DFB rechtfertigt Länderspiele trotz lauter werdender Kritik

Manager Oliver Bierhoff auf der DFB-Pressekonferenz

Nations League

DFB rechtfertigt Länderspiele trotz lauter werdender Kritik

Der Deutsche Fußball-Bund hält die Austragung von Länderspielen und Reisen quer über den Kontinent trotz steigender Coronazahlen weiter für gerechtfertigt und verweist vor allem auf vertragliche Verpflichtungen.

Für den Verband seien die abgeschlossenen Verträge bindend, "sofern die behördlichen Verfügungslagen dies erlauben", hieß es vom DFB in einer Mitteilung am Dienstag (17.11.2020), wenige Stunden vor der Niederlage im abschließenden Nations-League-Gruppenspiel in Sevilla gegen Spanien.

Alle Spieler und Offizielle würden sich zudem während der gesamten Abstellungsperiode konsequent und diszipliniert an die Maßnahmen des Hygienekonzepts halten, hieß es vonseiten des DFB weiter. Dies werde auch dadurch dokumentiert, "dass bisher keine Corona-Fälle im Kreis der Nationalmannschaft aufgetreten sind". Auch die Corona-Tests vor dem Spiel gegen Spanien seien negativ.

Partie zwischen Schweiz und Ukraine ersatzlos abgesagt

Dass der Umgang der Verbände mit der aktuellen Situation zumindest diskussionswürdig ist, zeigt die Absage des Spiels zwischen der Schweiz und der Ukraine: Wie die Europäische Fußball-Union (UEFA) am Dienstag mitteilte, sei es der Ukraine weder am Dienstag noch am Mittwoch möglich, eine spielfähige Mannschaft aufzustellen. Die UEFA-Disziplinarkommission wird daher über die Wertung des Duells entscheiden.

"In der Delegation haben sich in vier Tagen neun Personen angesteckt", sagte Kantonsarzt Roger Harstall, nachdem die Ukrainer am Dienstag drei weitere Corona-Erkrankungen bei Spielern sowie eines Teambetreuers bekannt gegeben hatten. Bei einer solch unkontrollierten Ausbreitung sei das Risiko von weiteren, noch nicht entdeckten positiven Tests zu hoch.

Auch sportlich ist die Entscheidung relevant, geht es doch um den Klassenerhalt in der deutschen Gruppe in der Division A. Die Schweiz könnte am grünen Tisch zum Sieger erklärt werden und würde somit den Abstieg in die Liga B verhindern.

Coronafälle bei mehreren Nationalteams

Die Ukraine ist nicht das einzige Sorgenkind im internationalen Fußball: Die südkoreanische Nationalmannschaft verzeichnete ebenfalls sechs positive Tests - und spielte trotzdem am Dienstag ein Testspiel gegen WM-Gastgeber Katar. Und das ausgerechnet in Wien: In Österreich herrscht seit Montag ein kompletter Lockdown. Die 7-Tage-Inzidenz für Österreich lag am Montag bei 527, bis 6. Dezember soll das öffentliche Leben still stehen.

Auch das Nations-League-Spiel zwischen Österreich und Norwegen am Mittwochabend gerät zur Farce: Die Gäste haben ihre komplette Mannschaft nach einem positiven Test in Quarantäne geschickt und treten mit einer Notelf an. Björn Guldvog, Chef der norwegischen Gesundheitsbehörde Helsedirektoratet, hält das Spiel für unverantwortlich. In einem offenen Brief an den norwegischen Verband und die Europäische Fußball-Union (UEFA) meldete er Zweifel am Hygieneprotokoll der UEFA an und empfahl, aktuell auf internationale Spiele zu verzichten.

"Wir sehen doch, dass sich immer mehr Spieler in ihren Mannschaften anstecken", sagte Guldvog dem norwegischen Rundfunk NRK, es bestehe ein "hohes Infektionsrisiko", internationale Begegnungen seien angesichts der Corona-Lage "nicht so klug. Ich erwarte, dass sich die UEFA als verantwortungsbewusster Akteur zeigt, der sich um die Gesundheit der Spieler und ihrer Familien sorgt".

Mourinho ätzt gegen Länderspiele

In all diesen Fällen wird zudem deutlich, was auch die Bundesliga-Manager bei den Länderspiel-Einsätzen fürchten: Das Infektionsrisiko steigt, weil die Spieler quer durch Europa reisen und die Profis natürlich mit Kollegen von vielen anderen Klubs in Berührung kommen.

"Eine großartige Fußball-Woche. Tolle Emotionen bei den Länderspielen, super Freundschaftsspiele und totale Sicherheit", schrieb Teammanager Jose Mourinho von Tottenham Hotspur ironisch bei Instagram.

Kritik am Umgang mit Positivtests bei Ukraine

Die Kritik an den Länderspielen war rund um das Nations-League-Spiel der DFB-Elf gegen die Ukraine am Samstag (14.11.2020) auch hierzulande weiter angewachsen. Trotz dreier positiver Coronatests beim Gegner hatte das Gesundheitsamt in Leipzig vor dem Anpfiff grünes Licht gegeben.

Löw zu positiven Tests der Ukraine: "Weiß nicht, was da bei der Ukraine passiert ist" Sportschau 16.11.2020 01:24 Min. Verfügbar bis 16.11.2021 Das Erste

Der DFB verwies nun erneut darauf, dass für die Austragung eines Spiels die jeweiligen behördlichen Verfügungslagen in den Veranstaltungsorten sowie die Weisungen der zuständigen Gesundheitsämter maßgeblich sind. "Diese sind für den DFB bindend, nach ihnen richtet sich der Spielbetrieb der Nationalmannschaften", hieß es.

Sportlich seien die Länderspiele - die Partie gegen Spanien war bereits die achte seit Anfang September - für die DFB-Auswahl ein wichtiger Gradmesser auf dem Weg zur EM 2021. Noch größer sei der wirtschaftliche Faktor, da die Einnahmen durch die Nationalmannschaft für die finanzielle Unterstützung des Amateur- und Nachwuchsbereiches laut DFB essenziell seien.

Mehrere Ukraine-Spieler positiv getestet nach Deutschland-Spiel Mittagsmagazin 17.11.2020 01:24 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 Das Erste

Löw demonstriert Gelassenheit

Bei der Ukraine standen vier der positiv getesteten Spieler auch gegen Deutschland auf dem Platz, Bundestrainer Joachim Löw blieb dennoch gelassen. "Die Testungen am Freitag und Samstag vor dem Spiel waren ja alle negativ. Der Arzt hat uns versichert, dass wir keine Angst zu haben brauchen: Denn wenn jemand am Spieltag getestet wird, ist er nicht infektiös", sagte Löw. Und Tim Meyer, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des DFB und der UEFA, sagte: "Während des Spiels ist die Ansteckungsgefahr ohnehin deutlich geringer als im Umfeld."

red/sid/dpa | Stand: 17.11.2020, 19:29

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