"Il Bomber" - die erstaunliche Entwicklung des Luca Waldschmidt

Luca Waldschmidt

DFB-Kader für die EM-Qualifikation

"Il Bomber" - die erstaunliche Entwicklung des Luca Waldschmidt

Von Tim Beyer

Luca Waldschmidt wurde erstmals in den DFB-Kader berufen. Er ist ein Angreifer, wie der Bundestrainer Joachim Löw ihn mag. Löw hat dessen Entwicklung bei der U21 verfolgt, für die Waldschmidt im Sommer ein sehr gutes EM-Turnier gespielt hat.

Es war ein heißer Sommertag Ende August und der Freiburger Luca Waldschmidt lag beim Physiotherapeuten auf der Massagebank, als plötzlich sein Handy klingelte. Am anderen Ende war der Bundestrainer Joachim Löw, er hätte gerne mit Waldschmidt gesprochen, denn die Sache war ja die: Löw hatte beschlossen, Waldschmidt erstmals in seinen Kader zu berufen, und natürlich hätte er ihm das gerne persönlich mitgeteilt. Doch weil Waldschmidt in diesem Moment nicht auf sein Handy achtete, verpasste er den Anruf des Bundestrainers. Und als er später zurückrief, ging Löw nicht mehr an sein Telefon.

Alles begann also damit, dass sich da zwei verpassten, die sich doch einiges zu sagen gehabt hätten. Waldschmidt hat kürzlich davon erzählt. Er sagte: "Es hat gedauert, aber dann haben wir uns doch noch erreicht." So hat Waldschmidt doch noch vorab die Nachricht erhalten, die kurz darauf publik wurde. "Löw nominiert Waldschmidt", man las das vor einer Woche überall. Waldschmidt, 23, könnte Debütant 103 in der Ära Löw werden, womöglich schon am Freitagabend (06.09.2019) gegen die Niederlande.

DFB-Team in freudiger Anspannung Sportschau 06.09.2019 01:29 Min. Verfügbar bis 06.09.2020 Das Erste

Natürlich wurde Löw anschließend um eine Erklärung gebeten, warum er nach der Verletzung von Leroy Sané nicht etwa Kevin Volland oder Maro Götze nominiert hatte, sondern Waldschmidt. "Bei der U21-EM hat mich Luca auf der Position, wie er sie interpretiert hat, sehr überzeugt", sagte Löw. Die Position, von der Löw sprach, war die des Mittelstürmers. Waldschmidt ist sicher kein klassischer Vertreter dieser Spezies, die in Deutschland so selten geworden ist. Er ist weder groß noch kräftig, den Ball spielt er lieber mit dem Fuß und nur in Ausnahmefällen mit dem Kopf.

Ein Angreifer, wie Löw ihn mag

Man sah das gut bei der U21-EM in diesem Sommer, bei der Deutschland bis ins Finale kam und dort Spanien unterlag. Waldschmidt lief in einem 4-3-3 als zentrale Spitze auf, doch auf seinem Rücken stand jene Nummer zehn, die eigentlich nur Spielmacher tragen. Und Waldschmidt spielte dann auch, als sei er beides zugleich: Spielmacher und Torjäger. Wie ein Zehner ließ er sich mitunter ins Mittelfeld fallen, um von dort aus Angriffe einzuleiten. Seine feine Technik und seine Übersicht halfen ihm dabei. Waldschmidt besetzte aber auch jene Räume im Rücken des Gegners, die für den schwer zu verteidigen sind. Und dann traf er auch noch, er hörte gar nicht mehr damit auf.

Sieben Tore in fünf Spielen

Sieben Tore hat Waldschmidt bei diesem Turnier in fünf Spielen erzielt, er wurde Torschützenkönig und auch in die Elf des Turniers gewählt. Bei der "Gazetta dello Sport" waren sie von diesen Auftritten so begeistert, dass sie Waldschmidt fortan gar "Il Bomber" nannten, er hatte offenbar Erinnerungen an Gerd Müller geweckt, den "Bomber der Nation".

