Kommentar - die Nationalmannschaft zerstört ihren eigenen Mythos

Bundestrainer Joachim Löw mit deutschen Nationalspielern

0:6-Debakel in Spanien

Kommentar - die Nationalmannschaft zerstört ihren eigenen Mythos

Von Steffen Simon

Die einstmals wichtigste Mannschaft des Landes hat seit Juni 2018 den eigenen Mythos systematisch zerstört. Das 0:6 der DFB-Elf gegen Spanien war nur ein weiterer Tiefpunkt. Ein Kommentar von Steffen Simon.

Wenn Brasilianer einen richtig üblen Tag erwischen, sagen sie nicht, sie seien mit dem falschen Bein aufgestanden. Sie sprechen vom einem "1:7-Tag", erinnernd an die größte Fußballkatastrophe ihrer Geschichte, das WM-Halbfinale 2014.

Reden wir ab heute von einem "0:6-Tag", nachdem unsere Nationalmannschaft von Spanien die höchste Niederlage seit fast 90 Jahren kassiert hat? Ich fürchte nein.

Zusammenbruch des Gesamtsystems

Die einstmals wichtigste Mannschaft des Landes hat seit Juni 2018 den eigenen Mythos systematisch zerstört. Dies war nur ein weiterer Tiefpunkt. Aber es war mehr als eine historische Niederlage.

WDR-Sportchef Steffen Simon.

WDR-Sportchef Steffen Simon

Was am Dienstag in Sevilla geschah, war der endgültige Zusammenbruch eines Gesamtsystems. Das von Joachim Löw und Oliver Bierhoff. Zwei Fußballvisionäre, deren Konzepte den DFB von ganz unten (EM-Vorrundenaus 2004) nach ganz oben (WM-Titel 2014) und wieder nach ganz unten (WM-Vorrundenaus 2018, sportlicher Nations-League-Abstieg 2019, 0:6 gegen Spanien 2020) führten.

Löw wirkt hilflos

Löw sagte nach dem WM-Desaster, seine Taktikirrtümer seien "fast schon arrogant gewesen". Gestern Abend wirkte er fast schon hilflos. Er hatte vor und nach der Halbzeitpause zwei gegensätzliche taktische Ausrichtungen probiert, Spanien schoss jeweils drei Tore.

Es ist wahlweise ein Ende oder eine Zäsur. Der Abend von Sevilla bietet eine große Chance, das drohende Vorrundenaus bei der EM im nächsten Jahr zu verhindern. Jetzt kann man sich beim DFB wieder darauf besinnen, worauf es beim Fußball ankommt: Spiele zu gewinnen, egal wie.

Löw frustriert: "Es hat gar nichts funktioniert" Sportschau 17.11.2020 07:53 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 Das Erste

Beste Spieler nominieren - nicht die mit den besten Perspektiven

Jetzt kann man das Leistungsprinzip wieder einführen und die besten Spieler nominieren, nicht die mit den vermeintlich besten Perspektiven. Ich habe großen persönlichen Respekt vor Joachim Löw und Oliver Bierhoff. Ihre Leistungen sind herausragend. Leider bestätigt sich, dass man die größten Fehler im Moment des größten Erfolges macht.

"Die Mannschaft" ist so kaputt, dass es dringend jemanden braucht, der die einfachen Dinge des Fußballs beherrscht. Mit Stefan Kuntz, der zwei Mal hintereinander eher mittelmäßige U21-Teams in europäische Finals geführt hat, gibt es so jemanden beim DFB.

Bierhoff über Löw: "Das Vertrauen ist vollkommen da" Sportschau 17.11.2020 05:20 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 Das Erste

Stand: 18.11.2020, 09:33

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