System unter Druck: Forscher untersuchen Investorenmodelle

Prof. Dr. Mike Geppert

Fußball

System unter Druck: Forscher untersuchen Investorenmodelle

Von Patrick Franz

Dass immer mehr Fußball-Klubs in Investorenhände geraten, beschäftigt nun auch die Wissenschaft. Eine Wirtschaftsstudie der Universität Jena untersucht dank 235.000 Euro Förderung vier Jahre lang die Entwicklung.

Prof. Dr. Mike Geppert hat mit seinem Team einen Berg Arbeit vor sich. Als Teilprojekt einer breitangelegten Wirtschaftsstudie geht es den Forschern um die Problematik, wem die populärste Sportart der Welt gehört. "Fußball ist ein soziales Produkt, dadurch stellt sich die Frage, ob es zugänglich für alle ist, die Interesse daran haben. Denn andererseits ist es immer mehr zu einem ökonomischen Produkt geworden. Manche Fans finden das gut, weil durch Investoren Top-Spieler in ihre Mannschaften kommen. Andere sehen eine zu große Kommerzialisierung. Dadurch sind wir mitten im Konflikt", erklärt Prof. Geppert dem MDR.  

These 1: "Private Besitzer versuchen immer mehr, Einfluss auf ihre Vereine auszuüben"

Daher werden die Jenaer Forscher vor allem die veränderten Eigentumsverhältnisse von Fußballklubs in den Blick nehmen. In einer quantitativen Analyse wollen sie Zahlen beschaffen, wie sich die Besitzverhältnisse in den fünf großen Ligen Europas - England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich - verändert haben. Statt einer mitgliedergeführten, demokratischen Struktur gehen die Wissenschaftler heute von der These aus, dass die meisten ehemaligen Vereine durch Investoren und Anteilseigner fremdbestimmt werden.

Schriftzug Investor

Prof. Geppert verrät: "Wir nehmen an, dass es eine fortlaufende Professionalisierung, Kommerzialisierung und Privatisierung des Fußballs gibt. Dazu wollen wir international Daten sammeln, inwiefern Profiabteilungen in GmbHs ausgegliedert wurden und sich die Eigentumsstrukturen gewandelt haben. Mehrheitseigentümer setzen sich im Profifußball in den letzten Jahren immer mehr durch und private Besitzer versuchen immer mehr, Einfluss auf ihre Vereine auszuüben."

Corona-Situation und gescheiterte Super League belegen Forschungsinteresse

Das Forschungsinteresse begründen die Thüringer mit zwei konkreten Beispielen. Einerseits geht es dabei um die Frage, warum der Profi-Fußball in Corona-Lockdowns so frühzeitig und dauerhaft weiterspielen durfte. Lag es daran, dass der Fußball ein Geschäftszweig wie viele andere Berufe ist, was eher der kommerziellen Ausrichtung entspricht oder lag es daran, dass die Regierung der Bevölkerung Unterhaltung bieten wollte, was eher dem sozialen Charakter des Fußballs entspricht?

Prof. Geppert ordnet das so ein: "Auch wenn es gesundheitspolitische Bedenken gab, ist es Fakt, dass der Amateurfußball anders als der Profisektor keine gute Lobby hatte. Wahrscheinlich zeigt sich eine Vermischung von Interessen. Die Politik weiß, dass man die Bevölkerung so ablenkt." Das zweite Beispiel ist die gescheiterte Einführung der europäischen Super League, welche vor allem viele investorengeführte Klubs vorantrieben. 

These 2: Die wahren Machtverhältnisse im Fußball

Daraus ergibt sich die zweite These der Studie, die in Form einer qualitativen Analyse in Form von Gesprächen mit den verschiedenen Interessensgruppen im Fußball untersucht wird. Prof. Geppert erläutert: "Hierbei geht es um das öffentliche Interesse an Fairness im Fußball, das dem der Eigentümer entgegensteht. Es ist die sogenannte Konfliktthese.

Das heißt, was es für unterschiedliche Anspruchsgruppen im Fußball gibt, welche gegensätzlichen Interessen sie vertreten, wie groß ihre Teilhabe an Entscheidungen ist und wie sie ihre Macht verteidigen." Zur besseren Überschaubarkeit wird sich hier auf England und Deutschland konzentriert, weil sich in diesen Ländern der Fan-Einfluss besonders konträr darstellt.

"Fußball-Systeme sind unter Druck"

Während sich laut Prof. Geppert auf der britischen Insel, angefangen mit Roman Abramowitsch beim FC Chelsea, zunächst russische Oligarchen, später arabische Scheiche und neuerdings immer mehr chinesische Investoren den Besitz von Klubs erkauft haben, gilt in der Bundesliga trotz bestimmter Härtefälle die 50+1-Regel weiter.

Der Wirtschaftswissenschaftler sagt: "Dass gewählte Gremien wie bei Union Berlin, dem SC Freiburg oder Dynamo Dresden Spielertransfers absegnen müssen oder dabei zu Wort kommen, ist in England unmöglich." Trotzdem bemerkt Prof. Geppert: "Beide Systeme sind unter Druck, es gibt aus unterschiedlichen Richtungen Dynamiken, die wir uns anschauen werden." So steigt im deutschen Profi-Fußball seit Jahren die Anzahl investorengeführter Vereine, welche die 50+1-Regel entweder umgehen oder offen abschaffen wollen.

Das komplexe Beispiel RB Leipzig

Neben den Bundesligisten Hoffenheim und RB Leipzig tummeln sich allein in der 3. Liga zahlreiche Klubs wie u.a. Türkgücü München, Viktoria Berlin und Viktoria Köln, die zum Sprung nach oben ansetzen wollen. Prof. Geppert beschreibt vor allem die Verhältnisse bei RB als bezeichnend: "In Leipzig wird nicht versucht, die Mehrheitsverhältnisse zu ändern, sondern durch exklusive Zugänge zur Mitgliedschaft die Mitbestimmung begrenzt."

Formal hätten die Mitglieder also das Sagen. Da sie aber ungewöhnlich hohe Beiträge leisten müssen oder auch eine Verbindung zum Unternehmen Red Bull bestehen muss, ist es praktisch eingeschränkt. "Man versucht über komplizierte Strukturen, die Machtverhältnisse bei RB Leipzig zu klären. Das kennt man so auch aus anderen Wirtschaftszweigen und Firmen", ordnet Geppert die Lage ein.

Englische Fans fordern 50+1-Regel für die Premier League

In England vernimmt der Ökonomie-Experte nun die gegenteilige Entwicklung. Nachdem die Fans mit scharfen Protesten auf der Insel den Rücktritt ihrer Klubs von der Super-League-Gründung geschafft haben, wittern sie Morgenluft. Prof. Geppert: "Neuerdings wird dort eine 50+1-Regel diskutiert, die Anhänger vieler Vereine wollen dafür kämpfen und orientieren sich an Deutschland. Doch die Ausgangslage in den englischen Machtverhältnissen ist schwieriger."       

Undemokratische Anfälligkeiten der Verbände im Auge

Vier Jahre haben die Forscher Zeit, die Rollen der Akteure zu beleuchten – auch die von DFB, UEFA und FIFA. "Es gibt Aussagen von beteiligten Funktionären, dass die kleineren Vereine keine gleichberichtige Stimme gegenüber den großen Klubs haben. Dadurch stellt sich die Frage, wie demokratisch diese Verbände aufgebaut sind. Offensichtlich gab es da die letzten Jahre einige bedenkliche Probleme und das werden wir uns anschauen", meint Prof. Geppert. "Dabei ist es gut möglich, dass die Kommerzialisierung etwas damit zu tun, wenn sie sich gegen das öffentliche Interesse oder das von Amateurvereinen richtet."

Insgesamt steht im Fokus, hochkomplexe Lagen zu systematisieren – so auch den zunehmenden Einfluss chinesischer Geldgeber, die allein vier der zwölf UEFA-Sponsoren bei der diesjährigen Europameisterschaft ausmachten, während nur ein europäisches Unternehmen darunter war. "Es steht im Fünf-Jahres-Plan der kommunistischen Partei, dass Fußball in den nächsten Jahren ganz oben angesiedelt werden soll und China dort große Erfolge vorhat", weiß Prof. Geppert. Die Ergebnisse dürften für Ende 2025 Spannung versprechen und Fakten schaffen, die zumindest Teile der Fußball-Welt erschüttern.

MDR | Stand: 23.08.2021, 08:27

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