DFB-Elf 2019 - Anbruch, Bruch, Umbruch

Bundestrainer Joachim Löw spricht im Training mit seinen Spielern

Sieben Siege in zehn Spielen

DFB-Elf 2019 - Anbruch, Bruch, Umbruch

Von Marcus Bark (Frankfurt am Main)

Die deutsche Nationalmannschaft hat das Länderspieljahr 2019 erfolgreich abgeschlossen. Der Umbruch ist ganz gut gelungen. Aber es gibt noch zu häufig Brüche im Spiel, um Deutschland schon wieder zu den Topnationen zu zählen.

Eine Suchanfrage im Internet nach dem Nachnamen des Bundestrainers verbunden mit dem Begriff "Umbruch" ergibt zum Ende des Länderspieljahres 2019 etwa 206.000 Treffer. Während der Pressekonferenz nach dem überzeugenden 6:1 gegen Nordirland zum Abschluss der Qualifikation zur Europameisterschaft mied Joachim Löw das Wort. Serge Gnabry dürfte das gefallen haben. Der Schütze von drei Toren sagte am Dienstag (19.11.2019) in Frankfurt: "Ich finde es langsam nervig, immer noch vom Umbruch zu sprechen." Vielleicht findet er Gehör, aber für 2019 steht fest: "Umbruch" ist das Wort des Jahres beim DFB gewesen.

Spektakulärer Schnitt im März

Löw leitete ihn mit einiger Verspätung ein. Mesut Özil trat nach der missratenen WM in Russland unter sehr besonderen Umständen zurück, Sami Khedira wurde schon vor der Nations League, die im November 2018 mit dem inzwischen dank einer Aufstockung vermiedenen Abstieg endete, gestrichen.

Der spektakuläre Schnitt folgte im März. Das Aus für Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller wurde diskutiert wie ein mögliches Tempolimit auf Autobahnen. Die Ausbootung des Jahres war der Anbruch des Umbruchs.

Schlüsselspiel gegen die Niederlande

Nach einem mauen 1:1 gegen Serbien folgte das Spiel, das Löw benötigte, um seinen riskanten Schritt als gelungen zu verkaufen. Deutschland gewann zum Auftakt der Qualifikation mit 3:2 in den Niederlanden. Die erste Halbzeit war - die Stärke des Gegners berücksichtigt - die beste des Jahres. Löws Taktik mit einer Dreierkette und Serge Gnabry als "falscher Neun" passte perfekt. Doch nach der Pause gab es einen Bruch, "Oranje" glich zum 2:2 aus, in der Nachspielzeit gelang Nico Schulz ein glücklicher Siegtreffer.

Der Bruch war ein fester Bestandteil im Jahr des Umbruchs. Häufiger waren die Schwankungen während eines Spiels deutlich zu sehen, bisweilen gar extrem. Selbst gegen ein Argentinien ohne Lionel Messi und Sergio Agüero wurde eine 2:0-Führung verspielt. Noch krasser war der Einbruch im Heimspiel gegen die Niederlande: 2:4 nach 1:0-Pausenführung.

Verjüngtes Team

Löw schiebt die Schwankungen - wie sollte es auch anders sein - auf den Umbruch, auf die jüngeren Spieler (im Vergleich zur WM 2018 wurde die Mannschaft im Schnitt um etwa zwei Jahre verjüngt), auf viele Verletzungen. Löws Plan, einen relativ kleinen Stamm aus etwa 16 Spielern zu einer künftigen Turniermannschaft zu formen, ist wegen der vielen erzwungenen Wechsel schnell gescheitert.

Nationalspieler 2019 - Einsätze, Tore, EM-Chancen
Einsatzminuten (Spiele)Tore (Vorlagen)EM-Chancen
Joshua Kimmich900 (10)0 (2)gesetzt
Niklas Süle720 (8)gesetzt
Lukas Klostermann695 (8)0 (3)gesetzt
Manuel Neuer675 (8)gesetzt
Serge Gnabry664 (8)9 (2)gesetzt
Ilkay Gündogan543 (8)3 (2)gesetzt
Matthias Ginter484 (6)1 (2)gesetzt
Toni Kroos450 (5)3 (3)gesetzt
Marco Reus441 (7)3 (3)gesetzt
Julian Brandt430 (8)1 (2)sehr gut
Jonathan Tah410 (5)sehr gut
Nico Schulz406 (6)1 (1)gut
Marcel Halstenberg405 (5)1 (1)sehr gut
Leon Goretzka366 (6)5 (2)gesetzt
Leroy Sané360 (4)3 (1)gesetzt
Timo Werner336 (6)2 (0)gesetzt
Kai Havertz269 (5)1 (2)sehr gut
Marc-André ter Stegen225 (3)gesetzt
Emre Can199 (4)sehr gut
Thilo Kehrer181 (3)0 (1)gut
Robin Koch180 (2)mäßig
Luca Waldschmidt162 (3)mäßig
Jonas Hector90 (1)0 (2)sehr gut
Antonio Rüdiger90 (1)0 (1)sehr gut
Julian Draxler56 (2)0 (2)gut
Suat Serdar49 (3)mäßig
Nadiem Amiri38 (3)mäßig
Niklas Stark25 (1)mäßig
Sebastian Rudy8 (2)mäßig

Der Bundestrainer sieht die deutsche Nationalmannschaft nach dem Länderspieljahr 2019 ein bisschen hinter Nationen wie England und den Niederlanden, die - Achtung! - "den Umbruch schon hinter sich haben". Es ist eine eher realistische denn pessimistische Beschreibung. Von den zehn Länderspielen 2019 gewann die deutsche Mannschaft sieben, die beiden Testspiele endeten in eigenen Stadien unentschieden, es gab die eine Niederlage gegen die Niederlande. Die Bilanz sieht gut aus. Aber sie sagt wenig aus. Gegner wie Estland, Weißrussland und auch Nordirland können die deutsche Mannschaft vielleicht phasenweise ärgern (das taten sie auch), ernsthaft herausfordern jedoch nicht.

Gnabry ragt heraus

Das Jahr 2019 gab mehr über die Entwicklung einzelner Spieler als über die der Nationalmannschaft Aufschluss. Herausragend war Gnabry, der zehn Tore bei acht Einsätzen erzielte. Gegen Nordirland lieferte er den Beweis, dass er in der DFB-Elf im Angriffszentrum besser als auf dem Flügel aufgehoben ist. Löw lobte zu Recht Gnabrys außergewöhnliche Technik, Körperbeherrschung und Abschlussstärke. Timo Werner muss in diesem Punkt noch deutlich aufholen. Der Leipziger kam auf zwei Tore in sechs Spielen, halb so viele wie Leon Goretzka, der sich zu einer "festen Größe" entwickelte, wie Löw in Frankfurt sagte.

Toni Kroos bewies, dass er der Mannschaft weiterhin enorm hilft, Joshua Kimmich ist im zentralen Mittelfeld gesetzt. Kimmich stand als einziger Nationalspieler jede Minute im Jahr 2019 auf dem Platz.

Klostermann und Ginter sind Gewinner

In der Defensive gab es selbst gegen Gegner aus der zweiten und dritten Kategorie bedenkliche Schwächen. Als Gewinner des Jahres dürfen sich Lukas Klostermann und Matthias Ginter fühlen, Nico Schulz und Jonathan Tah offenbarten Defizite. Im Tor zeigten Manuel Neuer und Marc-André der Stegen, dass sie beide auf einem Toplevel sind.

Leroy Sané bewies bis zu seiner Verletzung, dass es ein grober Fehler Löws war, ihn 2018 aus dem WM-Kader zu streichen. Niklas Süle bewies bis zu seiner Verletzung, dass er der Abwehrchef sein kann. Marco Reus, Kai Havertz, Julian Brandt und Timo Werner blieben zumindest überwiegend unter ihren Möglichkeiten.

Taktisch variabel

Taktisch variierte Löw im Jahr 2019 mehr als zuvor. Er hätte sicher gerne noch mehr das Umschaltspiel in der Praxis anwenden wollen. Aber die meisten Gegner waren zu schwach, zogen sich viel zu weit zurück. Deutschland war daher zum Ballbesitzspiel gezwungen. Gerade zum Abschluss gegen Nordirland überzeugte es darin, weil die Abläufe stimmten, eine massive Abwehr mit Tempo und der nötigen Breite überfordert wurde. Das Jahr des Umbruchs endete versöhnlich für den Bundestrainer: "Ich glaube, wir können zufrieden in die Pause gehen."

Leon Goretzka: "So langsam kommen wir in Fahrt"

Sportschau 19.11.2019 01:18 Min. Verfügbar bis 19.11.2020 ARD

Stand: 20.11.2019, 07:00

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