DFB: Länderspiele als Lebensversicherung

Länderspiele

Wert der A-Nationalmannschaft

DFB: Länderspiele als Lebensversicherung

Der Herbst steht im Zeichen der A-Nationalmannschaft. Gleich acht Länderspiele bestreitet das Team von Bundestrainer Joachim Löw zwischen September und November. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe.

Wer sich im Fußball vorwiegend für Spiele der deutschen Nationalmannschaft interessiert, der hat eine längere Durststrecke hinter sich. Mehr als ein Dreivierteljahr ist es mittlerweile schon her, dass Joachim Löw seiner ureigenen Aufgabe als Bundestrainer nachgehen konnte.

Ein 6:1-Schützenfest gegen Nordirland in der Frankfurter Arena rundete am 19. November 2019 nicht nur die EM-Qualifikation, sondern auch das Länderspieljahr ab. Selbst Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer kannte das Corona-Virus zu diesem Zeitpunkt nur aus seinem Medizinstudium. Wenn sich jetzt die DFB-Auswahl am Montag im Stuttgarter Waldhotel versammelt und am frühen Abend das erste gemeinsame Training im ehemaligen Waldau-Stadion absolviert, geht ohne die strengen Hygieneauflagen gar nichts mehr.

Die UEFA hält an Nations League unbedingt fest

Aber immerhin darf auch die A-Nationalmannschaft endlich wieder spielen, nächsten Donnerstag (03.09.2020) steht in Stuttgart der Klassiker gegen Spanien im Rahmen der Nations League an. Viele verwundert der Termin, weil in Deutschland dann die neue Saison für die meisten Profis mit DFB-Pokal oder Bundesliga noch gar nicht begonnen hat.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff begründet die Bevorzugung damit, dass die Nationalmannschaften zuletzt durch die Corona-Krise deutlich zurückgesteckt hätten - was zunächst ja auch stimmt, da nach der Zwangspause zuerst die nationalen Wettbewerbe, danach die Europapokalwettbewerbe ausgespielt wurden. Doch die Europäische Fußball-Union, kurz UEFA, hat sehr wohl darauf geachtet, dass die Auswahlteams nicht zu kurz kommen, weil sie um die Abhängigkeit von Einnahmen aus Länderspielen weiß.

Gerade die junge Nations League, zentral von der UEFA vermarktet, ist ein neu geschaffener Wettbewerb, den die Dachorganisation ungern opfern wollte. Deswegen stand es auch intern offenbar nicht zur Debatte, das sportlich immer noch fragwürdige Format beispielsweise auf eine einfache Spielrunde zu beschränken, nachdem in Champions League und Europa League auch die Hin- und Rückspiele durch eine einzige Partie ersetzt worden sind.

Jeweils drei Partien im Oktober und November

Stattdessen trägt die deutsche Nationalelf, die nur durch eine Aufstockung der ersten Kategorie dem Abstieg aus der Nations League in die B-Kategorie entging, in diesem Herbst so viele Länderspiele aus wie nie zuvor. Insgesamt sind es acht Begegnungen zwischen dem 3. September und dem 17. November, dem Nations-League-Rückspiel in Spanien. Dem Auftakt gegen die Iberer folgt drei Tage später das Nations-League-Auswärtsspiel in der Schweiz (06.09).

Jeweils gleich drei Partien der Löw-Elf sind zu den darauf folgenden beiden Abstellungsphasen vorgesehen. Im Oktober wird nämlich zunächst in Köln ein Freundschaftsspiel gegen die Türkei ausgetragen (07.10), dann geht es in der Nations League in die Ukraine (10.10.), ehe die Schweiz - wieder nach Köln - zum vierten Nations-League-Gruppenspiel kommt (13.10.). Ähnlich eng getaktet ist der Monat darauf mit einem Testspiel gegen die Tschechische Republik in Leipzig (11.11.), dem Rückspiel gegen die Ukraine ebenfalls in der Messestadt (14.11.) und besagtem Jahresabschluss in Spanien (17.11.).

Es sind nicht nur sportliche Gründe

Warum diese Terminhatz? Bierhoff sagt zur Begründung: "Für unsere junge Mannschaft ist es nach der langen Pause unheimlich wichtig, dass sie sich wieder einspielen und auf die verschobene EM 2020 vorbereiten kann." Doch es sind offenkundig auch wirtschaftliche Gründe, die Löws Ensemble in den Dauerbetrieb zwingen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hängt mehr als ihm lieb ist an den Einnahmen, die über Länderspiele der A-Nationalmannschaft generiert werden. Sie ist, so formulierten es selbst hochrangige Funktionäre, die Lokomotive, die den gesamten Verband zieht.

