, Schweden und Spielern der übrigen teilnehmenden Nationen.

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Weniger verkopft, vielmehr pragmatisch

Was diese Profis eint, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit - sie alle spielten auf der Position, die ihnen am besten liegt, die sie am liebsten bekleiden. Gareth Southgate aus England, Roberto Mancini aus Italien, Luis Enrique aus Spanien, Franco Foda aus Österreich, Kasper Hjulmand aus Dänemark waren die Stars dieser EM - weil sie Teams formten, die anhand ihrer Stärken und Schwächen agierten. Weniger verkopft, vielmehr pragmatisch. Stars wie Ronaldo, Paul Pogba oder Kylian Mbappé spielten bei diesem Turnier eine eher untergeordnete Rolle.

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Anders die Herangehensweise bei der deutschen Mannschaft. Bundestrainer Joachim Löw hatte offenbar (zu) viel nachgedacht und nach Lösungen gesucht, die auf dem Papier funktionieren sollten. Weil er zu viele Eventualitäten betrachtete und das Risiko minimieren wollte. Der ausgeschiedene Bundestrainer vergaß dabei den Spaß am Spiel, die nötige Portion Autonomie und Anarchie der Akteure auf dem Feld.

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Auf dem Rasen widersprach die Realität der taktischen Betrachtungsweise. Der Kontrollzwang schluckte die Leichtigkeit des fußballerischen Seins. Das war am Ende so belanglos, dass das frühe Ausscheiden des DFB-Teams in der Öffentlichkeit nur noch mit einem desinteressierten Schulterzucken hingenommen wurde.

Einfachheit aus dem Blick geraten

Joshua Kimmich spielte anstatt im zentralen defensiven Mittelfeld als rechter Verteidiger. Ilkay Gündogan auf der "Sechs" statt auf der offensiveren "Acht". Thomas Müller eher Sturmspitze als rechter offensiver Außenbahnspieler. Allen sah man das Unbehagen an. Die DFB-Elf versank in der Beliebigkeit, nicht einmal die Spieler schienen noch zu wissen, für welchen Fußball sie eigentlich stehen sollen.

Die Einfachheit, das Einmaleins, ist dem deutschen Fußball seit einigen Jahren aus dem Blick geraten. Die so wichtig daher kommenden Diskussionen um abkippende Sechser, diametral verschiebende Verteidiger, vertikal agierende Mittelfeldspieler und viele weitere modern anmutende aber wenig hilfreiche Fachbegriffe haben den Blick auf das Wesentliche verwässert. Das Verkümmern etwa der Ausbildung von Mittelstürmern ist Folge der Annahme, dass Ballbesitz-Fußball mit angedeuteten Stürmern - so genannten Neuneinhalbern - die einzige Zukunft sei.

Erfolgreiche Umwege

Die über die letzten Jahre vorherrschende Annahme, ein guter Spieler kann nur sein, wer aus einem der namhaften Jugend-Leistungszentren eines Bundesligavereins kommt und diese Herangehensweise verinnerlicht hat, wurde bei dieser EM geradezu karikiert.

Olmo etwa gab seiner Karriere freiwillig in Kroatien und nicht in der Nachwuchsausbildung des FC Barcelona einen Schub. Kalajdzic spielte bei Admira Wacker Mödling, bevor er zum VfB Stuttgart kam. Spinazzola spielte lange in Foligno und Siena, bevor er zu Juventus Turin ging. Robin Gosens diente sich bei Jong Vitesse, Almelo und Bergamo hoch. Auch diese Liste ließe sich fortführen.

Kuntz hat es vorgemacht

Vorgemacht hatte es Löw ein Trainer aus dem eigenen Haus. Stefan Kuntz gewann mit der U21 jüngst überaus überraschend den EM-Titel. Weil er seine Spieler auf den Positionen eingesetzt hat, durch die sie sich überhaupt für die Auswahl qualifiziert hatten. Weil Kuntz die im Vergleich zur Konkurrenz vermeintlich schlechteren Einzelspieler zu einem Team formte, das sich in seiner Summe über den Individualismus hinwegsetzte.

Ein Trend, der sich auch bei der jetzt abgelaufenen Männer-EM zeigte. "Du bist in diesem Abenteuer nur bis zum Schluss dabei, wenn du bereit bist, deine Seele für deine Teamkollegen zu geben", sagte Spinazzola über die unverrückbaren Regeln der Azzurri.

Löw-Nachfolger Hansi Flick hat nun eine ähnliche Aufgabe, wie er sie beim FC Bayern bewältigte. Er muss aus einer verunsicherten Mannschaft wieder die Positionen und die Lösungen finden, um den Charaktären und der Spielweise seiner Spieler möglichst nahe zu kommen. Bei den Münchnern hatte er damit überragenden Erfolg. Und einen adäquaten Ersatz für Robert Lewandowski findet Flick womöglich künftig in Freiburg, Kiel, Paderborn oder in der U21?

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Stand: 12.07.2021, 14:13

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