Optimistischer Blick in die Zukunft: Hansi Flick

Fußball | Nationalmannschaft Flick überrascht - Koch, Weigl und Stach nominiert

Stand: 18.03.2022 13:30 Uhr

Hansi Flick hat genau abgewogen, warum er das WM-Jahr mit einigen personellen Überraschungen einläutet.

Von Frank Hellmann

"Wir wollen Spieler sehen, die wir nicht so gut kennen. Wenn wir das jetzt nicht tun, wann dann?“, stellte sich der Bundestrainer am Freitag in der digitalen Pressekonferenz selbst eine rhetorische Frage für die Länderspiele gegen Israel in Sinsheim (26.03.2022) und drei Tage später gegen die Niederlande in Amsterdam.

Robin Koch profitiert vom Ausfall von Niklas Süle

Denn im 26-köpfigen Aufgebot zum Auftakt des WM-Jahres tauchen durchaus überraschende Namen auf. Der Bundestrainer will in diesen Testspielen "einen Mix aus Ausprobieren und Einspielen finden". Wieder dabei sind Robin Koch (Leeds United), Julian Weigl (Benfica Lissabon) oder Benjamin Henrichs (RB Leipzig), die ihre letzten Einladungen noch in der Ära unter Joachim Löw erhalten hatten. Vor allem die Rückholaktion des 25-jährigen Koch und des ein Jahr älteren Weigl verdient unter besonderen Umstände Beachtung.

Der eine (Koch) profitiert davon, dass Stammverteidiger Niklas Süle wegen eines Muskelfaserrisses ausfällt, der andere (Weigl) soll sich auf der Position als Sechser zeigen. Flick sucht nämlich eine Art Joshua-Kimmich-Backup, "wir haben uns Gedanken gemacht, wer könnte Stabilisator sein, wer bietet Absicherung." Und der frühere Dortmunder zeige beim gerade ins Champions-League-Viertelfinale eingezogenen Spitzenklub aus Portugal, "dass er gut organisieren kann, dass er gut coacht - das brauchen wir."

Anton Stach fällt fast aus allen Wolken

Der nächste Kandidat auf dieser Schaltstelle ist der U21-Europameister Anton Stach. Den Stammsechser des FSV Mainz 05 hat Flick am vergangenen Mittwoch (16.03.2022) im Nachholspiel gegen Borussia Dortmund (0:1) beobachtet. "Wir wollen sehen, was für ein Potenzial er uns anbietet. Er hat gute Qualitäten, die er einbringt", lobte der DFB-Chef den 23-Jährigen aus der sportbegeisterten Stach-Familie.

Er hat auf fast schon kuriose Art von seiner Berufung erfahren. "Ich war mit (Teamkollege) Andy Lucoqui im Auto unterwegs. Er wollte gerade Musik anmachen auf meinem Handy und hat gesehen, dass ich einen verpassten Anruf habe: Er hat dann mein Handy auf Lautsprecher gestellt und zurückgerufen", erzählte Stach am Freitag.

"Als der Bundestrainer seinen Namen sagte, haben wir beide uns mit großen Augen angeguckt, und ich musste mich wirklich sehr konzentrieren auf das Autofahren, bin dann gleich zweimal falsch abgebogen. Mir ist alles aus dem Gesicht gefallen", berichtete der Mainzer Mittelfeldspieler über das kurze Telefonat mit Flick am Vortag.

Kein Spieler von Borussia Dortmund dabei

Interessant in diesem Zusammenhang, wen der Bundestrainer dafür nicht nominiert hat: nämlich keinen einzigen Spieler von Borussia Dortmund, immerhin die klare Nummer zwei der Bundesliga. Mats Hummels fällt wegen einer Covid-Infektion aus, bei Marco Reus kam die Krankheit dazwischen, sonst wäre wenigstens der BVB-Kapitän dabei gewesen, versicherte Flick, doch für Akteure wie Emre Can, Mahmoud Dahoud oder Julian Brandt reicht es derzeit nicht, während der bei Paris St. Gemain über Teilzeiteinsätze nicht hinauskommende Julian Draxler dabei ist.

