Trainerinnen dringend gesucht

Kim Kulig beim Trainingsauftakt von Eintracht Frankfurt 2020

Manko im deutschen Fußball

Trainerinnen dringend gesucht

Von Frank Hellmann

Nicht einmal in der Frauen-Bundesliga arbeitet eine Trainerin. Alle zwölf Posten werden von Männern besetzt. Der weibliche Mangel im Trainermetier ist so eklatant, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bald ein Angebot für ehemalige Nationalspielerinnen ins Leben ruft. Die Sportschau nennt die Hintergründe.

Wenigstens die feierliche Übergabe der begehrten Zertifikate sollte persönlich erfolgen. Lehrgangsleiter Daniel Niedzkowski ließ es sich vergangenen Mittwoch (05.05.2021) in Frankfurt nicht nehmen, den 25 frischen Fußballlehrerinnen und -lehrern persönlich die Urkunden im kleinen Kreis zu überreichen, wo doch weite Teile des Lernstoffs nur auf digitalem Wege vermittelt werden konnten.

Auch der übliche Festakt zur Verleihung entfiel. Mittendrin, sowohl bei den wenigen Präsenzveranstaltungen als auch auf dem Onlinecampus, waren auch zwei Frauen: Kim Kulig, 31, die ehemalige Nationalspielerin, die derzeit die zweite Mannschaft von Eintracht Frankfurt trainiert. Und Sabrina Eckhoff, 36, vom Württembergischen Fußball-Verband.

Fußballlehrerinnen Kim Kulig und Sabrina Eckhoff zieht es zum VfL Wolfsburg

Das Besondere dabei: Beide Trainerinnen wechseln, mit dem Diplom in der Tasche, zur neuen Saison zum VfL Wolfsburg, werden Assistentinnen unter dem neuen Cheftrainer Tommy Stroot, 30. "Ich traue beiden zu, hier die nächsten Schritte zu machen", sagt Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter des amtierenden Doublegewinners: "Gerade Kim Kulig bringt das Potenzial mit, irgendwann auch eine Mannschaft alleinverantwortlich zu betreuen."

Doch vorerst sind zwei Trainerinnen, die für die Chefrolle die erforderliche Lizenz besitzen, erst einmal vom Markt. Im vergangenen Jahren verfügten nach DFB-Angaben 31 Frauen über die Pro-Lizenz, die Voraussetzung ist, um im Profibereich zu arbeiten. Der DFB beschäftigt sieben Trainerinnen im Stab seiner weiblichen Nationalteams.

Aber: Aktuell werden die zwölf Frauen-Bundesligisten ausnahmslos von Männern trainiert. Die einzige Frau, Nora Häuptle vom abstiegsgefährdeten SC Sand, verlor vor knapp drei Wochen ihren Job. Die selbstbewusste Schweizerin, 37, war erst seit vergangenem August im Amt. Damit dominiert an den Trainerbänken wieder eine Männerwelt. Kellermann sagt auf Sportschau-Nachfrage: "Es ist nicht unsere Schuld, dass aktuell in der Frauen-Bundesliga keine Frau als Trainerin arbeitet. Wir hatten damals Ariane Hingst gefragt, ob sie sich das vorstellen kann." Letztlich war der 174-fachen Nationalspielerin der Karriereschritt zu groß.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hilft mit

Auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat sich häufiger mit dieser Thematik befasst. Ihr geht es darum, Vorbilder sichtbar zu machen, zum anderen aber auch Perspektiven für Frauen im Trainerbereich zu schaffen. DFB, FIFA und UEFA seien seit längerem an der Thematik dran.

Die von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) eingesetzte "Taskforce Zukunft Profifußball" hat in ihrem zu Jahresanfang beschlossenen Maßnahmenkatalog in Punkt 15 die Förderung von Frauen im Fußball festgehalten; und da geht es eben um die Ausbildung von Trainerinnen und Schiedsrichterinnen. Der Verband nimmt diesen Ball jetzt auf.

DFB legt im Juni neues Angebot für Nationalspielerinnen auf

Der DFB möchte seinen Nationalspielerinnen demnächst ermöglichen, die DFB-Elite-Jugend-Lizenz zu erwerben. Anschließend an einem Präsenzlehrgang im Sommer sollen die weiteren Ausbildungsinhalte im Rahmen der Länderspielmaßnahmen der Frauen-Nationalmannschaft vermittelt werden. Voraussetzung ist eine mindestens siebenjährige Erfahrung im Lizenzspielerinnen-Bereich.

Frauen-Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg trifft mit ihrem Team in Offenbach auf Chile.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg

"Wir haben da ein großes Interesse aus dem jetzigen Kader, aber auch von Spielerinnen, die nicht mehr Nationalspielerinnen sind oder ihre Karriere beendet haben", sagt Voss-Tecklenburg gegenüber der Sportschau: "Wir werden ab Herbst, dann von unserer Maßnahme den Montag und vielleicht den Dienstagvormittag nutzen, um diesen Lehrgang für die angehenden Trainerinnen in unseren Lehrgang zu integrieren. Das ist ein klares Statement und ein tolles Commitment vom DFB und der Akademie."

Detaillierte Informationen zu Inhalten und Vorgehensweise werden im Juni veröffentlicht - aktuell läuft noch die Abfrage bei den Spielerinnen, es ist aber absehbar, dass einige namhafte dabei sein werden, die das Angebot nutzen. Kellermann begrüßt diese Offerte über den Verband "als sehr sinnvoll, denn wir haben viele Spielerinnen, die sich nicht erst im Spätherbst ihrer Karriere sehr mit dem Fußball, mit Taktik oder Menschenführung beschäftigen".

Das Problem besteht auch auf internationaler Ebene

Unbestritten ist, dass es im deutschen Fußball viel zu wenige Trainerinnen gibt. Selbst bei Welt- und Europameisterschaften zeichnet sich dieses Bild ab. Dass beim WM-Finale 2019 im französischen Lyon zwischen den USA und den Niederlanden (2:0) zwei Trainerinnen an der Seitenlinie coachten (Jill Ellis/USA, Sarina Wiegman/Niederlande), galt fast als rühmliche Ausnahme. Nach einer Erhebung der Europäischen Fußball-Union (UEFA) werden zwei Drittel der insgesamt knapp mehr als 300 Positionen bei den Frauen-Nationalteams (A, U19 und U17) von Männern trainiert. Ein ungesundes Ungleichgewicht.

Zudem ist Trainerinnen der Weg in den Männerfußball im Gegenzug fast vollkommen verschlossen. Inka Grings, 42, übernahm 2019 als erste Frau eine Herren-Mannschaft in einer der höchsten vier Ligen, beim Regionalligisten SV Straelen, übrigens Wohnort der Bundestrainerin, deren Ehemann Hermann Tecklenburg sich in diesem Verein engagiert.

Nach Abstieg und Wiederaufstieg ging Grings 2020 - in der Hoffnung auf einen weiteren Karriereschritt bei einer höherklassigen Männermannschaft. Doch die hat sich erst mal zerschlagen, Corona macht den Arbeitsmarkt noch schwieriger. "Alles in allem aber halt ein steiniger Weg", sagt die zweimalige Europameisterin, die derzeit die Frauen ihres Ex-Vereins FC Zürich trainiert. Ihr würde es im ersten Schritt schon reichen, wenn Trainerteams, Scouting-Abteilungen oder Aufsichtsräte der Profiklubs um eine weibliche Person erweitert würden.

Die ungewöhnliche Karriere der Britta Carlson

Britta Carlson, 43, Assistenztrainerin bei den DFB-Frauen und erfolgreiche Co-Trainerin beim VfL Wolfsburg, erinnert sich noch gut, wie sie von der damaligen Bundestrainerin Tina Theune fast in den Trainerberuf gedrängt wurde: "Sie war immer hinterher, ehemalige Spielerinnen zu den Lizenzen zu bringen. Ich hatte eigentlich nicht das Ziel, aber ich habe schon während meiner aktiven Karriere durch sie die A- und B-Lizenz gemacht."

Carlson spielte noch beim Schmalfelder SV in der Bundesliga, als sie parallel bereits beim Kaltenkirchener TS ein E-Juniorenteam trainierte. Zudem habe sie ihren Mann in Kellinghusen beim Stützpunkttraining unterstützt: "Ich habe das immer gerne getan, aber es war gar nicht der Plan, das einmal hauptberuflich zu machen. Denn die heutige Jobperspektive für eine Trainerin gab es damals eigentlich gar nicht."

Inzwischen ist sie nicht nur wichtigste Ratgeberin und Zuarbeiterin für die Bundestrainerin, sondern fungiert als Ansprechpartnerin für die U-Trainerinnen des DFB, steuert den Kontakt mit den Protagonisten der DFB-Akademie und koordiniert den Austausch mit dem männlichen Bereich. Bei ihr haben sich in Corona-Zeiten so viele Zuständigkeiten gehäuft, dass sie einige davon demnächst wieder abgeben muss, weil das selbst für die fleißigste Trainerin nicht mehr zu leisten ist.

Stand: 10.05.2021, 07:40

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