Dank "König" und "Trüffelschwein" - Lille vor dem Titelgewinn

Jubel beim OSC Lille

Französische Ligue 1

Dank "König" und "Trüffelschwein" - Lille vor dem Titelgewinn

Von Frank van der Velden

Der OSC Lille steht in der französischen Ligue 1 kurz vor einer faustdicken Überraschung - dem Gewinn der Meisterschaft. Verantwortlich sind dafür unter anderem die Tore eines "Königs" und die clevere Transferpolitik eines "Trüffelschweins".

Burak Yilmaz ist eigentlich fest verwurzelt in der Türkei. Er ist einer der wenigen Spieler, der für die vier "großen Klubs" (Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray Istanbul sowie Trabzonspor) gespielt hat. Selbst zu seiner ganz großen Zeit, als er Torschützenkönig der Süper Lig und im allerbesten Fußballer-Alter war, war er nicht wegzukriegen vom Bosporus. 2016 wechselte er wohl aus finanziellen Gründen nach China, kam aber bald schon wieder zurück. In der Türkei nennen die Fans ihn "Kral" - "König". Dennoch ließ sich Yilmaz im vergangenen Sommer auf seine alten Tage nochmal auf ein Abenteuer ein und wechselte in die französische Ligue 1 nach Lille.

Letztes Spiel in Angers

Dass sich der Wechsel als Fußball-Märchen entpuppt, war nicht abzusehen. Doch mit dem Olympique Sporting Club steht der 35-jährige Yilmaz jetzt kurz vor der Meisterschaft. Vor dem letzten Spieltag führen die Nordfranzosen mit 80 Punkten die Tabelle an, einen Punkt liegen sie vor Paris Saint-Germain. Am Sonntag (23.05.2021) können die "Doggen" mit einem Sieg in Angers die Überraschung perfekt machen und den aus Katar gesponserten Scheichklub, der einen erheblich größeren Etat hat, vom Thron stoßen.

Campos zog die Fäden

Der ehemalige Sportdirektor Luis Campos

Der ehemalige Sportdirektor Luis Campos

Yilmaz hat daran großen Anteil. Mit 15 Treffern ist er Lilles Toptorschütze. Verantwortlich für den Transfer ist der ehemalige Sportdirektor Luis Campos. Der Portugiese ist eigentlich auf Jungstars spezialisiert, was ihm Spitznamen wie "Trüffelschwein" und "Diamantenauge" eingebracht hat. Der Yilmaz-Wechsel fällt da wohl unter die Kategorie "die Mischung macht's".

So ist der Sturmpartner des "Königs" erst 21. Jahre alt. Jonathan David kam von KAA Gent nach Lille und ist ebenfalls neu im Team. Zwölf Ligatore hat der Kanadier auf dem Konto. Der dritte Toptransfer ist Verteidiger Sven Botman, der von Ajax Amsterdam zum Team stieß. Er ist 21 Jahre alt und spielt in der Viererkette meist neben dem 37-Jährigen José Fonte. Lille stellt mit nur 22 Gegentreffern die beste Abwehr der Liga, nur drei Niederlagen hat das Team von Trainer Christophe Galtier kassiert.

Hoher Transferüberschuss

Campos ist dafür bekannt, junge, entwicklungsfähige Spieler zu holen und sie dann mit hohem Gewinn wieder zu verkaufen. In den vergangenen drei Jahren hat Lille einen Transferüberschuss erwirtschaftet, der sich sehen lassen kann. Laut des Fußballportals "Transfermarkt" waren es rund 170 Millionen Euro.

So verpflichtete Campos Stürmer Nicolas Pépé 2017 für zehn Millionen von Angers und gab ihn zwei Jahre später für 80 Millionen an den FC Arsenal ab. Und der SSC Neapel überwies 2020 70 Millionen Euro für Victor Oshimen, Campos hatte ein Jahr zuvor 22 Millionen an Charleroi überwiesen. Das alles passiert ohne Leistungsabfall, denn Campos reinvestiert einen Teil des Geldes umgehend in neue Talente - oder auch mal in "alte Hasen" wie Burak Yilmaz. Fündig wurde er zuletzt vor allem in seinem Heimatland Portugal und in der Türkei. Neben Yilmaz spielen auch Yusuf Yazici und Zeki Celik bei den "Rot-Blauen".

Galtier schon seit 2017 an der Linie

Lilles Trainer Christophe Galtier

Lilles Trainer Christophe Galtier

Auf der Trainerposition dagegen herrscht Kontinuität. Christophe Galtier leitet schon seit Dezember 2017 die Geschicke. Der 54-Jährige war kein großer Spieler, und es wäre sein erster Titel als Coach. Doch es scheint zu passen in Lille.

Dubioser Verkauf

Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass Campos nicht mehr beim OSC tätig ist. Im Dezember verkaufte Eigentümer Gérard Lopez auf Druck der Ligafinanzaufsicht und seiner Kreditgeber den Verein an einen Finanzfonds. Denn trotz adäquater Transfererlöse ist der Verein in finanzieller Schieflage. Die neuen Besitzer setzten einen neuen Präsidenten ein und Campos verließ gemeinsam mit Lopez den Klub. Hintergrund ist, dass sich der Ligue-1-TV-Rechteinhaber "Mediapro", ein spanisch-chinesisches Konsortium, für zahlungsunfähig erklärte und den bestehenden Vertrag nicht erfüllen konnte.

Das alles heißt aber nicht, das Lilles Meisterschaft, wenn sie denn kommt, eine Eintagsfliege bleibt. Der neue Präsident Olivier Létang begleitete Paris Saint-Germain auf seinem Weg vom Mittelklasseklub zum Spitzenverein und führte Stade Rennes in die Champions League.

Bekommt Lille das Nervenflattern?

In Angers ist Lille Favorit. Und da Paris sich wohl keinen erneuten Ausrutscher in Brest leisten wird, muss ein Sieg her. Der Vorsprung hätte komfortabler sein können, doch OSC kam am vergangenen Spieltag daheim gegen Saint-Etienne nur zu einem 0:0. Ein erstes Anzeichen für Nervenflattern? Für Lille wäre es nach 1946, 1954 und 2011 die vierte Meisterschaft und die erste seit zehn Jahren. Damit hätte selbst der "König der Türkei" nicht gerechnet.

Stand: 20.05.2021, 08:00

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