WM-Qualifikation - Kubas Fußball-Revolution

Kubas Nationalspieler Onel Hernandez (Nr. 11) im Spiel gegen Guatemala

Nationalteam

WM-Qualifikation - Kubas Fußball-Revolution

Von Heiko Oldörp

Bislang spielten in Kubas Nationalteam nur linientreue Fußballer, aber nicht die besten. Denn von denen waren viele ins Ausland geflohen. Nun haben sie im Verband umgedacht, es könnte der Anfang einer Fußball-Ära sein.

Kuba und Weltklasse-Sport - wer denkt da nicht an Boxer und Volleyballerinnen, Hochsprung-Weltrekordhalter Javier Sotomayor oder Baseball? Im Fußball hingegen hat die Karibik-Nation noch nie für globale Schlagzeilen gesorgt. Kuba war nur 1938 bei der Weltmeisterschaft - und schied im Viertelfinale aus.

Vielleicht gibt es 2026 wieder eine WM mit Kubas Kickern. Die Verbandsoffiziellen in Havanna schielen auf das Turnier, das in den USA, Mexiko und Kanada ausgetragen wird. An dem nicht mehr nur 32, sondern erstmals 48 Mannschaften teilnehmen werden. CONCACAF, der für Kuba zuständige Kontinentalverband des Weltverbands FIFA, wird dann nicht mehr 3,5 feste Startplätze haben, sondern sieben oder sogar acht.

Sport hat in Kuba Amateurstatus

Deshalb gibt es bereits jetzt in Kuba, wo der Sport, wie einst in den ehemaligen Ostblockstaaten, Amateurstatus hat, so etwas wie eine Fußball-Revolution. Zum Auftakt der ersten Qualifikationsrunde zur WM 2022 in Katar wurden mehrere Spieler eingeladen, die als Legionäre im Ausland ihr Geld verdienen. Dieser Schritt war historisch - und deshalb sogar der "New York Times" in dieser Woche einen großen Artikel wert. "Kuba deckt sich mit Spielern aus dem Ausland ein. Was ist das Ziel?", lautete die Überschrift.

Spieler wie Onel Hernandez, Carlos Vázquez Fernandez, Joel Apezteguia und Jorge Luis Corrales. Hernandez stürmt für den englischen Zweitligisten Norwich City. Vázquez Fernandez verdient sein Geld bei CDA Navalcarnero in der dritten spanischen Liga, Apezteguia bei San Marinos Rekordmeister S. P. Tre Fiori und Luis Corrales beim FC Tulsa in der zweiten US-amerikanischen Liga. Sie alle debütierten am Mittwoch (24.03.2021) bei der 0:1-Niederlage gegen Guatemala.

44 geflüchtete Kubaner in 17 Jahren

Bislang war dies undenkbar. In Kubas Nationalmannschaft kamen nur Spieler zum Einsatz, die vertraglich an INDER gebunden waren - an das Nationale Institut für Körperkultur, Sport und Erholung. INDER setzte nur auf Akteure aus der heimischen Liga. Kubaner, die im Ausland spielten, kamen nicht infrage, denn das waren oft Akteure, die Länderspielreisen zur Flucht genutzt hatten.

Zwischen 2002 und 2019 hatten sich 44 kubanische Fußballer in die USA oder Kanada abgesetzt. Es waren die Sehnsucht und der Wunsch nach Profi-Fußball, der zu diesem riskanten Schritt führte.

Osvaldo Alonso beispielsweise floh während des Gold-Cups 2007. Der Mittelfeldmann war in Houston zusammen mit anderen Mitspielern in einen Supermarkt gegangen. Er verließ von seinen Mitspielern unbemerkt das Geschäft, lief zunächst orientierungslos durch die Straßen, bis er einen Passanten traf, der Spanisch sprach. Seit 2008 spielt er in der MLS.

"Können Spieler nicht in Handschellen anketten"

"Wir haben Sicherheitsvorkehrungen, können die Spieler aber schließlich nicht in Handschellen in ihren Hotelzimmern anketten", hatte 2008 ein ziemlich ratloser Reinhold Fanz gesagt. Der Deutsche war damals neun Monate kubanischer Nationaltrainer gewesen und wurde nach einer 1:6-Niederlage in den USA sowie der Flucht zweier Spieler abgesetzt.

Nun ist in Kubas Fußball vieles anders. Keiner der im Ausland aktiven Nationalmannschafts-Neulinge ist geflohen. Sie sind als Kinder mit der Familie ausgewandert, oder bekamen von der Regierung die Erlaubnis, im Ausland zu spielen.

Onel Hernandez kam als Sechsjähriger nach Nordrhein-Westfalen, weil Mutter Yaneisy zwei Jahre zuvor Ewald geheiratet hatte, einen Deutschen. Der Stiefvater war Fußballtrainer bei TuS Westfalia Neuenkirchen. "Er hat mich zum Fußball gebracht, mich trainiert, alles für mich getan und mich immer unterstützt. Ich bin ihm sehr dankbar", sagte Hernandez der britischen Tageszeitung "The Guardian".

Hernandez schreibt kubanische Fußball-Geschichte

Am 1. Oktober 2010 debütierte er als 17-Jähriger bei Zweitligist Arminia Bielefeld, zehn Tage später trug Hernandez erstmals das Trikot der Deutschen U18-Nationalmannschaft. Der Traum ihres Sohnes sei es jedoch immer gewesen, für Kuba zu spielen, sagte Mutter Yaneisy einst der "BBC".

Über Werder Bremen II, VfL Wolfsburg II und Eintracht Braunschweig kam Hernandez 2018 zu Norwich City. Er wurde der erste Kubaner in der Premier League und auch der erste Torschütze der Karibik-Insel in Englands höchster Spielklasse. Seit wenigen Tagen ist Hernandez nun auch kubanischer Nationalspieler.

Eine offizielle Erklärung, warum nun Spieler wie er berufen wurden, gibt es aus Havanna nicht. Doch es gilt als ziemlich sicher, dass unter anderem Nationaltrainer Pablo Elier Sanchez, mit dem Hernandez regelmäßigen Kontakt hat, das Thema seit Jahren bei der Verbandsspitze sowie in Regierungskreisen angesprochen haben soll. "Das sind Spieler, die in wichtigen Ligen spielen - und sie werden uns zweifellos verstärken", sagte Sanchez bei deren Ankunft zu Wochenbeginn.

Selbst gegen Curacao nur Außenseiter

Am Sonntagabend (28.03.2021) spielt Kuba erneut, ist im zweiten Qualifikationsmatch gegen das vom Niederländer Guus Hiddink trainierte Curacao jedoch nur Außenseiter. Für die Nummer 180 der Weltrangliste ist selbst der Weg an die Spitze der Karibik-Nationen ein weiter. Doch durch die neue Politik spielen nun zumindest die besten Fußballer im Nationalteam - und nicht nur die linientreuen.

Es könnte der Anfang einer neuen Fußball-Ära sein. Andere Spieler könnten Hernandez und Co ins Ausland folgen. Dort in professionellen Ligen lernen, reifen - und ihre Erfahrungen und Qualitäten dann in Kubas Nationalmannschaft einbringen. Der "New York Times" sagte Hernandez: "Wir haben so viele Kinder in Kuba, die Fußball lieben. Und die wollen den Traum leben, den ich lebe."

Stand: 28.03.2021, 09:00

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