DFB zu Boykottforderungen: "Setzen uns für Menschenrechte in Katar ein"

Arbeiter auf einer Bausstelle eines Stadions der WM 2022 in Katar (2019)

Menschenrechtsverletzungen vor der WM 2022

DFB zu Boykottforderungen: "Setzen uns für Menschenrechte in Katar ein"

Von Chaled Nahar

Die Fan-Organisation "Pro Fans" hat den Deutschen Fußball-Bund zum Boykott der WM 2022 in Katar aufgefordert. Der DFB sagt nun, man setze sich für Menschenrechte ein - einen Boykott wird es aber wohl nicht geben.

"Die Menschenrechtslage in Katar wird innerhalb des DFB, dessen Nationalmannschaft zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht für das Turnier qualifiziert ist, intensiv diskutiert", teilte der DFB auf eine Anfrage der Sportschau mit. "Der DFB setzt sich in seinem Einflussbereich gemäß seiner Satzung und Werte dafür ein, dass an den Missständen gearbeitet wird und Menschenrechte geachtet werden." Zuvor hatte das Fanbündnis "Pro Fans" den DFB zu einem Verzicht auf die Teilnahme an der WM 2022 in Katar aufgerufen.

Auf diese Forderung ging der DFB nicht konkret ein, ließ aber indirekt durchblicken, dass er einen Boykott wohl eher nicht in Erwägung zieht. Die FIFA und das Organisationskomitee in Katar hätten eine Nachhaltigkeitsstrategie. In dieser würden Probleme, aber auch "Chancen aufgezeigt, dank des Fußballs über das Turnier hinaus Gutes zu bewirken und den notwendigen Veränderungsprozess in Katar anzustoßen bzw. zu beschleunigen. Der Fußball hat bereits bewiesen, dass er die Kraft hat, über Grenzen hinweg Brücken zu bauen und die Grundlagen für Verbesserung zu schaffen." Eine Argumentation, der sich in ähnlicher Weise auch die FIFA bediente.

"Pro Fans": "Nichts kann es rechtfertigen, die Menschenrechtsverletzungen hinzunehmen"

"Pro Fans" hatte am am Montag (08.03.2021) in einer Stellungnahme zum Boykott der WM aufgerufen. "Wir wissen sehr wohl, dass viele Fußballfreunde den Spielen der deutschen Nationalmannschaft entgegenfiebern. Uns ist ebenso bewusst, dass eine Weltmeisterschaft für die Sportler der Höhepunkt ihrer Laufbahn schlechthin ist", hieß es in der Stellungnahme. "Aber es gibt nichts, was es rechtfertigen könnte, die Menschenrechtsverletzungen in Katar hinzunehmen, ja, gar durch die Teilnahme am Turnier wissentlich, billigend zu unterstützen. Wir fordern den DFB auf, die Teilnahme an der WM in Katar abzusagen"

Pro-Fans-Sprecher Sig Zelt betonte, dass man in dem Bündnis weniger Stolz auf die Stellungnahme empfinde als viel mehr bedaure, nicht früher aktiv geworden zu sein. "Im Nachhinein hätten wir uns schon deutlich früher positionieren müssen."

Gefangen in Katar - Teil 3 Sportschau 04.10.2020 09:24 Min. Verfügbar bis 04.10.2021 Das Erste

"Guardian" berichtet von 6.500 Toten seit 2010

Die Stellungnahme von "Pro Fans" fällt in eine Zeit, in der die Kritik an dem Turnier in Katar lauter wird. Am Gastgeberland gibt es wegen Menschenrechtsverletzungen, Ausbeutung von Gastarbeitern und Korruption bei der WM-Vergabe seit Jahren große Kritik. Viele Todesfälle unter Gastarbeitern werden direkt oder indirekt mit den Bauarbeiten an der Infrastruktur für die WM 2022 in Verbindung gebracht.

Die britische Zeitung "Guardian" meldete zuletzt, dass seit der WM-Vergabe im Jahr 2010 in Katar mehr als 6.500 Gastarbeiter gestorben seien. Katars Regierung nannte den Bericht "irreführend". FIFA-Präsident Gianni Infantino dementierte am Freitag die Zahlen des "Guardian". Er nannte unter Verweis auf katarische Behörden drei verstorbene Menschen auf WM-Baustellen seit 2014. 34 weitere Menschen, die an den WM-Baustellen tätig waren, seien "ohne Zusammenhang mit ihrer Arbeit" gestorben.

Der DFB schrieb in seiner Antwort an die Sportschau: "Wir erwarten von den Ausrichter*innen internationaler Turniere wie der FIFA-Weltmeisterschaft, dass geeignete Maßnahmen zur Wahrung der Menschenrechte und Einhaltung internationaler Standards ergriffen werden."

Die Mitglieder von sechs norwegischen Erstligisten fordern den Boykott

Große Aufmerksamkeit erhielten zuletzt sechs Erstligisten aus Norwegen, deren Mitglieder auf den Jahreshauptversammlungen die jeweiligen Klubführungen aufforderten, beim Verband einen Boykott der WM zu erreichen. Unter den sechs Klubs befindet sich auch Rekordmeister Rosenborg Trondheim. Der nationale Verband in Norwegen (NFF) lehnt derzeit einen Boykott ab und verwies auf einen Dialog, der größere Chancen hätte, Verbesserungen anzustoßen. Am 14. März soll es bei der Jahreshauptversammlung des NFF aber eine Abstimmung darüber geben.

"Auch bei uns gab es Überlegungen, auf Mitgliederversammlungen entsprechende Anträge zu stellen", sagt Zelt von "Pro Fans". Bislang habe sich aber noch keine konkrete Maßnahme ergeben.

BVB-Fanklub stellt Boykott-Forderungen an seinen Verein

Ohne Verbindung zu der Stellungnahme von "Pro Fans" forderte bei Borussia Dortmund der christliche Fanklub "Totale Offensive" den Vereinspräsidenten Dr. Reinhard Rauball auf, sich beim DFB für einen Boykott der WM einzusetzen.

Der Fanklub-Vorsitzende Oliver Römer sprach gegenüber der Sportschau von einer schriftlichen Antwort Rauballs, nach der dieser mit entsprechenden Gremien und DFB-Präsident Fritz Keller "Rücksprache halten" sowie später auf die Fans zurückkommen wolle.

BVB-Fan Römer: "Dr. Rauball wird Rücksprache halten" Sportschau 08.03.2021 00:43 Min. Verfügbar bis 08.03.2022 Das Erste

WM-Boykott könnte zu Strafen der FIFA führen

Sollten die Verbände aus Deutschland, Norwegen oder einem anderen Land wirklich das Turnier boykottieren, hätte das möglicherweise Konsequenzen. Ein Verband, der sich nach Einreichung der Anmeldung aber vor Beginn der Qualifikation zurückzieht, "wird mit einer Geldstrafe von mindestens 20.000 Schweizer Franken belegt", schreibt die FIFA in ihren Regularien zur WM 2022. Deutschland startet am 25. März in Duisburg gegen Island in die Qualifikation. Bei einem Ausstieg zu einem späteren Zeitpunkt steigt die Mindeststrafe auf 40.000 Schweizer Franken.

Wichtiger aber: "Je nach Umständen des Rückzugs kann die FIFA-Disziplinarkommission weitere Sanktionen verhängen, einschließlich des Ausschlusses des betreffenden teilnehmenden Mitgliedsverbands von künftigen FIFA-Wettbewerben." Somit könnte ein Ausschluss von der Frauen-WM 2023 oder der Männer-WM 2026 drohen.

Tod und Spiele: Die Klub-WM in Katar als Generalprobe für die WM

WDR 5 Sport inside – der Podcast: kritisch, konstruktiv, inklusiv 06.02.2021 49:18 Min. Verfügbar bis 31.01.2041 WDR 5


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"Ein Fußballfest auf den Gräbern der Arbeiter wäre das Ende von Ethik und Würde"

Für das Bündnis "Pro Fans" bleibt ein anderer Punkt aber wichtiger: "Ein rauschendes Fußballfest auf den Gräbern von Tausenden Arbeitsmigranten - daran teilzuhaben, wäre das Ende von Ethik und Würde. Will der DFB noch einen letzten Rest von Glaubwürdigkeit behalten, muss er seine Teilnahme an diesem Turnier absagen, und zwar jetzt."

Stand: 09.03.2021, 13:00

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