Lehrstunde in Sevilla - Deutschlands historische Niederlage gegen Spanien

Deutschlands Leon Goretzka und Niklas Süle (r.) sind nach einem Tor der Spanier enttäuscht

Spanien - Deutschland 6:0

Lehrstunde in Sevilla - Deutschlands historische Niederlage gegen Spanien

Von Robin Tillenburg und Jo Herold

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat den Gruppensieg in der Nations League mit Pauken und Trompeten verpasst. Gegen Spanien zeigte die DFB-Elf sich am Dienstagabend (17.11.2020) in allen Belangen unterlegen.

Es war einer der schwärzesten Tage in der Ära von Joachim Löw. Durch das 6:0 (3:0) der Spanier zog das Team von Luis Enrique an Deutschland vorbei und sicherte sich den Gruppensieg. Ein Remis hätte den Deutschen gereicht. Von dem waren sie aber meilenweit entfernt. Die letzte Niederlage mit sechs Toren Differenz hatte es zuletzt 1931 gegeben. "Das war ein rabenschwarzer Tag für uns", sagte ein nüchterner Löw nach der Partie, "es hat nichts gestimmt." Und auf die ausgebooteten Spieler wie Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng angesprochen, meinte der Bundestrainer: "Wir schenken den aktuellen Spielern das Vertrauen, da gibt es keinen Grund zu handeln."

Joachim Löws Statement nach der historischen Niederlage gegen Spanien

"Das ist schwierig zu erklären. Es war ein rabenschwarzer Tag, an dem gar nichts funktioniert hat. Körpersprache und Zweikampfverhalten, davon hatten wir nichts heute. Nach dem 0:1 haben wir unser gesamtes Konzept aufgegeben. Da hat Spanien uns ausgespielt. Wir sind irgendwo rumgelaufen - keine Organisation, keine Nähe zum Mitspieler, keine Kommunikation. Wir haben Dinge vorher klar besprochen, was wir wollen, was wir nicht wollen. Wir sind hinter den Aktionen hergelaufen. Wir haben gesagt, dass wir unseren Spielern vertrauen. Heute haben wir gesehen, dass wir noch nicht so weit sind wie geglaubt oder wie gehofft. Wir waren auf einem guten Weg. Wir vertrauen den Spielern weiterhin, wollen das analysieren und zurückschlagen. Heute sind wir absolut zurückgeworfen worden. Das ist eine große Enttäuschung." Toni Kroos: "Das ist nicht meine bitterste Niederlage, aber eine der klarsten. Das tat weh. Das Problem ist, dass wir defensiv überhaupt keinen Zugriff bekommen haben. Spanien hat uns alles vorgemacht: mit Ball, ohne Ball. Das Spiel müssen wir analysieren. Es ist einiges zu tun."

Löw frustriert: "Es hat gar nichts funktioniert" Sportschau 17.11.2020 07:53 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 Das Erste

Ferran Torres mit drei Treffern

Alvaro Morata köpfte die Iberer in Führung (16. Minute), Ferran Torres (33.) und Rodri (38.) legten noch vor der Pause nach. Torres gelangen auch das 4:0 (55.) und das 5:0 (72.). Mikel Oyarzabal (89.) machte das halbe Dutzend voll. "Wir haben das Spiel zusammen komplett vergeigt. Die Körpersprache, die Kommunikation - das ist alles zu wenig gewesen", sagte Manuel Neuer am Sportschau-Mikrofon.

Nations League: Deutschland gegen Spanien - die Tor-Collage

Sportschau 17.11.2020 01:19 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 ARD Von Rieck Dahl


Spanien von Beginn an dominant

Bundestrainer Joachim Löw hatte seine Startelf gegenüber dem Sieg über die Ukraine auf einer Position verändert. Toni Kroos rückte für den gesperrten Antonio Rüdiger in die Mannschaft, Robin Koch dafür in die Innenverteidigung.

Die Partie ging für die DFB-Elf direkt stressig los. Nach fünf Minuten gab es den ersten Aufreger: Die Spanier forderten einen Strafstoß, weil Ilkay Gündogan Dani Olmo leicht am Bein traf - im Strafraum, wie die Fernsehbilder zeigten, doch Schiedsrichter Andreas Ekberg entschied auf Freistoß. Diesen trat Kapitän Sergio Ramos, der konnte aber Neuer nicht überraschen.

Bierhoff über Löw: "Das Vertrauen ist vollkommen da" Sportschau 17.11.2020 05:20 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 Das Erste

Die Gastgeber waren in allen Belangen präsenter als die DFB-Elf - und belohnten sich kurz darauf auch dafür. Nach einer Ecke von rechts stimmte die Zuordnung im deutschen Strafraum nicht, am langen Pfosten war Morata völlig frei und nickte aus kurzer Distanz ein. Serge Gnabry war zu weit weg und größentechnisch ohnehin unterlegen. Sechs Minuten später jubelte Morata erneut, sein Treffer wurde aber wegen einer knappen Abseitsposition zurecht zurückgepiffen.

Drei Gegentore nach Flanken oder Ecken

Der neue alleinige Rekord-Nationaltorhüter Neuer, der sich sein Rekordspiel wohl auch anders vorgestellt hatte, parierte nach einer halben Stunde dann reaktionsschnell einen Schuss des enteilten Torres, gegen den Philipp Max auf der Linksverteidigerposition größere Probleme hatte. Beim nächsten Versuch des Mannes von Manchester City waren sowohl Neuer als auch Max machtlos. Nach einer Flanke von rechts köpfte Olmo den Ball an die Latte, den Nachschuss verwandelte Torres volley ins linke Eck (33.).

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Die deutsche Mannschaft präsentierte sich passiv und behäbig und kam kaum einmal hinterher. Auch das nächste Gegentor fiel nach einer Flanke. Wieder war es ein Eckball, diesmal von links, der auf dem Kopf des von Gündogan kaum gedeckten Rodri landete. Und wieder landete die Kugel im Netz. Das 3:0 zur Pause war leistungsgerecht. Eine Torchance hatten sich Timo Werner und Co. nicht herausgespielt. "Keine Spannung, keine Körpersprache, keine Aggressivität" urteilte Sportschau-Experte Bastian Schweinsteiger.

Torres vollendet zwei Konter - Oyarzabal setzt den Schlusspunkt

Den zweiten Durchgang begannen die Deutschen zwar zunächst mit etwas höherem Pressing, es dauerte aber nur zwei Minuten, bis die Iberer die nächste Gelegenheit hatten, mit zwei Schussversuchen aber hängen blieben. Wieder verhinderte Neuer noch Schlimmeres. Beim Versuch, offensiv eine Antwort zu geben, stand die Löw-Elf nun höher - und gab den Iberern dadurch Platz. Torres vollendete einen Konter mühelos zum 4:0 (55.) und schenkte Jubilar Neuer nach einem Bilderbuch-Angriff gegen erneut passive DFB-Spieler auch noch ein drittes Gegentor ein (72.).

Spanien gegen Deutschland - die Tore Sportschau 17.11.2020 05:00 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 Das Erste

Auf einen Torschuss wartete nicht nur Sportschau-Experte Schweinsteiger bis dato vergebens. Vier Minuten später traf Gnabry mit einem starken Gewaltschuss die Latte. Der blieb das einzige deutsche Highlight an diesem Abend. Die Mannschaft schien sich aufgegeben zu haben. Das sechste Gegentor war folgerichtig.

Kroos: Niederlage "tat weh"

"Das Problem ist, dass wir defensiv überhaupt keinen Zugriff bekommen haben. Spanien hat uns vorgemacht wie man anläuft, wie man verteidigt. Und wir haben es nicht hinbekommen", erklärte ein sichtlich enttäuschter Kroos am Sportschau-Mikrofon und sprach von einer Niederlage, die "weh tat". Der Abschluss des Länderspieljahres 2020 ist somit gründlich misslungen. Das nächste Treffen der DFB-Elf ist erst für den März 2021 geplant.

Kroos: "Spanien hat uns alles vorgemacht" Sportschau 17.11.2020 00:58 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 Das Erste

Stand: 18.11.2020, 00:07

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