Flick tröstete die nicht berücksichtigte Dortmund-Gruppe mit warmen Worten: "Das hat nichts damit zu tun, dass die Qualität nicht da ist. Sie sind weiter im Blickfeld." Sie müssten sich aber steigern, wollten sie für die WM in Katar (21. November bis 18. Dezember) ein Thema werden.

Viel weiter oben in der Hierarchie stehen mittlerweile Newcomer wie David Raum oder Nico Schlotterbeck von den Überraschungsmannschaften TSG Hoffenheim und SC Freiburg, wobei Flick dem blonden Aufsteiger Schlotterbeck sogleich das DFB-Debüt versprach: "Er wird sein erstes Länderspiel machen, hat aber noch Potenzial nach oben. Da muss noch eine Entwicklung stattfinden." Selbiges gilt für etliche Akteure im Aufgebot. "Wir erwarten einfach, dass jeder nochmal eine Schippe drauflegt.“ Dem Bundestrainer helfen die vier hochkarätigen Nations-League-Partien im Juni gegen Italien, England und Ungarn, die der "absolute Gradmesser" (Flick) für die WM-Tauglichkeit werden sollen.

Die Bilder aus der Ukraine machen ihn nachdenklich

Generell hat Flick aus diversen Gesprächen große Vorfreude seiner Akteure auf die kommenden Aufgaben im WM-Jahr herausgehört. "Man hat das Gefühl, jeder will dabei sein in Katar, jeder möchte Weltmeister werden. Das ist unser großes Ziel, da stapeln wir jetzt auch nicht tief", sagte der 57-Jährige zuletzt in der ARD-Sportschau. Der fünfte Stern soll her bei der Wüsten-WM. Sein Startrekord mit sieben Siegen in sieben Spielen macht Hoffnung. "Die ersten Wochen und Monate waren herausragend", bilanzierte der Bundestrainer, "es ist einfach schön, wie alle mitziehen und die Vorgaben gut umsetzen."

Bundestrainer Hansi Flick: "Hoffe auf Aufbruchstimmung"

Sportschau, 08.03.2022 02:00 Uhr

Dennoch stimmt auch Flick das Weltgeschehen dieser Tage überaus nachdenklich. Die Bilder aus der Ukraine zu sehen, sagte der Familienvater aus seinem Homeoffice in Bammental, "schmerzt einfach". Er sage deshalb: "Dass was wir machen, ist nur Fußball. Ich habe die Erwartung an meine Mannschaft, dass sie in dieser schwierigen Zeit Spaß und Freude vermittelt; dass es eine kleine Ablenkung ist für all die Menschen, die sich viele Sorgen machen."

So will die deutsche Nationalelf die nächsten Tage diverse Botschaften für den Frieden absetzen. Das Peace-Zeichen auf Bekleidung, Bannern und Banden soll die kommenden Tage prägen, wenn sich der gesamte Tross am Montag (21.03.2022) in Neu-Isenburg vor den Toren Frankfurt versammelt.

Das Aufgebot

Tor: Manuel Neuer, Marc-André ter Stegen, Kevin Trapp

Abwehr: Matthias Ginter, Christian Günter, Benjamin Henrichs, Thilo Kehrer, Robin Koch, David Raum, Antonio Rüdiger, Nico Schlotterbeck, Jonathan Tah

Mittelfeld und Angriff: Karim Adeyemi, Julian Draxler, Serge Gnabry, Ilkay Gündogan, Kai Havertz, Joshua Kimmich, Thomas Müller, Jamal Musiala, Florian Neuhaus, Lukas Nmecha, Leroy Sané, Anton Stach, Julian Weigl, Timo Werner