Emre Can - zurück zu den Wurzeln

Emre Can

Nationalmannschaft

Emre Can - zurück zu den Wurzeln

Von Frank Hellmann

Das EM-Qualifikationsspiel gegen Nordirland am Dienstag (19.11.2019) in Frankfurt führt Emre Can zu den Anfängen seiner Karriere. Der 25-Jährige steht jetzt an einer entscheidenden Weggabelung. Seine ehemaligen Förderer preisen seinen besonderen Charakter.

Samad El Messaoudi macht gar keinen Hehl daraus, welch große Vorfreude er auf das letzte EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Nordirland am Dienstag (20.45 Uhr) empfindet. Der Leiter fürs Teammanagement und langjährige Trainer aus dem Nachwuchsleistungszentrum von Eintracht Frankfurt wird in der Arena im Stadtwald sein, um einen ehemaligen Jugendspieler zu sehen und zu treffen.

Mit dem in Mönchengladbach schwerer verletzten Luca Waldschmidt, dem im Aufbautraining befindlichen Niklas Süle und Emre Can sind gleich drei Kandidaten für die EM 2020 durch seine Schule gegangen. Aber nur Can kann im Frankfurter Stadtwald zum Abschluss der EM-Qualifikation zum Einsatz kommen. "Emre habe ich angeschrieben. Es wäre toll, wenn ich nach dem Länderspiel sein Trikot bekommen könnte", sagt El Messaoudi gegenüber Sportschau.

Ein robuster Kandidat für die Startelf

Der 45-Jährige war zwischen 2001 und 2017 als U15-Trainer für den Eintracht-Nachwuchs verantwortlich. Jahrgänge, bei denen nicht nur wegen der Pubertät viel Feingefühl erforderlich ist. El Messaoudi ist ein bisschen stolz, dass der Kontakt zu den meisten nicht abgerissen ist. Gerade mit Can stand er über die Jahre regelmäßig im Austausch: "Er hat mich auch in seiner Zeit beim FC Liverpool mehrfach zu einem Besuch an der Anfield Road eingeladen. Dass ich das nie angenommen habe, bereue ich ein bisschen." Weil er selbst an den Wochenenden viel unterwegs sei und Familie habe, sei die Stippvisite nie zustande gekommen.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Jetzt sollte dem  Wiedersehen nichts mehr im Wege stehen. Gegen die Weißrussen (4:0) brummte Can noch eine Sperre ab, gegen die Nordiren könnte ihm sein größtes Faustpfand zum 25. Länderspiel verhelfen: seine Robustheit.

Emre Can besucht seine alte Heimat Sportschau 14.11.2019 Verfügbar bis 14.11.2020 Das Erste

Zuletzt hatte Bundestrainer Joachim Löw gerade diese Eigenschaft für deutsche Nationalspieler eingefordert und öffentlich angeprangert, dass Profis in der Bundesliga viel zu schnell auf den Boden fallen würden. Dem international erprobten Can kann das kaum passieren. Wer bereits für den FC Bayern, Bayer Leverkusen, den FC Liverpool und Juventus Turin am Ball war, kann das nicht ohne Durchsetzungsvermögen schaffen.

Genauso Türke wie auch Deutscher

Emre Can wuchs als Sohn türkischer Einwanderer in der multikulturell geprägten Mainmetropole auf. Oft genug hat der Profi betont: "In Frankfurt spüre ich, dass ich zu Hause bin. Vor allem in der Nordweststadt, wo ich herkomme." Dort wohnen  Eltern und Schwester. Onkel, Oma und Opa leben hingegen noch in der Türkei. Der 25-Jährige hat sie oft im anatolischen Afyon besucht. Das gute Wetter und Essen, die schöne Landschaft, die gastfreundlichen Menschen dort gefallen ihm.

"Ich bin genauso Türke, wie ich auch Deutscher bin", sagte er einmal der "Frankfurter Rundschau". Warum sollen nicht zwei Herzen in einer Brust schlagen? Diese Haltung ging lange gut, bis auch ein Spieler, für den nie wirklich zur Debatte stand, wie die in Deutschland geborenen Kaan Ayhan, Kenan Karaman oder Hakan Calhanoglu für die Türkei aufzulaufen, mitten in vermintes Gelände geriet.

Vor dem EM-Qualifikationsspiel in Estland (3:0) gefiel Can genau wie Ilkay Gündogan ein Instagram-Foto seines ebenfalls bei Eintracht Frankfurt ausgebildeten Freundes Cenk Tosun. Can zog den "Like" unter dem Bild mit dem "Salut-Jubel" wenig später zurück, doch da war es schon zu spät. Die Rote Karte in Tallinn kam noch hinzu. Danach trat Can reumütig vor die Kameras, um seinen umstrittenen Beitrag in den sozialen Medien zu erläutern: "Es war einfach sportlich gemeint, weil er (Tosun, Anm. d. Red.) ein Tor geschossen hat. Es hat nix mit Politik zu tun. Ich bin gegen jegliche Art von Krieg oder sonst was."

Politikwissenschaftler Mahir Tokatli: Emre Can und Ilkay Gündogan haben fahrlässig gehandelt Sportschau 14.10.2019 07:23 Min. Verfügbar bis 14.10.2020 Das Erste

Talent voller Tatendrang

Weggefährten kennen ihn als einen Menschen, der vor allem im Fußball vorankommen wollte. Schon in seinem Stadtteilverein Blau-Gelb Frankfurt wirkten Talent und Tatendrang herausragend. "Als er als Zwölfjähriger zu uns kam", erzählt  sein Jugendcoach El Messaoudi, "war er noch recht schmal gebaut, wusste aber bereits genau, was er wollte. Wichtig  in dem Alter ist der Mind. Emre war klar in der Birne." Seinen Leitsatz beschrieb Can später einmal so: "Ich bin laut, ich gehe hart ran, ich laufe vorweg - so war ich immer, das wird sich nicht ändern."

