Nationalmannschaft - Das Ende des Versteckspiels

Bundestrainer Joachim Löw

Neustart nach dem WM-Debakel

Nationalmannschaft - Das Ende des Versteckspiels

Von Tim Beyer

Sie wird sehnsüchtig erwartet, die große WM-Analyse des Bundestrainers. Lange hat Joachim Löw geschwiegen, am Mittwoch muss er sich erklären. Dann geht es auch darum, wie und mit wem er den Neuaufbau plant.

Zwei Monate können eine verdammt lange Zeit sein. Man konnte das in diesem Sommer hervorragend am Beispiel des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) beobachten. Seit dem Ausscheiden bei der WM sind acht Wochen vergangen, und alle haben sie geredet. Die DFB-Spitze, all die Experten und die, die sich dafür halten, auch einige Spieler. Es ging um das klägliche Aus, die Taktik, um die Mannschaft und die Frage, ob sie wirklich eine war. Um die Erdogan-Affäre, natürlich um den Rücktritt von Mesut Özil und all die unschönen Begleiterscheinungen.

Nur der Bundestrainer Joachim Löw, der Mann, der irgendwie immer auch Thema all dieser Diskussionen war, mochte nicht reden. Nun muss er.

Am Mittwoch (29.08.2018), so ist es verabredet, soll Löw seine lange erwartete WM-Analyse präsentieren. Und dabei gleich den Kader für das Länderspiel gegen Frankreich (6. September) in der Nations League und das Freundschaftsspiel gegen Peru drei Tage später verkünden. Vom DFB und der Deutschen Fußball Liga (DFL) hat sich Löw in der vergangenen Woche volle Rückendeckung für seinen Plan zusichern lassen. Bleibt die Frage: Was ist der Plan? Was soll sich ändern? Taktik, Dogma oder doch nur Personal?

Revolution? Unwahrscheinlich!

Weil Löw weiter eisern schweigt, kann man vorerst nur spekulieren. Es heißt, von Seiten des DFB habe es an Löw die Empfehlung gegeben, künftig doch ein wenig mehr wie Weltmeister Frankreich spielen zu lassen, und dafür ein Stück weit vom Dogma des Ballbesitzes rein um des Ballbesitzes wegen abzuweichen. Möglich auch, dass es Veränderungen im Team hinter dem Team geben wird. Chefscout Urs Siegenthaler gilt nicht mehr als unumstritten, seitdem er und sein Team Auftaktgegner Mexiko falsch entschlüsselt hatten. Auch Löw-Spezi Thomas Schneider soll auf der Kippe stehen, heißt es in verschiedenen Medien.

Man darf bezweifeln, ob das allein schon die "tiefgreifenden Veränderungen" sind, die DFB-Präsident Reinhard Grindel vom Bundestrainer erwartet. Auch der Kader wird sich verändern, es dürfte aber bei kleineren Anpassungen bleiben, schließlich machen mit Ausnahme von Özil und Mario Gómez nach aktuellem Stand der Dinge alle Spieler aus dem WM-Kader weiter.

Den Kern der Mannschaft dürften auch weiter die Weltmeister von 2014 um Kapitän Manuel Neuer, Jerome Boateng, Toni Kroos oder Thomas Müller bilden, ergänzt von einigen mittlerweile ebenfalls etablierten Confed-Cup-Siegern wie Marc-André ter Stegen, Niklas Süle, Antonio Rüdiger oder Leon Goretzka.

Max, Klostermann oder Havertz?

Und doch gibt es sie wieder, die Spieler, denen man durchaus zutrauen darf, dass sie eher früher als später zum Kader der Nationalmannschaft zählen. Sie lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen. Da sind diejenigen, die auf einer der wenigen Positionen spielen, die im hochdekorierten DFB-Kader als Problempositionen gelten. Das sind in allererster Linie die beiden Außenverteidiger-Posten, auf die zuletzt Joshua Kimmich und Jonas Hector ein Monopol hatten.

Links können der Augsburger Philipp Max und der Hoffenheimer Nico Schulz mit Dynamik, Offensivdrang und guten Flanken punkten. Ob das reicht, um die bisherigen Hector-Vertreter Marvin Plattenhardt (Hertha BSC) und den lange verletzten Marcel Hastenberg (RB Leipzig) zu verdängen? Lukas Klostermann (RB Leipzig) wäre der Gegenpart auf der rechten Seite, wobei fraglich ist, ob seine Offensivqualitäten den Vorstellungen Löws entsprechen. Hier könnte auch Thilo Kehrer (Paris St. Germain) ins Spiel kommen, der auch eine eher defensive Lösung wäre, dafür aber gleich für alle Posten in der Defensive in Frage käme.

Gibt es ein Petersen-Revival?

Womöglich könnte in diese Kategorie auch ein Mittelstürmer fallen, falls Löw den Neuaufbau mit einem solchen plant. Die Liste der Kandidaten ist allerdings sehr überschaubar, genau genommen umfasst sie mit Fast-WM-Teilnehmer Nils Petersen (SC Freiburg) nur einen klaren Kandidaten. Außernseiterchancen könnten - je nach Saisonverlauf - womöglich Maximilian Philipp (Borussia Dortmund) oder auch Mark Uth (Schalke 04) haben.

Die zweite Kategorie bilden Spieler, deren individueller Zuschnitt sie von denen abhebt, die (noch) als Platzhalter auf ihrer Position durchgehen. Kai Havertz (Bayer Leverkusen) ist so ein Mann. Wer ihm zuschaut, kann sich leicht vorstellen, dass auch Löw das gerne tut. Nur ist die Konkurrenz im zentralen Mittelfeld so groß wie auf keiner anderen Position.

Auch Serge Gnabry könnte so ein Akteur sein, sofern er sich bei den Bayern durchsetzt. Im November 2016 kam Gnabry schon zu zwei Länderspielen, gegen San Marino traf er damals dreimal. Sein großer Vorteil: Er kann auch vorne im Angriffszentrum spielen, denn dort ist nach dem Gómez-Abschied ein Platz frei.

Kehren Sané und Can zurück?

Ein Sonderfall ist Leroy Sané (Manchester City). Ihn hatte Löw vor der WM zur Überraschung vieler aussortiert, ihm aber gleichzeitig eine Perspektive für die Zeit danach aufgezeigt. Alles andere wäre auch unverständlich, vereint Sané doch Fähigkeiten, die ihn von fast allen seiner Konkurrenten abheben.

Auch Emre Can (Juventus Turin) könnte in den Kreis der Nationalmannschaft zurückkehren. Er würde sich durch seine Körperlichkeit und seine Wucht wie im Verein auch als potenzieller Khedira-Nachfolger anbieten, falls Löw beim Neuaufbau nicht mehr auf die Dienste des Routiniers setzen sollte.

Stand: 28.08.2018, 15:40

Darstellung: