DFB-Elf gegen Spanien - konstant desolat über 90 Minuten

Manuel Neuers Reaktion nach dem 2:0 der Spanier

Analyse der 0:6-Niederlage in Spanien

DFB-Elf gegen Spanien - konstant desolat über 90 Minuten

Von Marcus Bark

Bundestrainer Joachim Löw findet deutliche Worte nach dem 0:6 in Spanien. Es war aber noch schlimmer, als er dachte, denn schon vor dem ersten Gegentor zeigte sich die Überforderung gegen einen extrem starken Gegner, auf den die Auswahl des DFB vielleicht zu selten trifft.

Joachim Löw hat schon und wird in den nächsten Tagen sicher noch heftige Kritik einstecken müssen. Eines wird der Bundestrainer sich aber nicht anhören müssen: Dass er die deftige Niederlage schön zu reden versuchte. Löw war am Mikrofon der Sportschau schonungslos: "Es hat gar nichts funktioniert."

Aber selbst diese Analyse hielt einer näheren Betrachtung im Detail nicht stand. Löw behauptete, dass seine Mannschaft nach dem 0:1 durch Alvaro Morata in der 17. Minute das "Konzept verlassen und irgendwie irgendwo rumgelaufen" sei.

Ohne den geringsten Druck

Nein, das war schon vorher der Fall, wie die Sequenz zeigt, die zum Eckstoß führte, den Morata im Duell mit Serge Gnabry (dieses Duell ist auch irgendwie irgendwo fragwürdig) einköpfte:  Nach einem weiten Pass von Manuel Neuer legt Leroy Sané unter starkem Druck direkt ab. Rodrigo gewinnt den Zweikampf mit Leon Goretzka und spielt in die Viererkette zurück, um geordnet aufzubauen. Das dürfen die Spanier in aller Ruhe erledigen. Elf Abspiele folgen, ohne auch nur den geringsten Druck der deutschen Mannschaft, bis Timo Werner einen Rückpass auf Torwart Unai Simon erzwingt.

Werner ist es dann, der beim folgenden Angriff nahe dran ist, Morata entscheidend zu stören und letztlich einen Pass zum Eckstoß ablenkt. Aber ansonsten auch in dieser Szene: Die deutschen Spieler sind jeweils weit weg von ihren Gegnern, zwischen den Ketten der 4-3-3-Grundformation ergeben sich für die Spanier Räume, in denen sie sich anspielen lassen und den Angriff extrem ballsicher und technisch hochwertig ausspielen.

Analyse - Deutschland begleitet Spaniens Aufbau nur Sportschau 18.11.2020 01:20 Min. Verfügbar bis 18.11.2021 Das Erste

Es war ein Mix aus Lethargie, taktischen Defiziten und zögerlichem Zweikampfverhalten, das zu der hohen Niederlage führte. Das deutete sich auch schon lange vorher an, nicht erst nach dem 0:1, das Löw als entscheidenden Rückschlag wertete.

Als Beleg eine Sequenz, die in der ersten Spielminute beginnt: Da die Spanier im Gegensatz zur deutschen Mannschaft geschlossen und energisch pressen, spielt Matthias Ginter einen weiten Verlegenheitspass, der bei Torwart Simon landet. Bis zum (harmlosen) Abschluss von Morata folgen 14 Abspiele, bei keinem davon geriet die Mannschaft von Trainer Luis Enrique in Gefahr, den Ball zu verlieren.

Analyse - Offene Räume für Spanien Sportschau 18.11.2020 00:56 Min. Verfügbar bis 18.11.2021 Das Erste

"Körpersprache, Körperspannung, Kommunikation" - in diesen Bereichen sah Löw Defizite, und es stellte sich die Frage, warum das so war. Die Aussicht, im Oktober 2021 auch noch ein Finalturnier in der ohnehin gering geschätzten Nations League spielen zu müssen, könnte eine Rolle gespielt haben. Vielleicht aber auch der Umstand, dass Deutschland zum ersten Mal nach langer Zeit wieder auf einen Gegner traf, der eben nicht Nordirland, Estland oder die Ukraine war, gegen die sich drei Tage zuvor in Leipzig auch schon Mängel in der Defensive gezeigt hatten. Spanien war am Dienstag (17.11.2020) nicht nur ein nomineller Gegner aus der höchsten Kategorie, sondern einer, der auch so spielte. Die deutsche Auswahl schien davon überrascht zu sein. Überfordert war sie auf jeden Fall.

Zu selten Gegner auf höchstem Niveau

Häufig betonen Löw und auch Direktor Oliver Bierhoff, dass es einen gewissen Umbruch nach der verkorksten WM 2018 gegeben habe, in dem sich die Eliteauswahl des deutschen Fußballs immer noch befinde. Es scheint, dass gerade die neu hinzugekommenen Spieler zu selten auf höchstem Niveau mit der Nationalmannschaft gefordert werden, auch wenn sie mit ihren Vereinen in der Champions League spielen. Aber auch dort gibt es erst - manchmal sogar spät - in der K.o.-Phase solche Herausforderungen, wie sie die Spanier eine waren.

Die Statistiken der Partie in Sevilla fielen so grausam aus, wie es das Spiel und das Ergebnis vermuten lassen. Die Spanier gaben 23 Schüsse ab, zehn davon erreichten das Tor. Bei der deutschen Mannschaft wird nicht mal Gnabrys Lattenschuss - einer von zwei Abschlüssen - als solcher gewertet.

Löw frustriert: "Es hat gar nichts funktioniert" Sportschau 17.11.2020 07:53 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 Das Erste

Dass die Spanier auf knapp 70 Prozent Ballbesitz kamen, ist nicht zwingend ein Beleg für den desolaten Auftritt der deutschen Mannschaft. Der Plan war so angelegt, deutlich zurückhaltender anzugreifen als die Spanier und dann nach Ballgewinn schnell vor das Tor zu kommen.

Doch diese Ballgewinne gab es nicht. Der Weltmeister von 2010 drückte den von 2014 dermaßen in der eigenen Hälfte fest, dass Deutschland wie Estland erschien.

Als Beleg hierfür die Sequenz direkt nach dem harmlosen Abschluss von Morata in der zweiten Minute: Neuer wirft den Ball auf Philipp Max ab, die Spanier stellen eine Überzahl von 4:3 her, weil Innenverteidiger Sergio Ramos extrem weit nach vorne rückt und Werner attackiert. Dem Stürmer bleibt nahe der Eckfahne nur der verzweifelte Pass weit nach vorne. Dort verliert Gnabry ohne jede Chance einen Zweikampf. Gespielt waren nicht mal zwei Minuten.

Analyse - Spanien führt perfektes Pressing vor Sportschau 18.11.2020 00:25 Min. Verfügbar bis 18.11.2021 Das Erste

Stand: 18.11.2020, 10:14

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