Auch Armin Kraaz, der damalige Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, beschreibt gegenüber der Sportschau einen willensstarken Charakter: "Er war schnell, ballgewandt und gefühlt vorne und hinten gleichzeitig." Ihn verblüffte vor zehn Jahren das Gespräch am Riederwald, als der Frankfurter Bub seinen Wechselwunsch vortrug: "Unser neues Nachwuchsleistungszentrum befand sich gerade im Bau, wir waren in Containern untergebracht, als wir uns mit ihm und seinem Vater zusammengesetzt haben und ihn noch überzeugen wollten, bei uns zu bleiben."

Mit 14 Jahren kam das Angebot des FC Bayern

Der 14-Jährige wollte lieber das Angebot des FC Bayern annehmen. Weil in diesem Alter noch keine Förderverträge abgeschlossen werden konnten, besaß die Eintracht keine vertragliche Handhabe. Kraaz erzählt: "Während sein Vater durchaus geneigt war, erstmal den Weg in Frankfurt zu gehen, wollte der Sohn unbedingt zu den Bayern. Er sagte mir, er käme so schneller in die Premier League. Mich hat natürlich erstaunt, wie weit er schon gedacht hat." Bayerns Impresario Uli Hoeneß informierte den damaligen Frankfurter Vorstandschef Heribert Bruchhagen persönlich über den Wechsel.

Can debütierte als 17-Jähriger in der zweiten Mannschaft des FC Bayern, trainierte bald mit den Profis unter Jupp Heynckes. Erste Einsätze in der Triple-Saison 2012/2013 folgten, aber dem Überflieger ging es trotzdem nicht schnell genug. Denn nach herausragenden Leistungen bei der U17-WM in Mexiko stand er in den Notizbüchern europäischer Topklubs. Und siehe da: 2013 wechselte er zu Bayer Leverkusen, 2014 griff bereits der FC Liverpool zu. Can war mit 20 am Ziel seiner Träume.

In Liverpool war er "Mr. Versatile"

Die Anfield Road sollte vier Jahre sein Zuhause sein. Während ihn Brendan Rodgers vorzugsweise als Verteidiger aufstellte, durfte Can unter Jürgen Klopp auf seiner Lieblingsposition im defensiven Mittelfeld auflaufen. Der Vollgas-Fußball unter dem energetischen Lehrmeister mit dem Hang zum gelegentlichen Kontrollverlust schien ihm wie auf dem Leib geschneidert. Die Berufung für die DFB-Auswahl kam zwangsläufig zustande. Can durfte im September 2015 bei einem EM-Qualifikationsspiel gegen Polen - bezeichnenderweise ebenfalls in Frankfurt - debütieren. Das DFB-Magazin titelte: "Yes, he CAN". In Liverpool nannten sie ihn "Mr. Versatile" - Mister Vielseitig - aber dieser Vorteil sollte bei Löw vielleicht sogar ein Nachteil sein.

Bei der EM 2016 eroberte Joshua Kimmich den Stammplatz rechts hinten, das zentrale Mittelfeld beanspruchte die Weltmeister-Generation mit Sami Khedira, Toni Kroos, Bastian Schweinsteiger oder Mesut Özil. Aufsteiger Can wurde erst bei der großen Personalnot fürs Halbfinale gegen Frankreich (0:2) gebraucht.

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Und obwohl er beim Confed Cup 2017 in allen Spielen zum Einsatz kam, durfte der dynamische Defensivallrounder ein Jahr später nicht mit zur WM nach Russland: Wegen anhaltender Rückenprobleme war er lange ausgefallen, hatte sich aber zum Champions-League-Finale gegen Real Madrid (1:3) wieder zurückgekämpft - Löw verzichtete trotzdem auf ihn. Dabei hätte er solch einen widerstandsfähigen Typ gut brauchen können. 

Der nächste Wechsel zeichnet sich im Winter ab

Can steht jetzt an der Weggabelung: Er ist im besten Fußball-Alter und muss doch aufpassen, dass ihn der Umbruch nicht überrollt: "Ich hatte lange das Gefühl, ich bin der Jüngste, jetzt gehöre ich schon fast zu den Älteren." Und welche Position soll er spielen? Kimmich ist im zentralen defensiven Mittelfeld gesetzt und eigentlich auch noch der Ballverteiler Kroos. Rechts hinten spielt sich Lukas Klostermann fest. Can kann den Erneuerungsprozess jedoch nur prägen, wenn er im Verein regelmäßig spielt. In dieser Hinsicht war der ablösefreie Wechsel 2018 zu Juventus Turin kein Fortschritt.

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Seit der kauzige Italiener Maurizio Sarri das Sagen hat, sitzt der kampfstarke Deutsche meist auf der Ersatzbank. Für die Champions League wurde Can gar nicht gemeldet, was ihn im September bei der Nationalmannschaft zu einem wütenden Statement veranlasste. Weil die Situation sich nicht bessert, wird ein Wechsel im Winter immer wahrscheinlicher. El Messaoudi mag zu solchen Entscheidungen keinen Rat erteilen: "Mich wird er bei solchen Fragen nicht brauchen." Ihm würde es reichen, wenn er jetzt das Trikot bekäme.

Stand: 17.11.2019, 10:16

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