Einmal, die deutsche U21 hatte gerade im zweiten Vorrundenspiel 6:1 gegen Serbien gewonnen, sprach der Trainer Stefan Kuntz einen wirklich klugen Satz. "Einen Horst sehe ich bei uns nicht im Nachwuchs, und wenn man den nicht hat, dann muss man anders spielen", sagte Kuntz. Der Horst, damit war Horst Hrubesch gemeint, der Vorgänger von Kuntz als Trainer der U21 und noch früher ein echter Mittelstürmer, großgewachsen und gefürchtet für seine wuchtigen Kopfbälle.

Waldschmidt hatte gegen Serbien drei Tore erzielt. Einmal umkurvte er drei serbische Verteidiger, es war eine Freude, ihm dabei zuzuschauen, dann traf er mit einem platzierten Flachschuss. Die beiden anderen Tore hingegen hatte Waldschmidt beinahe in Horst-Hrubesch-Manier erzielt: Hereingabe antizipiert, ein schneller Schritt weg vom Verteidiger, Fuß hingehalten, Tor.

Luca Waldschmidt im Fragenhagel Sportschau 06.09.2019 01:12 Min. Verfügbar bis 06.09.2020 Das Erste

Löw hatte Waldschmidt schon länger im Blick

Und vielleicht ist es genau dieser Mix doch sehr unterschiedlicher Qualitäten, der nun auch den Bundestrainer Löw neugierig gemacht hat. Denn dass bei der U21 einer rumlief, der gar kein Horst-Hrubesch-Typ ist, aber manchmal eben doch Horst-Hrubesch-Dinge machte, das war Löw nicht entgangen. Thomas Schneider war bei einigen Spielen im Stadion, auch der Co-Trainer Marcus Sorg und der DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Beim Finale gegen Spanien war dann auch Löw selbst vor Ort, noch auf der Tribüne sagte er: "Ich kenne alle Spieler gut, nicht nur Waldschmidt."

Achteinhalb Wochen sind seitdem vergangen, es dürfte für Waldschmidt ein aufregender Sommer gewesen sein. Schon während des Turniers brachten verschiedende ausländische Medien Waldschmidt mit europäischen Top-Klubs in Verbindung, hartnäckig hielt sich bis vor einigen Tagen das Gerücht, Benfica Lissabon werbe um ihn. Waldschmidt aber blieb beim SC Freiburg, an den ersten drei Spieltagen der neuen Bundesligasaison hat er zwei Tore erzielt.

DFB-Trainingsstart mit Debütant Waldschmidt Sportschau 04.09.2019 01:31 Min. Verfügbar bis 04.09.2020 Das Erste

Natürlich müsse sich Waldschmidt erst einmal an die neue Umgebung gewöhnen, sagte Löw in diesen Tagen immer wieder, an die Abläufe und die taktischen Vorgaben. Löw sagte aber auch: "Er ist ein Spieler, der gut zwischen den Linien agieren kann." Und wenn Waldschmidt einmal zum Abschluss komme, dann habe er "eine außergewöhnliche Schusstechnik".

Den HSV gerettet

Es wäre nun wirklich passend, wenn Waldschmidt ausgerechnet in Hamburg sein Debüt für die Nationalmannschaft feiern würde. Zwei Jahre stand er bis 2018 beim HSV unter Vertrag, gespielt hat er damals nicht wirklich viel. Und doch hatte er dort seinen einen großen Moment: Am letzten Spieltag der Saison 2016/17 war gerade die 88. Minute angebrochen, als Filip Kostic flankte und Waldschmidt per Kopf traf. In Hamburg sprechen sie noch heute vom Rettertor, der HSV blieb erstklassig, Gegner Wolfsburg musste in die Relegation.

"Von solch einem Moment habe ich seit meiner Kindheit geträumt, wahrscheinlich schon im Bauch meiner Mutter", hat Waldschmidt nach dem Spiel gesagt. Die Nationalmannschaft war in diesem Moment weit weg, sehr weit weg. Von ihr hat Waldschmidt womöglich nicht einmal zu träumen gewagt.

Stand: 06.09.2019, 08:30

Darstellung: