Lothar Matthäus wird 60 - warum die Häme?

Lothar Matthäus

Zum 60. Geburtstag

Lothar Matthäus wird 60 - warum die Häme?

Von Marcus Bark

Lothar Matthäus ist einer der besten und erfolgreichsten Fußballer der Geschichte. Alle Rekorde und Titel haben ihm aber in Deutschland weder die gebührende Anerkennung noch einen Trainerjob eingebracht. Lothar Matthäus wird nun 60 Jahre alt, die Frage bleibt: Warum die Häme?

Je wichtiger, prominenter, schillernder, skandalumwitterter, erfolgreicher ein Mensch ist, desto eher wird er zu einem runden Geburtstag gewürdigt. Seit Tagen ist daher zu sehen, lesen und hören, dass der ehemalige Trainer von Rapid Wien, Partizan Belgrad und Atlético Paranaense am Sonntag (21.03.2021) 60 Jahre alt wird.

Es ist so furchtbar einfach, Häme über Lothar Matthäus auszuschütten. Über den Mann, der uns seit Jahren von dollen Doren im Dopspiel erzählt, der bei einer seiner fünf Hochzeiten einen Boulevardjournalisten zum Trauzeugen nahm, der auch auf Englisch so schnell plappert wie auf Fränkisch, obwohl es da ein bisschen hapert. Haha, der Loddar.

"Was er sagt, hat Hand und Fuß"

Warum nur diese Häme? "Er war sehr forsch in seiner Art. Vielleicht ist er mit seinem schnellen Ruhm nicht fertiggeworden. Er war ein bisschen großsprecherisch. Das ist er auch heute noch, aber auf eine andere Art. Er ist besser geworden. Was er sagt, hat Hand und Fuß." Das denkt Rolf Göttel über Lothar Matthäus.

Rolf Göttel las am 2. Oktober 1979 erstmals den Namen von Matthäus am Bökelberg vor. Göttel war Stadionsprecher bei Borussia Mönchengladbach. "Ich hatte sehr guten Kontakt zu den Spielern." Ab und zu sei er mit um die Häuser gezogen. Forsch, "aber ein bescheidener Junge" sei Matthäus gewesen. Er habe sich schön hinten angestellt als 18 Jahre altes "Bübchen", das aus Herzogenaurach gekommen war. Als "Bub" sei er dann langsam aufgerückt. Dass er ein großartiger Fußballer werden könne, hätten sie nicht sofort, aber relativ schnell gemerkt.

"Der kommt beim DFB nicht klar"

Seit Jahrzehnten sieht Göttel den erwachsenen Mann Lothar Matthäus nur noch im Fernsehen oder liest über ihn. Bundestrainer Matthäus? "Der kommt beim DFB nicht klar, solange Oliver Bierhoff da ist." Der Direktor des Deutschen Fußball-Bundes steht für das Glatte, klinisch Reine, den Fußball, der mit Apps geplant wird. Matthäus steht immer noch für nassen Rasen, Grätschen, direkte Ansprache, kaum Diplomatie. Dabei ist er seit 40 Jahren ganz nah dran, viel näher als viele, die vorgeben, nah dran zu sein.

"Fußballtaktik ist wie Schach. Man plant viele Züge im Voraus und stellt dann fest, dass der Gegner sich schon darauf eingestellt hat. Also plant man Züge, die eine Reaktion auf die Reaktion sind. Das Er-weiß-dass-ich-weiß-dass-er-weiß-Prinzip." Könnte Guardiola oder Rangnick sein, ist aber Matthäus im "Spiegel" 2014. Im selben Interview sagt er, dass er absichtliche Ballverluste schon von Milan aus den 80-er Jahren kenne und sie als Trainer der bulgarischen Nationalmannschaft eingeübt habe.

Hier der Fußballlehrer, da Matthäus

Lothar Matthäus

Bester Spieler der WM 1990 und Kapitän des Gewinners: Lothar Matthäus

Auch über Ralf Rangnick sagen viele, dass er mit Bierhoff nicht klarkäme. Das war es dann aber auch mit den Gemeinsamkeiten. Rangnick halten viele für den geeigneten Bundestrainer. Wenn er über absichtliche Ballverluste und das Gegenpressing referiert, wird einem Fußballlehrer zugehört. Bei Matthäus ist es Matthäus.

Rangnick ist als Trainer nie Meister in einer höchsten Liga geworden. Das hat ihm Matthäus voraus, denn er holte 2003 mit Partizan Belgrad den Titel in Serbien und Montenegro. Aber mit Titeln zu argumentieren, zieht bei Matthäus auch nicht.

"Verzweifelte Suche"

Ein Weltmeister, Europameister, achtmaliger Meister (siebenmal FC Bayern, einmal Inter Mailand), 150-maliger Nationalspieler, fünfmaliger WM-Teilnehmer mit 25 Spielen (Rekord) muss kein guter Trainer sein. Das sagen die ablehnenden Stimmen. Sie haben dank vieler Beispiele ein valides Argument. Die Gegenseite hat es schwierig, denn Lothar Matthäus war zwar zehn Jahre lang Trainer, aber nie in Deutschland.

Lothar Matthäus

Mit Titeln zu argumentieren, zieht bei Matthäus nicht.

Der "Munzinger", Standardwerk für Biographien, widmet Matthäus das Kapitel "Die verzweifelte Suche nach einem Trainerjob in der Bundesliga". Warum hat es nie geklappt? "Ich weiß es nicht. Ich habe keine Erklärung", sagt Heribert Bruchhagen, der selber mal vor der Frage stand, ob er Matthäus verpflichten soll. Armin Veh, bei Eintracht Frankfurt von Bruchhagen freigestellt, habe ihm Matthäus wärmstens empfohlen. Bruchhagen sprach ihn gar nicht an.

Mögliche Erkärungen hat er dann doch: "Wir Manager sind ja alle eitel. Vielleicht wollten wir auch nicht, dass eine solche Koryphäe dann so im Mittelpunkt stehe." Die "extreme Nähe zur Bild-Zeitung", die auch Bruchhagen stets nachgesagt wurde, sei ein weiterer möglicher Grund, warum Matthäus nie auf einer deutschen Trainerbank gelandet sei. Sich selbst gerne ins Gespräch zu bringen, kann ein weiterer Grund sein, aber dann hätte Peter Neururer auch nie einen Job bekommen dürfen.

Keine Zeit

Lothar Matthäus ist ein Phänomen, in vielerlei Hinsicht. Er ist ein deutsches Sportidol, das wie Boris Becker gerne mit Häme überzogen wird. Er bietet seit vielen Jahren keinen Anlass mehr dazu.

Ob ihn die Häme trifft? Ob er gerne mal etwas geraderücken würde? Ob er mit DFB-Direktor Oliver Bierhoff klarkommen würde? Diese Fragen hätte ihm die Sportschau gerne gestellt. Keine Zeit, hieß es, zu viele Termine wegen des Geburtstags. Vielleicht zum 70.

Stand: 19.03.2021, 12:01

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