Vor der Corona-Krise erwirtschaftete der Verband Erträge von 405,2 Millionen Euro, nach Steuern betrug der Gewinn fast 20 Millionen, das Eigenkapital wuchs auf 170 Millionen. Das viele Geld erwirtschaftete direkt und indirekt jene Formation, die unter dem Markenbegriff "Die Mannschaft" antritt: Der Spielbetrieb brachte fast 70 Millionen, darunter die pauschalen Zahlungen der UEFA für die Überlassung der Vermarktungsrechte an der Nations League. 60 Millionen macht die TV-Vermarktung aus. Längst nicht so bedeutend sind die Zuschauereinnahmen: Ticketverkauf und Hospitality spülten im Länderspieljahr 2019 (mit sechs Heimspielen) zusammen 7,3 Millionen Euro in die Kassen.

Die Männer machen ein dickes Plus, die Frauen ein Minus

Weil der Aufwand bei der A-Nationalmannschaft nur 22 Millionen betrug, machten die Männer ein Plus von 47,5 Millionen. Zum Vergleich: Bei der Frauen-Nationalmannschaft kam unter dem Strich ein Minus von 1,8 Millionen heraus. Die U21 lag sogar bei einem Minus von 2,1 Millionen, die weiteren Junioren- und Juniorinnen-Nationalmannschaften häuften weitere Fehlbeträge von insgesamt rund acht Millionen an. Bedeutet: Außer der A-Nationalmannschaft sind die restlichen Auswahlteams nur Kostenfaktoren.

Auch die 2019 erheblichen gestiegenen Sponsoringeinnahmen von knapp 97 Millionen sind zum Großteil mit der A-Nationalmannschaft und deren Stars verknüpft, weil die wichtigsten Partner wie VW und Adidas vor allem deshalb im großen Stil investieren. Nur wenige Bundesliga-Bosse wie Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge wagten Kritik an den vielen Länderspielen in der Bundesliga-Hinrunde 2020/2021.

Ohne Länderspiele würden 77 Millionen Euro fehlen

Sie verstummte schnell, weil die Abstellungsperioden in den Monaten September, Oktober und November ohnehin fix im Rahmenterminkalender des Weltverbands FIFA verankert sind. Fakt ist aber, dass die Bundesliga ausweichen muss: Wegen des späten Saisonstarts und der vielen Unterbrechungen endet das Fußballjahr kurz vor Weihnachten, wenn erst 14 Spieltage bestritten sind. Alles unter der Voraussetzung, das Virus bringt nicht wieder den gesamten Spielbetrieb zum Erliegen.

Was auch für den DFB fatal wäre: Als Schatzmeister Stephan Osnabrügge Anfang Juli den Finanzbericht 2019 vorstellte, waren die Folgen der Corona-Krise bereits eingepreist. "Wenn es so läuft wie geplant, werden wir ein paar blaue Flecken in dem laufenden Jahr abbekommen, aber wir werden wirtschaftlich gesund sein", sagte Osnabrügge mit Blick auf das laufende Geschäftsjahr. Im schlimmsten Fall - wenn kein Länderspiel ausgetragen werden könnte - bezifferte der DFB das Minus auf 77 Millionen Euro für 2020. Damit rechnet der Schatzmeister aber nicht mehr.

Die Akademie frisst die Rücklagen auf

Kommen die acht Länderspiele zustande, dann sinkt der Fehlbetrag auf 16 Millionen Euro. Das kann der Verband leicht aus seinen Rücklagen (139 Millionen) ausgleichen. Aber: Durch den Bau der Akademie und neuen DFB-Zentrale werden sich die Rücklagen des Verbandes bis Ende 2021 deutlich reduzieren. Zur Finanzierung des 150 Millionen Euro teuren Leuchtturmprojekts wurde erstmalig in der DFB-Geschichte ein Kredit über 52,8 Millionen Euro aufgenommen.

Die Rücklagen, deren Untergrenze das Präsidium auf 40 Millionen Euro festgelegt hat, steht "zur Absicherung der ideellen Tätigkeit des DFB in Krisenzeiten zur Verfügung" und soll darüber hinaus "langfristig zur Schuldentilgung" eingesetzt werden, heißt es. Onabrügge erklärte dazu: "Ich bin optimistisch, dass wir trotz Corona die Untergrenze nicht unterschreiten werden. Trotz der Coronakrise ist die Liquidität des DFB uneingeschränkt gegeben." Vorausgesetzt, die A-Nationalmannschaft setzt nicht wieder zu lange aus.

Stand: 25.08.2020, 12:26

Darstellung: