interview

Länderspiel Deutschland - Ungarn Pal Dardai - "Die ungarische Mannschaft ist wie eine Maschine"

Stand: 22.09.2022 08:36 Uhr

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trifft am Freitag (23.09.2022) in Leipzig auf Ungarn. Es ist das vorletzte Gruppenspiel für beide Teams in der Nations League, es könnte eine Vorentscheidung um den Gruppensieg fallen. Pal Dardai ist ein ausgezeichneter Kenner des ungarischen Fußballs. Im Interview erklärt der 46-Jährige den sportlichen Aufschwung in seinem Heimatland.

Von Jens Mickler

Pal Dardai, die ungarische Mannschaft spielt derzeit groß auf in der Nations League. Zwei Siege gegen England, ein beachtliches Remis gegen Deutschland. Warum ist die Mannschaft im Moment so stark?

Pal Dardai: Erst einmal ein großes Kompliment an die gesamte Führung des ungarischen Verbandes, an die Trainer und den gesamten Stab, wie sie den Fußball in Ungarn aufgebaut haben. Nachdem ich die EM-Qualifikation damals als Nationaltrainer gemeinsam mit Bernd Storck geschafft hatte, musste die Mannschaft ausgetauscht werden, weil sie einfach zu alt geworden war. Jetzt gibt es einen Generationswechsel, den der jetzige Nationaltrainer Marco Rossi sehr gut vollzogen hat. Die Mannschaft funktioniert wie eine Maschine, wie ein italienscher Catenaccio. Sie steht sehr gut mit der Fünferkette. Wenn man versucht, nur mit Fußballspielen dadurch zu gehen – unmöglich. Man muss gegen die Ungarn in Führung gehen, sonst wird es sehr schwer.

Ungarn tritt mit drei Spielern von RB Leipzig an - Willi Orban, Dominik Szoboszlai und Peter Gulacsi -, bei denen es in der Liga gerade nicht gut läuft. Wird das Auswirkungen auf das Nationalteam haben?

Dardai: Nein, der Break in der Bundesliga ist eine Win-Win-Situation für RB Leipzig und die Spieler. Im Nationalteam herrscht gerade eine gute Stimmung. Die drei hatten ein optimales Trainingslager, dann kommen sie nun nach Leipzig - volles Stadion, gute Atmosphäre. Das wird helfen. Auch in Leipzig können die Ungarn wieder ein Unentschieden holen, vielleicht sogar einen Auswärtssieg. Wir wissen, dass Lothar Matthäus das mit den Ungarn damals auch in Kaiserslautern geschafft hat. Den Ungarn liegen die Top-Mannschaften. Sie stehen gut, können kontern, ein Ballbesitz von nur 35 Prozent stört keinen Menschen.

Pal Dardai als ungarischer Nationaltrainer im November 2014

Pal Dardai als ungarischer Nationaltrainer im November 2014

Ungarns zentraler Stürmer Adam Szalai ist mit seinen 34 Jahren mit Abstand der Älteste im Team. Beim FC Basel bekommt er wenig Spielzeit. Auch bei der Nationalmannschaft stand er wegen seiner Leistungen zuletzt ein wenig in der Kritik. Trotzdem hält Trainer Rossi an ihm fest. Ist das richtig?

Dardai: Adam ist der verlängerte Arm von Trainer Rossi. Ungefähr so wie Thomas Müller beim FC Bayern. Er moderiert das ganze Spiel. Wann gehen wir drauf, wann setzen wir ab? Er ist sehr diszipliniert bei Standards, offensiv wie defensiv, kann immer mitmachen. Die Mitspieler suchen ihn nach Balleroberung. Er sucht das Umschaltspiel, er wird gefoult, holt Standards heraus. Wie er vorne für die Mannschaft arbeitet  – einzigartig.

(Anm. der Redaktion: Adam Szalai wird aus der ungarischen Nationalmannschaft nach den Spielen gegen Deutschland und Italien zurücktreten. Das teilte Ungarns Fußballverband via Twitter mit.)

Wird es am Freitag gegen Deutschland ein Spiel auf Augenhöhe sein?

Dardai: Ich bin nicht hochnäsig, wenn ich sage, Ungarn sollte gewinnen. Deutschland hat im Hinspiel 70 Minuten lang kein Mittel gefunden gegen die Ungarn. Erst dann haben sie angefangen, mit langen Bällen hinter die Kette zu spielen. Von der individuellen Qualität ist Deutschland tausendmal besser besetzt. Aber es gibt Tage, da läuft es zäh, dann muss man es gemeinsam schaffen. Und bei diesem Gemeinsam ist Ungarn besser. Da sind wir eine Maschine.

Die Karriere von Pal Dardai

1997 - 2012 Spieler Hertha BSC (373 Spiele)
2001 - 2009 Spieler Ungarische Nationalmannschaft (28 Spiele)
2014 - 2015 Trainer Ungarische Nationalmannschaft (7 Spiele)
2015 - 2019 Trainer Hertha BSC (178 Spiele)
2021 Trainer Hertha BSC (31 Spiele)

Die Familie Dardai ist eine Fußball-Familie, auch ihre drei Söhne sind Fußball-Profis. Wie werden Sie den Freitagabend verbringen?

Dardai: Wir werden uns diesmal aufteilen. Ich bin vom ungarischen Verband zum Spiel eingeladen und wollte mit meiner Frau hingehen, aber mein Sohn Marton spielt ja mit der deutschen U21-Nationalmannschaft fast parallel in Magdeburg gegen Frankreich. Das schaffen wir also nicht gleichzeitig. So wird meine Frau nach Magdeburg fahren und ich nach Leipzig.

Wann sehen wir einen Ihrer Söhne in der ungarischen Nationalmannschaft?

Dardai: Das ist nicht meine Entscheidung. Die Kinder sind groß genug. Ich habe sie so aufgezogen, dass sie auch großen Respekt zu Ungarn haben, aber ihre Heimat ist Deutschland beziehungsweise Berlin, dort sind die geboren. Sie sprechen perfekt englisch, deutsch und ungarisch. Sie müssen das selbst entscheiden. Für Marton ist die deutsche U21-Nationalmannschaft das Beste, was ihm passieren kann. Es würde ihrem Image natürlich auch nicht schaden, für die ungarische Mannschaft zu spielen.

Pal Dardai mit seinem Sohn Marton, rechts: Niklas Stark

Pal Dardai als Hertha-Trainer mit seinem Sohn Marton.

Gibt es Männerabende im Hause Dardai, wo alle zusammen Fußball schauen?

Dardai: Sehr wenig, aber es gibt sie. Es ist sehr schwierig, das hinzubekommen, weil alle mit dem Fußball unterwegs sind. Manchmal kommt einer der Söhne und bringt seine Kumpels mit, dann können wir grillen und gemeinsam Fußball gucken.

Ihre Zeit bei Hertha BSC ist kürzlich nach 25 Jahren zu Ende gegangen? Wie denken Sie heute darüber, und was sind Ihre Pläne?

Dardai: Der Fußball ist ein Geschäft, das muss man akzeptieren. Ich habe es akzeptiert. Alles okay. Ich bin niemand, der sich überall anbietet. Es gab einige Angebote. Noch war nichts dabei für mich. Ich brauche eines, wo ich sage: Ich will das, ich kann das, ich mach das. Jetzt bin ich zu Hause. Ich bin Rentner (lacht). Meine rechtes Sprunggelenk ist siebenmal operiert worden, ich habe wirklich Probleme damit.

...und wenn der ungarische Verband sich meldet?

Dardai: Das ist nicht mein Ziel. Ich war schon ungarischer Nationaltrainer. Alles schön und gut. Nationaltrainer ist wieder eine andere Sache. Das macht man mit 60 bis 70 Jahren. Ich habe gerade nicht das Gefühl, dass ich morgen unbedingt ein Training leiten muss. Momentan fühle ich mich einfach sehr wohl, so wie es gerade ist.

Das Gespräch führte Jens-Martin Mickler.