"War fahrlässig von Ilkay Gündogan und Emre Can"

Politikwissenschaftler Mahir Tokatli: Emre Can und Ilkay Gündogan haben fahrlässig gehandelt Sportschau 14.10.2019 07:23 Min. Verfügbar bis 14.10.2020 Das Erste

Politikwissenschaftler Mahir Tokatli kritisiert Nationalspieler

"War fahrlässig von Ilkay Gündogan und Emre Can"

Der Bonner Politikwissenschaftler Mahir Tokatli kritisiert die Nationalspieler Emre Can und Ilkay Gündogan. Das Foto eines Militärgrußes auf Instagram zu liken, sei fahrlässig. Nun gäbe es nur Verlierer - denn auch in der Türkei werden die beiden Spieler für ihr Vorgehen kritisiert.

Als Mahir Tokatli den Militärgruß der türkischen Spieler nach dem 1:0-Siegtreffer im Länderspiel gegen Albanien sah, da war ihm eines früh klar: "Das wird wieder eine große Welle machen". Umso überraschter war der Bonner Politikwissenschaftler, der unter anderem zum türkischen Fußball forscht, als die deutschen Nationalspieler Emre Can und Ilkay Gündogan auf Instagram ein Foto likten, also mit einer "Gefällt mir"-Angabe versahen, auf dem die türkischen Nationalspieler in Militärpose salutierten.

"Das war grob fahrlässig", meint Tokatli. Vor allem Gündogan hätte laut dem Politikwissenschaftler seine Lehren aus dem Sommer 2018 ziehen müssen, als ein Foto von ihm und Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für Aufsehen sorgte. Can hatte sich damals dagegen entschieden, an dem Fototermin teilzunehmen. "Es kann sein, dass sich die beiden gar nicht mit Erdogans Politik identifizieren", sagt Tokatli. "Aber durch diesen Like befürworten sie den Nationalismus in der Türkei. Das Foto ist ja eine klare Geste. Mit einem Militärgruß befürwortet man eindeutig diesen völkerrechtswidrigen Angriff der Türkei". Der Post von Nationalspieler Cenk Tosun, den Can und Gündogan zunächst mit einem Like versehen hatten, ist mit dem Text unterschrieben: "Für unsere Nation. Vor allem für jene, die für unser Land ihr Leben riskieren."

Auch in der Türkei hagelt es Kritik

Can und Gündogan haben ihre Likes inzwischen zurückgenommen. Beide betonen, dass ihre Likes "kein politisches Statement" gewesen seien. Die Kritik ist trotzdem groß - in Deutschland und auch in der Türkei. "Sie werden in der Türkei dafür kritisiert, ihre Likes zurückgezogen zu haben", sagt Tokatli. "Sie kriegen gesagt: Ihr steht nicht euren Mann, knickt bei Kritik sofort ein."

Bis vor wenigen Jahren war es bei türkischen Fußballspielen immer wieder zu regierungskritischen Plakaten oder Protesten der Fans gekommen. Die Fans von Besiktas Istanbul waren 2013 maßgeblich an den Gesi-Protesten beteiligt. Seit einiger Zeit gibt es in der Türkei aber das sogenannte "Passolig"-System, eine Art elektronisches Eintrittsticket. Darauf sind die Daten aller Fans, die im Stadion sind, gespeichert. Wer eine regierungskritische Parole ruft oder ein Anti-Erdogan-Plakat in die Luft hält, ist schnell ausfindig gemacht. "Politik spielt in türkischen Fußballstadien immer noch eine Rolle, ist aber nicht mehr regierungskritisch", sagt Mahir Tokatli. Auch beim Länderspiel der türkischen Nationalmannschaft gegen Albanien hätte es Gesänge vieler Fans gegeben, in denen sie sich für den Militäreinsatz der türkischen Armee in Nordsyrien ausgesprochen hatten. Insgesamt ist die Zustimmung für den Einsatz im ganzen Land sehr hoch.

Hilfloser DFB - Das darf Gündogan und Can nicht passieren

Sportschau 14.10.2019 02:00 Min. Verfügbar bis 14.10.2020 ARD

"Eiertanz von Fortuna Düsseldorf"

Das Krisenmanagement des Deutschen Fußball-Bundes findet der Politikwissenschaftler besser als im Vorjahr, als es die Aufregung um das Erdogan-Foto mit Gündogan und Özil gegeben hatte. "Damals hat der DFB aktionistisch gehandelt. Da ist es besser, die Dinge erst intern aufzuarbeiten und sich dann zu positionieren", meint Tokatli. Auch vom Bundesligisten Fortuna Düsseldorf waren mit Kaan Ayhan und Kenan Karaman zwei Spieler auf den Militärgruß-Fotos zu sehen. Sportvorstand Lutz Pfannenstiel hatte mit beiden Spielern gesprochen und "die Position des Vereins deutlich gemacht". Er sei davon überzeugt, so Pfannenstiel, "dass ihnen nichts ferner lag, als ein politisches Statement abzugeben". Politikwissenschaftler Tokatli kritisiert das Düsseldorfer Vorgehen: "Das war ein Eiertanz von Fortuna Düsseldorf. Sie haben ein halbgares Statement abgegeben und niemand weiß, was sie damit genau meinen".

Am Montagabend (14.10.2019) spielt die Türkei in der EM-Qualifikation in Paris gegen Frankreich. Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian hat seine geplante Teilnahme an dem Spiel aufgrund der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien im Laufe des Tages abgesagt.

Stand: 14.10.2019, 13:54

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