Joachim Löw - zwischen den Extremen bleibt er sich treu

Joachim Löw

Rücktritt des Bundestrainers

Joachim Löw - zwischen den Extremen bleibt er sich treu

Von Marcus Bark

Er ist vom Genie so weit entfernt wie vom Versager. Joachim Löw ist in der Mitte zwischen den Extremen, und er ist sich dabei immer treu geblieben. Das könnte erst richtig geschätzt werden, wenn er nach der EM als Bundestrainer aufhört.

Ein Abend im Oktober 2003. Das Stadion heißt noch Westfalenstadion, der Wettbewerb noch UEFA-Cup. Austria Wien verliert mit 0:1 bei Borussia Dortmund und scheidet in der ersten Runde aus.

Unter der Tribüne, oberhalb der Kabinen, stauchen zwei österreichische Journalisten mit Wiener Dialekt den Trainer der Austria zusammen. Wie er denn so spielen lassen könne, das sei ja Angsthasenfußball gewesen, niemals sei so der 1:2-Rückstand nach dem Hinspiel aufzuholen gewesen.

Der Trainer hört sich das an, zieht an der Zigarette und schweigt. Es ist kein Schweigen, mit dem er sagt: Lass sie mal reden. Es ist mehr Verlegenheit, vielleicht gar ein bisschen Furcht.

WM-Triumph - es ist ein Schweben

Joachim Löw beim WM-Finale 2014

Joachim Löw beim WM-Finale 2014

Ein Abend im Juli 2014. Das Stadion heißt Estádio do Maracanã, der Wettbewerb Fußball-Weltmeisterschaft. Deutschland gewinnt das Finale mit 1:0 gegen Argentinien. Der Trainer lässt sich Zeit, der Beginn der Pressekonferenz verzögert sich. Vielleicht, wahrscheinlich sogar, hat er hinter der Tür noch geraucht.

Dann geht er zum Podium. Es ist mehr ein Schweben. Es ist ein Schweben, mit dem er sagt: Das war's. Selbst wenn ich nochmal mit Austria Wien aus dem UEFA-Cup fliegen oder es in vier Jahren gegen Südkorea in der Vorrunde verbocken werde - Ihr könnt mir gar nichts mehr!

Überraschender Rücktritt - seine Entscheidung

Ein Morgen im März 2021. Der Deutsche Fußball-Bund schreckt mit der Mitteilung auf, dass der Bundestrainer nach der Europameisterschaft im Sommer aufhören wird. "Ich gehe diesen Schritt ganz bewusst", wird der Trainer zitiert.

In Mitteilungen, gerade von solcher Tragweite, wird gerne weihevoll geredet, die Wahrheit auch ganz gerne gebeugt oder gar verschwiegen. Aber wie zu hören ist, war es tatsächlich allein die Entscheidung von Joachim Löw, die Nation aufzuschrecken.

Joachim Löw macht nach der EM Schluss Tagesschau 09.03.2021 02:44 Min. Verfügbar bis 09.03.2022 Das Erste Von Bernd Schmelzer

Argumente dafür, Argumente dagegen

Nicht, dass die Nation kollektiv in Tränen ausbricht. Löw ist kein Guardiola, kein Cruyff, kein Lobanowski, kein Sacchi. Löw ist gut, vor allem als Trainer einer Mannschaft, die nur ein paar Mal im Jahr zusammenkommt.

Löws Rücktritt halten viele für zu spät. Es gibt Argumente dafür, es gibt welche dagegen. Es gibt Argumente dafür, ihn sofort freizustellen. Es gibt Argumente dafür, ihn als "lame duck", also lahme und vermeintlich machtlose Ente trotzdem in die EM watscheln zu lassen.

Verstellt sich nicht, fürchtet sich nicht

Das Argument lautet: Es ist Joachim "Jogi" Löw. Der macht, was er ohnehin vorhatte, der verstellt sich nicht, der fürchtet sich nicht. Austria Wien ist lange Geschichte.

Es ist nun fast 15 Jahre her, dass dieser Joachim Löw Metallfiguren verschob und im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft das korrekte Verschieben einer Vierekette beibrachte, als das in anderen Nationen schon U-16-Auswahlen beherrschten.

Joachim Löw und Jürgen Klinsmann beim Länderspiel Deutschland gegen Brasilien im Jahr 2004

Joachim Löw und Jürgen Klinsmann beim Länderspiel Deutschland gegen Brasilien im Jahr 2004

Löw galt als Mastermind hinter dem Erfolg von Jürgen Klinsmann bei der WM 2006, genau wie Hansi Flick seit den Erfolgen beim FC Bayern nun als Mastermind hinter dem WM-Titel 2014 gilt.

Kritik an Löw - lange Lunte

Der Fußball wird häufig nur noch in Extremen betrachtet. Ab und zu hat sich Joachim Löw, anders als gegenüber den Wiener Journalisten, dagegen gewehrt.

Kritik, und die gab es in seinen Jahren oft und heftig, nagt an ihm wie an 99,9 Prozent der Menschheit. Aber die Lunte war meist länger als die Strecke von seiner Heimat im Breisgau in die Verbandszentrale nach Frankfurt.

Joachim Löw hört auf: Unverständlich und unverstanden

Sportschau 09.03.2021 02:14 Min. Verfügbar bis 09.03.2022 ARD Von Burkhard Hupe


Anders als die Heuchler der Branche

Dort hätten sie ganz gerne gehabt, dass er häufiger zu Tagungen erscheint, dass er dem Eindruck entgegenwirkt, er habe die Arbeit nicht erfunden. Löw tat es nicht, im Gegensatz zu Heuchlern der Branche, die über 25-Stunden-Tage klagen, tatsächlich aber mit einem Drittel sehr gut hinkommen, um ihre Arbeit zu erledigen.

Joachim Löw ist ein Genussmensch, das gibt er gerne zu. Er ist eitel, wie die meisten anderen auch. Er fragt sich, was Landesfürsten der Verbände und Reporter von ihm wollen, von ihm, dem Weltmeistertrainer.

Das ist weitaus eher normal als arrogant. Menschen werden häufig erst dann richtig geschätzt, wenn sie auf der Position fehlen, auf der sie lange waren.

Tom Bartels über die Ära Löw: "Es ist extrem viel bewegt worden - auf allen Ebenen" Sportschau 09.03.2021 04:26 Min. Verfügbar bis 09.03.2022 Das Erste

Stand: 09.03.2021, 14:30

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