DFB-Akademie: Spatenstich für eine bessere Zukunft

DFB-Akademie

Akademie des Deutschen Fußball-Bundes

DFB-Akademie: Spatenstich für eine bessere Zukunft

Von Frank Hellmann

Die wahre Talsohle erlebt die deutsche Nationalmannschaft wohl erst in vier, fünf Jahren. Die neue DFB-Akademie soll Besserung bringen, doch nicht nur beim Neubau in Frankfurt ist Geduld gefragt.

Vor dem Abriss der alten Rennbahntribüne hat Winfried Naß noch schnell ein paar Handyfotos gemacht. So als wollte der Planungsleiter für die neue Akademie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB)  dokumentieren, dass die Klappsitze auch wirklich demontiert werden. Privatleute konnten kürzlich zuerst die Stühle abschrauben und mit nach Hause nehmen.

Selbst dagegen hatte der Frankfurter Renn-Klub sich noch gerichtlich gewehrt. Letztlich ohne Erfolg. Der DFB hat nun endgültig ein 15 Hektar großes Gelände im Stadtteil Niederrad erhalten, um das mächtige Kraftzentrum des deutschen Fußballs zu errichten, nachdem die Stadt Frankfurt nach endlosem juristischem Gezerre das Areal am 15. März 2019 offiziell übergeben hat. "Es wird auch Zeit", sagt der 65 Jahre alte Naß.

Sogar ein überdachter Kunstrasenplatz

Mit dem Baubeginn wird geklotzt statt gekleckert. Das Vorhaben darf maximal 150 Millionen Euro kosten. Das hat sich der Verband von der Basis absegnen lassen. Die Planungen sehen einen Gebäudekomplex mit mehr als 300 Metern Länge und vier Etagen vor. Geplant sind dreieinhalb Rasenplätze und ein überdachter Kunstrasenplatz, ein Technikparcours und andere Hilfestellungen.

Intern ist das Projekt seit geraumer Zeit mit der höchsten Dringlichkeitsstufe hinterlegt, weil auch die gesamte Verwaltung umzieht. Der Spatenstich erfolgt Anfang Mai, die Fertigstellung ist für 2021 avisiert. Hinterlegt ist ein Erbbauvertrag über eine Laufzeit von 99 Jahren. Durch den Bau seien Administration und Sport unter einem Dach, freut sich DFB-Präsident Reinhard Grindel.

Dadurch ergäben sich großartige Chancen für die Entwicklung des deutschen Fußballs, "von der Eliteförderung bis hin zum Service für unsere Regional- und Landesverbände". Für ihn ist "der neue DFB und seine Akademie das zweite Leuchtturmprojekt" - nach der Ausrichtung der EM 2024. Doch beides garantiert noch kein erfolgreiches Heimturnier. Die Nationalspieler, die in fünf Jahren die Hoffnungen tragen, sind ja alle schon aktiv. Nur wer sind diese Protagonisten?

Der deutsche Nachwuchs hat den Anschluss verloren

Wer sich mit Jugend- oder Stützpunkttrainern, Scouts oder Beratern unterhält, die den internationalen Quervergleich im Auge haben, hört Alarmierendes. Der deutsche Nachwuchs ist teilweise gar nicht mehr konkurrenzfähig. Nicht die U 16, nicht die U17 und auch nicht die U18 und U19. DFB-Direktor Oliver Bierhoff, zuständig für die Nationalmannschaften und Akademie, weist immer häufiger auf die Missstände hin: "Wir machen uns ernste Sorgen, was in vier, fünf Jahren nachkommt. Wir sehen im U15- oder U16-Bereich, dass die potenziellen Ausnahmespieler weniger werden."

Es gibt den 19-jährigen Kai Havertz (Bayer Leverkusen), aber dahinter lange nichts. "Andere Nationen sind agiler, flexibler, neugieriger", warnt Bierhoff. Sein Sportchef Joti Chatzialexiou hat kürzlich ein hartes Urteil gesprochen: "Wir selektieren zu früh, wir tauschen Spieler zu schnell aus, wenn sie nicht gleich funktionieren. Wir bilden zu wenig aus, und wir bilden nicht altersgerecht aus und vermitteln den Kindern zu wenig Spaß und Freude."

Auch für Bierhoff steht fest: "Es bedarf einer Richtungsänderung im deutschen Fußball. Wir können nicht so weitermachen." Der 50-Jährige setzt große Hoffnungen in die Akademie, sieht in ihr einen Dienstleister als auch einen Impulsgeber, denn: "In ihr wird Wissen aufgebaut, aufbereitet und geteilt. Für die Fußballfamilie, ihre Trainer, Manager, Spieler, Experten und Spezialisten." Es soll kein Feld geben, das nicht beackert wird, um den deutschen Fußball wieder besser zu machen. Und natürlich spielt die Digitalisierung eine immer größere Rolle.

Frankreich taugt nur bedingt als Vorbild

Neben Chatzialexiou und Steffen Deutschbein, der Leiter der Stabsstelle, sind Meikel Schönweitz, Cheftrainer U-Nationalmannschaften und Tobias Haupt, der neue Leiter DFB-Akademie in Bierhoffs Auftrag angehalten, die Probleme in einer Art Fünfjahresplan zu beheben. Ehrgeizige, intelligente Männer, die öffentlich zwar erst selten in Erscheinung getreten sind, aber längst die Missstände detailliert benennen können.

Gerade Akademieleiter Haupt hat schon konkrete Vorstellungen, wo angesetzt werden muss: bei der Nachwuchsförderung, aber auch bei der Trainerausbildung, die der 35-Jährige ebenfalls reformieren möchte. Und er sagt auch: "Die Akademie wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie nicht als Elfenbeinturm wahrgenommen wird." Der Professor für Sportmanagement und Social-Media-Marketing hat kürzlich der Weltmeisternation Frankreich einen Besuch abgestattet. Genauer gesagt deren Eliteschule Clairefontaine, in einem Waldstück gelegen, ein ganzes Stück von Paris entfernt.

Hier würden 60,70 der besten Talente mit 13 Jahren aus dem ganzen Land zusammengezogen und gesondert gefördert, erklärt Haupt. Das Konzept heißt "Pré-formation". Die Talente erhalten eine Vorausbildung in dem Alter, in dem sie motorisch am meisten lernen können. Fünf Tage in der Woche bleiben sie in Clairefontaine, um zu trainieren und in die Schule zu gehen. Es ist genau das System, das der junge Weltstar Kylian Mbappé durchlaufen hat.

Deutsche Ansätze sind akademischer

Bei der Besichtigung war die deutsche Delegation beeindruckt, doch in föderalen Strukturen kann so etwas unmöglich kopiert werden. Von dem Fakt ganz zu schweigen, dass hierzulande nicht so viele benachteiligte Kinder und Jugendliche wie aus den Banlieues französischer Großstädte mit aller Macht den sozialer Aufstieg über den Fußball schaffen wollen, weil sie sonst kaum eine andere Wahl haben.

Deutschland wird andere Ideen entwickeln müssen - und sie klingen schon jetzt deutlich akademischer. In Bierhoffs Bereich wird die Akademie gerne "Think tank", also Denkfabrik, genannt, weil die vielen Gedanken in ein großes Becken fließen, um dann der Motor für Innovationen zu sein. "Change Management" ist noch so ein Zauberwort dieser Direktion, die mit Jahresbeginn aus Platzmangel aus der DFB-Zentrale umziehen musste.

In dem neuen Gebäude gibt für die fast 100 Mitarbeiter keine festen Arbeitsplätze. Jeder soll mit jedem kommunizieren. Und diese Offenheit soll am besten bis auf den Bolzplatz reichen. Diese Mentalität müsse wieder den deutschen Fußball durchdringen, findet Bierhoff. So sollen die F-Junioren in Deutschland beispielsweise bald nur noch Zwei-gegen-Zwei statt Sieben-gegen-Sieben spielen. Aber wie sehen das die 25.000 Vereine, die solche Pläne umsetzen müssten?

Auch Löw ist in Sorge

Bundestrainer Joachim Löw sieht den Zwang zur Veränderung bis runter an die Basis. "Wir sind in manchen Bereichen von anderen Nationen überholt worden", stellt der 59-Jährige fest. Er fordert, dass der kognitive Bereich im deutschen Nachwuchs besser ausgebildet werden müsste. "Wir brauchen spielintelligente, lösungsorientierte Spieler. Es geht darum, wer unter Zeitdruck am schnellsten handelt. Die Räume werden immer enger, es gibt immer weniger Zeit. Aber diese Prozesse müssen bei den Acht-, Neun- und Zehnjährigen ansetzen. England, Frankreich und Belgien sind uns in dieser Ausbildung voraus", sagt Löw. Bierhoff glaubt: "Aus Talenten wieder Ausnahmespieler zu entwickeln, die Weltspitze werden, das ist ein Riesending." Genau wie die Akademie, die erst mit Verzögerung entstehen kann.

Stand: 26.03.2019, 07:15

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