Klub-WM - Südamerikas Sehnsucht

Breno Lopes mit dem Pokal der Copa Libertadores

Turnier in Katar

Klub-WM - Südamerikas Sehnsucht

Von Matthias Ebert (Rio de Janeiro)

Anders als in Europa gilt in Südamerika die Klub-WM als der größte Titel, den eine Vereins-Mannschaft erreichen kann. Palmeiras aus São Paulo müsste dafür wohl Europas Champion Bayern München schlagen. Wenn es gelingt, werden die südamerikanischen Spieler in ihrer Heimat Heldenstatus erreichen.

Als Breno Lopes vergangenen Samstag (30.01.2021) im Maracanã-Stadion in der 98. Minute das entscheidende Sieg-Tor für seinen Klub Palmeiras im Finale der Copa Libertadores köpfte, war ihm noch nicht klar, dass er die damit erreichte Endrunde der Klub-WM verpassen würde.

Lopes hatte seine Mannschaft gegen Santos - nach einer fußballerisch mageren Partie mit nur wenigen Torabschlüssen - Sekunden vor Schluss 1:0 in Führung gebracht. Kurz darauf war Palmeiras' erster Südamerika-Titel seit 1999 unter Dach und Fach.

2012: Corinthians São Paulo besiegt Chelsea

Breno Lopes' Jubelstimmung dürfte mittlerweile verflogen sein. Er darf wegen einer verpassten FIFA-Meldefrist nicht bei der Klub-WM in Katar auflaufen. Dennoch wird der Libertadores-Finalheld mit seinen Mannschaftskollegen ins Flugzeug Richtung Wüstenstaat steigen und dort sein Team anfeuern - als eine Art Glücksbringer und Maskottchen zugleich.

Allein das zeigt, wie wichtig den Südamerikanern der Wettbewerb ist. Anders als in Deutschland wird die Klub-WM ernst genommen. Jeder Brasilianer, der mit Fußball etwas am Hut hat, weiß, welche südamerikanische Mannschaft zuletzt die prestigeträchtige Klub-WM für sich entscheiden konnte: Es war Corinthians - Palmeiras' Stadtrivale aus São Paulo - im Jahr 2012 (1:0-Sieg gegen den FC Chelsea). Seitdem hagelte es nur Niederlagen für Teams aus Südamerika gegen Klubs wie Real Madrid und den FC Barcelona. Zuletzt unterlag Flamengo aus Rio de Janeiro Jürgen Klopps Liverpool mit 1:0. Siegtorschütze war ausgerechnet der Brasilianer Roberto Firmino.

Europas Top-Klubs eins auswischen

Das zeigt eines der Probleme, mit denen Klubs in Südamerika kämpfen: Jedes Jahr müssen sie schmerzvolle Abgänge kompensieren. Die besten Spieler der erfolgreichsten Klubs in Argentinien und Brasilien werden mit Millionen-Verträgen nach Europa gelockt. Nicht alle setzen sich dort durch wie Liverpools Firmino oder Superstar Neymar. Dennoch ist der Abfluss an wertvollen Schlüsselspielern bitter für die Top-Vereine im Süden, aber derzeit unvermeidlich. Denn die Vereine sind angewiesen auf die Transfererlöse ihrer Spieler, auch wenn es gleichzeitig ihre Wettbewerbsfähigkeit schwächt.

Umso wichtiger ist für Brasiliens Klubs der Gewinn der Klub-WM. Eine ideale Gelegenheit trotz finanzieller Unterlegenheit den Top-Klubs aus Europa eins auszuwischen. Zumal bei nur einem einzigen Finalspiel. Als in der vergangenen Saison Flamengo aus Rio gegen Liverpool das Finale bestritt, glaubten viele Brasilianer an einen Sieg gegen Klopps Mannschaft. Zuvor hatte Flamengo mit Leichtigkeit die brasilianische Meisterschaft für sich entschieden. Und auch in der Copa Libertadores waren die Spieler aus dem Süden Rios beinahe mühelos ins Finale spaziert und hatten dort den ärgsten Rivalen River Plate aus Buenos Aires mit einem Kraftakt aus dem Weg geräumt.

Brasilien von Corona hart getroffen

Flamengos Mannschaft galt als erfahren und gespickt mit Stars, von denen einige bereits in Europa gespielt hatten. Und dennoch mussten Millionen Flamengo-Fans 2019 mit der Enttäuschung leben, dass ihr Landsmann Firmino diesem Traum ein jähes Ende bereitete. Hätte Flamengo Liverpool besiegt, wäre in Rio de Janeiro stundenlanger Jubel ausgebrochen mit Feuerwerk bis in die Nacht hinein. Flamengos Südamerika-Titel wäre beinahe verblasst unter dem Glanz der Klub-WM.

Auch jetzt werden Millionen Brasilianer vor den Fernsehgeräten sitzen und in patriotischer Einigkeit Palmeiras die Daumen drücken. Soziale Distanzierung ist dann wohl eher Nebensache, wie auch schon vergangenen Samstag beim Libertadores-Finale. Es bildeten sich Trauben vor den Bars. Nach dem Sieg lagen sich hunderte Palmeiras-Fans in den Armen. Brasilien - das Land mit den weltweit zweitmeisten Toten in Verbindung mit dem Corona-Virus - sehnt sich nach positiven Nachrichten - nach langen, harten Pandemie-Monaten mit geschlossenen Schulen und einer Wirtschaftskrise.

Auf dem Platz in Katar kann Breno Lopes nicht für positive Schlagzeilen sorgen. Doch das ist für die Palmeiras-Anhänger kein größeres Problem. Schließlich war Lopes bislang lediglich Ergänzungsspieler. Seine Sturm-Kameraden Luiz Adriano und Rony dagegen sind für die Klub-WM nominiert. Sie hatten im Verlauf der Südamerika-Meisterschaft jeweils fünf Tore erzielt. Wenn es nach den brasilianischen Fans ginge, können gegen die Bayern gerne noch ein paar Tore hinzukommen. Das und der Klub-WM-Titel würde sie als Helden nach Brasilianer zurückkehren lassen.

Stand: 03.02.2021, 10:55

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