Proteste für Menschenrechte - alles abgesegnet?

Deutschlands Joshua Kimmich (l) und Torwart Manuel Neuer tragen vor dem Spiel gegen Rumänien die Rückennummer auf der Brust

Qualifikation für die WM 2022 in Katar

Proteste für Menschenrechte - alles abgesegnet?

Von Dorian Aust

Nach der zweiten Protestaktion der Fußball-Nationalmannschaft bleiben die Fragen: Warum sind die Proteste so vage und wer hat sie wirklich initiiert? In den Niederlanden entwickelt sich unterdessen eine Protestbewegung.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wählte für ihren zweiten Protest zur Menschenrechtslage in Katar erneut einen symbolträchtigen und nicht weniger prominenten Zeitpunkt: WM-Qualifikationsspiel gegen Rumänien, Sonntagabend, beste Sendezeit.

Beim Mannschaftsfoto trugen die Spieler sowie die Ersatzspieler auf der Tribüne ihre Trikots verkehrt herum. Mit der Rückennummer auf dem Bauch habe man auf die 30 Artikel in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen hinweisen wollen.

Katar nicht konkret benannt

Der Adressat dieser Botschaft war, wie auch schon am Donnerstag beim Spiel gegen Island, eindeutig: Katar. Dem Wüstenstaat werden schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen - auch auf den Baustellen für die WM-Stadien. Doch Katar wird in keiner Weise erwähnt. Weder auf den Shirts, noch in den sozialen Netzwerken des DFB. Und auch in den Interviews wird das "K-Wort" geschickt umgangen.

"Ich denke, es gibt einen guten Grund, das so allgemein zu halten", sagt Sportrechtler Dr. Michael Lehner im Sportschau-Interview. "Wenn man solche Angriffe konkret benennt, könnte das von der FIFA anders beurteilt werden", so Lehner weiter. Bei dieser Form des Protests könne man immer noch sagen, es sei kein politisches Statement.

FIFA sieht bisher zu

Der Weltverband FIFA verzichtete bislang nämlich auf Sanktionen gegen die Teams aus Norwegen, Dänemark, den Niederlanden und eben Deutschland, obwohl politische Statements bei Spielen eigentlich untersagt sind.

Auch wenn Manuel Neuer nach dem Rumänien-Spiel erneut bekräftigte, die Idee zum Protest sei aus der Mannschaft heraus entstanden, dürfte der Glaube an spontane Ideen der Spieler seit dem "Making-of-Video" längst begraben sein.

Mit dem Video von der Entstehung des "Human-Rights"-Schriftzugs vor dem Island-Spiel hat sich der DFB einen Shitstorm eingehandelt und viel gerade gewonnene Glaubwürdigkeit wieder verloren.

PR-Debakel des DFB - "Millionäre als Missionare mit Malerrollen"

Sportschau 27.03.2021 01:49 Min. Verfügbar bis 27.03.2022 ARD Von Burkhard Hupe


"Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das beim DFB alles genau durchüberlegt ist", sagt Sportrechtler Lehner. Er glaubt nicht an einen Alleingang der Spieler, sie hätten sich sicherlich rückversichert. Der Protest der deutschen Nationalspieler ist also möglicherweise von Beginn an juristisch begleitet worden, um der FIFA nicht zu sehr auf die Füße zu treten.

Protestbewegung aus den Niederlanden

Bislang noch ohne deutsches Zutun formiert sich zeitgleich eine Protestbewegung. Unter dem Slogan "Football Supports Change" ("Fußball unterstützt Wandel") sollen sich möglichst viele Nationalmannschaften und Verbände vereinen und gemeinsame Aktionen durchführen. Die Idee kommt aus den Niederlanden.

Man wolle auf die Probleme in Katar hinweisen und stehe selbst bereits in Kontakt mit der katarischen Botschaft. Bald soll eine niederländische Delegation an den Golf reisen, um sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen, teilt der Verband auf Sportschau-Anfrage mit.

Demnach seien die Spieler der "Elftal" mit dem Wunsch, etwas zu machen, auf den Verband zugekommen. Beim WM-Qualifikationsspiel am Samstag (27.03.2021) gegen Lettland trugen die Spieler dann erstmals Shirts mit dem Slogan. Am Sonntag zog Dänemark mit den gleichen Shirts nach.

Gemeinsame Aktionen geplant

Niederländische Spieler betreten das Spielfeld mit T-Shirts mit der Aufschrift Football Supports Change

Niederländische Spieler betreten das Spielfeld mit T-Shirts mit der Aufschrift "Football Supports Change".

"Es wird effektiver sein, wenn wir kollektiv handeln und verschiedene Länder zusammenbringen, als wenn wir einzeln handeln", sagte "Oranje"-Angreifer Memphis Depay. Verteidiger Matthijs de Ligt erklärte, dass man deshalb bereits mit mehreren Spielergewerkschaften in Kontakt getreten sei.

Der niederländische Verband hat gegenüber der Sportschau bestätigt, dass mehrere Verbände direkt auf die Kampagne aufmerksam gemacht wurden, ob der DFB dabei war, wollte man nicht bestätigen - alles andere würde allerdings überraschen. Der DFB teilte auf Sportschau-Anfrage ebenfalls mit, dass man mit verschiedenen Nationalverbänden im Austausch stehe, mit welchen blieb auch hier offen.

Der dreimalige Vizeweltmeister will andere Länder mitnehmen. Genauso wie die norwegische Mannschaft rund um Dortmunds Erling Haaland. Vor dem Spiel gegen die Türkei trugen die Norweger T-Shirts mit der expliziten Frage "Norway, Germany, Next?" - also: Wer macht noch mit und schließt sich an? Dazu hielten die Spieler die linke Hand hoch - das internationale Zeichen für Menschenrechte.

Norwegens Erling Haaland vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei

Norwegens Erling Haaland vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei

Wie realistisch ist ein Boykott?

Von einem Boykott wollen bisher jedoch alle Beteiligten absehen - Faninitiativen fordern immer wieder, die WM 2022 zu boykottieren. Auch Bundestrainer Joachim Löw hat sich unlängst dagegen ausgesprochen. Damit befinden sich die Verbände tatsächlich auf gleicher Linie wie die Menschenrechts-Organisation "Amnesty International".

Die Organisation sorgt sich viel mehr darum, dass ein Boykott die durchaus sichtbaren Verbesserungen vor Ort wieder zurückwerfen könnte. Die Menschen in Katar würden viel mehr auf internationale Solidarität als auf Boykotte hoffen. Es gehe um "internationale Aufmerksamkeit, die wirkungsvoll und laut auf weitere Verbesserungen drängt", heißt es in einer Mitteilung.

"Bei den internationalen Sportstrukturen heutzutage kann ich mir einen Boykott auf keinen Fall vorstellen", sagt Sportrechtler Lehner. Auch wenn es skandalös sei, dass Länder wie Katar durch die Sporterereignisse auch noch belobigt würden.

Stand: 30.03.2021, 08:19

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