Kommentar: Reinhard Grindel - irgendwie fremd

DFB-Präsident Reinhard Grindel bei "Legenden des Deutschen Fußballs"

DFB-Präsident tritt zurück

Kommentar: Reinhard Grindel - irgendwie fremd

Von Frank Hellmann

Der DFB-Präsident Reinhard Grindel ist schon wieder Geschichte. Doch seinen Rücktritt auf die Annahme einer teuren Uhr zu beschränken, führt auf die falsche Fährte. Als Fußball-Funktionär bewies der ehemalige Bundestagsabgeordnete zu oft wenig Gespür. Und ihm fehlte eine klare Haltung. Ein Kommentar.

Es ist ein langer, lichtdurchfluteter Gang in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der vom Haupteingang in den nach Trainerlegende Sepp Herberger benannten Tagungsraum führt, in der die Ahnengalerie der DFB-Präsidenten angebracht ist. Das Konterfei von Felix Linnemann ist hier zu finden, der bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs präsidierte. An den Drahtseilen daneben hängt Peco Bauwens, der den Verband in der Nachkriegszeit führte. Ein Stück weiter Hermann Neuberger, der von 1975 bis 1992 das Sagen hatte.

Spätestens nach Egidius Braun (1992 bis 2001) werden die Verweilzeiten deutlich kürzer. Seit Dienstag (02.04.2019) ist Reinhard Grindel als 14. DFB-Präsident auch schon wieder Geschichte. Er bitte um eine faire Beurteilung seiner am Ende nur dreijährigen Amtszeit, hieß es in seiner persönlichen Erklärung. Darin erweckt der 57-Jährige den Eindruck, als sei er tatsächlich nur über die Annahme einer 6.000 Euro teuren Uhr gestolpert, die er vom ukrainischen Verbandskollegen Grigori Surkis angenommen habe. Das ist natürlich grober Unfug. Und ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver.

Und seine Demission deutete sich auch nicht erst an, als ruchbar wurde, dass der wortreich für Transparenz des neuen DFB werbende Topfunktionär neben einer Entlohnung als Präsident und einer üppigen Aufwandsentschädigung im FIFA-Council noch über eine DFB-Tochter Vergütungen von 78.000 Euro erhalten hatte. Ungeschickter ging es kaum. Viele Mitarbeiter in der Otto-Fleck-Schneise atmen nun auf: Grindel konnte die meisten immer seltener mitnehmen. Eingeweihte beschrieben die Situation wie mit dem strengen Vater, der am besten auf Dienstreise ist, damit der Rest der Familie seine Ruhe hat.

Die komplette Rücktrittserklärung von Reinhard Grindel Sportschau 02.04.2019 04:59 Min. Verfügbar bis 02.04.2020 Das Erste

Profiteur des WM-Skandals

Politische Weggefährten erzählen, dass Grindel in seiner Zeit als CDU-Bundestagsabgeordneter (2002 bis 2016) eher ein Hinterbänkler war, der seine Karriere abseits der Rednerpulte vorantrieb. Allianzen bilden, Meinungen ausloten - aber selten klare Haltung beziehen. Jenes opportunistische Tun sollte sein Markenzeichen werden, als er 2016 beim DFB als Präsident begann.

Der zuvor als Schatzmeister tätige Grindel war der Profiteur des WM-Skandals, in dessen Zuge Vorgänger Wolfgang Niersbach gehen musste. Der Profifußball war an der Inthronisierung nicht beteiligt, und entsprechend argwöhnisch beäugte speziell die Deutsche Fußball Liga (DFL) den Quereinsteiger. Sein größtes Problem: Er blieb ein Fremder, auch weil es ihm an Empathie und Emotionen mangelte.

Gefürchtete Ausbrüche

Im Frankfurter Stadtwald machte bald der Begriff vom "grindeln" die Runde – damit war gemeint, wie ein Vorgesetzter unversehens seine Mitarbeiter zusammenstutzt. Seine cholerischen Ausbrüche waren gefürchtet, auch wenn der Familienvater sie in der Öffentlichkeit gut verbergen konnte. Als Grindel kürzlich vor laufender Kamera ein Interview mit dem Deutsche-Welle-Autor Florian Bauer abbrach, kam diese Facette zum Vorschein.   

Intern bröckelte die Hausmacht seit längerem, und schon sein Schlingerkurs in der Affäre Mesut Özil wäre ihm beinahe auf die Füße gefallen. Der Präsident hätte im Nachhinein besser dagestanden, wenn er auf die enge emotionale Verbindung des deutschen Nationalspielers und seines aus London operierenden Beraters zum türkischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hingewiesen hätte - aber um die EM-Bewerbung 2024 nicht zu gefährden, versuchte er sich in einer Diplomatie, die unglücklich wirken sollte.

Interessenskonflikt

Dazu beging der DFB-Chef den Fehler, auf zu vielen Themenfeldern mitreden zu wollen. Weniger wäre mehr gewesen. Übrigens auch bei der Zahl seiner Fernsehauftritte. Als ehemaliger Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios wusste Grindel freilich um die Macht der Medien. Ihm fehlte nicht unbedingt der Weitblick und gewiss nicht die Fachkenntnis - die Aktenlage war ihm fast immer bekannt - , aber mitunter macht ja der Ton die Musik. Und diesen traf Grindel häufig nicht.

Dazu kam, dass er in drei Funktionen bei DFB, FIFA und UEFA es unmöglich allen Herren recht machen konnte. Die Ziele und Pläne dieser drei Institutionen sind inzwischen so weit auseinandergedriftet, dass es auf die Politik übertragen fast bedeuten würde, gleichzeitig für Linke und AfD zu sprechen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Grindel musste in diesem Interessenskonflikt immer häufiger lavieren – und dabei landete er irgendwann im nächsten Fettnäpfchen.

Dass ihn Bundestrainer Joachim Löw ganz zuletzt erst in die Ausbootung der drei Münchner Weltmeister einband, sprach Bände über das beschädigte Vertrauensverhältnis zu wichtigen Angestellten. Die unnötige, weil voreilige Vertragsverlängerung mit Löw vor der WM 2018 war eine von mehreren Chefentscheidungen, die Grindel später auf die Füße fielen. Der DFB-Boss entwickelte sich zunehmend zum Ballast.

Arbeitswut und Terminhatz

An seinem Fleiß gab es nichts auszusetzen. Selbst Direktoren und Abteilungsleitern kam die Arbeitswut ihres Präsidenten fast schon unheimlich vor. Der gebürtige Hamburger schien an manchen Tagen an sechs, sieben Orten gleichzeitig zu sein. Eben noch in Miami, jetzt beim Bayrischen Rundfunk in München, morgen beim Werksbesuch in Wolfsburg. Vormittags auf dem Dorfsportplatz in der hessischen Provinz, abends bei der Talkrunde in einem Frankfurter Hotel mit Politkollege Wolfgang Bosbach und Trainerguru Christoph Daum. Davor Smalltalk, danach schnell weiter.

In der Terminhatz übersah Grindel bereits, wie ihm nicht nur viele Sachthemen entglitten, sondern welche Tretminen bereits seine Widersacher auslegten. Eines ist Reinhard Grindel daher dringend zu raten: wirklich nicht zu glauben, eine Luxusuhr habe ihn um das größte Amt eines deutschen Sportverbands gebracht.

Stand: 02.04.2019, 18:43

Darstellung: