Kopfverletzungen - zusätzliche Auswechslung testweise ab Januar

Wout Weghorst mit Kopfverband

Tagung der Regelhüter

Kopfverletzungen - zusätzliche Auswechslung testweise ab Januar

Von Chaled Nahar

Im Fußball soll es bald eine zusätzliche Auswechslung geben, wenn der Verdacht auf eine Kopfverletzung vorliegt - die Regelhüter wollen eine Testphase ab Januar auf den Weg bringen. Doch wichtige Detailfragen sind ungeklärt und ob die Bundesliga mitmacht, bleibt ebenfalls offen.

Gehirnerschütterungen im Fußball bedeuten Lebensgefahr, wenn eine Spielerin oder ein Spieler damit weiterspielt und einen zweiten schweren Schlag gegen den Kopf riskiert. Ärzte warnen vor dem "Second Impact Syndrome", der mit einem Hirnödem oder einer Hirnblutung im Extremfall tödliche Folgen haben kann. "Im Zweifel soll die Spielerin oder der Spieler vom Platz genommen werden", sagt Lukas Brud, Geschäftsführer des International Football Association Board (IFAB), im Gespräch mit der Sportschau.

Das IFAB berät und beschließt die Regeln des Fußballspiels und will nun eine Testphase mit einer zusätzlichen Auswechslung ab Januar beschließen. Die zusätzliche Auswechslung solle verstärkt dafür sorgen, dass im Zweifel auch wirklich gewechselt wird.

Details offen: Bekommt das gegnerische Team auf einen weiteren Wechsel?

"Einen Spieler mit einer Gehirnerschütterung auf das Spielfeld zu lassen, ist extrem gefährlich. Dies sollte um jeden Preis vermieden werden", forderte die Spielergewerkschaft FIFPro schon im Oktober 2019. Auch UEFA-Präsident Aleksander Ceferin hatte die Regelhüter im Mai 2019 öffentlich aufgefordert, Änderungen bei den Auswechslungen anzugehen. Das Ziel ist also klar - aber die Umsetzung schwierig.

Am Montag (23.11.2020) tagen die Beratungsgremien der Regelhüter zum Thema Kopfverletzungen. Den Gesprächen folgt am 16. Dezember die Sitzung des IFAB-Vorstands, bei der die Testphase beschlossen werden soll. Einige Details müssen noch geklärt werden:

  • Wird eine zusätzliche Auswechslung bei einer Kopfverletzung eine reine Notlösung, wenn das Wechselkontingent erschöpft ist? Oder ist bei einer Kopfverletzung jederzeit ein Wechsel möglich, der nicht auf das Kontingent angerechnet wird?
  • Was passiert bei mehreren Kopfverletzungen? Gibt es dann auch mehrere zusätzliche Auswechslungen?
  • Bekommt das gegnerische Team als Ausgleich automatisch einen weiteren Wechsel zugesprochen? So könnte das denkbare Schinden von Auswechslungen durch Schauspielerei im Zweifel unattraktiver werden.

Klare Zuweisung von Verantwortlichkeit nicht möglich

Die wichtigste Frage muss offen bleiben: Wer befindet darüber, wann eine Auswechslung notwendig wird? "Der Schiedsrichter auf keinen Fall, das sind nur selten Mediziner", sagt IFAB-Geschäfstführer Brud. Auch einen neutralen Arzt, den viele in der Diskussion für nötig halten, könne das Regelwerk nicht vorschreiben. Denn das allgemeine Regelwerk muss in der Champions League genauso anwendbar sein wie in der Kreisliga D, sowohl bei den Männer-, als auch bei den Frauen- und Jugendmannschaften. Und so ist die Zuweisung einer klaren Verantwortlichkeit durch das Regelwerk kaum möglich.

Die Einführung des zusätzlichen Wechsels soll deshalb vor allem Druck aus der Entscheidung nehmen - auch wenn das durch die derzeit fünf erlaubten Wechsel teilweise schon geschehen ist. "Der Spieler muss dann nicht mehr 'auf die Zähne beißen', um einen Wechsel zu verhindern", sagt Brud. "Mitspieler, Trainer, Schiedsrichter - alle müssen aufmerksam sein und auf mögliche Verletzungen hinweisen." Deshalb werde es bei Einführung der Testphase Kampagnen geben, die die Aufmerksamkeit für das Thema schärfen sollen. Die Entscheidung, einen zusätzlichen Wechsel beim Schiedsrichter anzufordern, liege beim Trainer.

Großes Problem: Der Kult um "starke Typen"

In Sachen Kopfverletzungen hat der Fußball ein kulturelles Problem in der Gegenwart - und der Vergangenheit. Das DFB-Pokalfinale 1982 zwischen Bayern München und dem 1. FC Nürnberg bleibt bis heute vor allem wegen Dieter "Turban" Hoeneß im kollektiven deutschen Fußballgedächtnis.

Dieter Hoeneß mit Kopfverband im DFB-Pokalfinale 1982

Dieter Hoeneß mit Kopfverband im DFB-Pokalfinale 1982

Mit einer stark blutenden Platzwunde am Kopf und einem angelegten Verband spielte Hoeneß weiter, die Bayern gewannen nach einem 0:2-Rückstand 4:2, Hoeneß erzielte das letzte Tor - natürlich mit einem Kopfball. Hoeneß erzählte später bei dfb.de, dass er in der Kabine mit zwei Stichen genäht worden sei: "Ich habe das gar nicht gespürt, ich wollte einfach nur den Pott gewinnen." Ein Beleg dafür, dass Spielerinnen und Spieler oft voller Adrenalin sind und trotz Verletzung weiterspielen wollen.

Bei Christoph Kramers Verletzung im WM-Finale 2014 gegen Argentinien, der mit einer Gehirnerschütterung zunächst weiterspielte, wurde anschließend wenig über die Gefahren gesprochen. Viel mehr wurden auch in den Medien noch Witze mit Kramer und über die Verletzung gemacht. Häufig läuft der Umgang noch auf einer anderen Ebene ab: Der "harte Kerl", der "auf die Zähne beißt" und "für sein Team den Schmerz aushält" ist eine von Fans, Medien und Klubs heroisierte Figur. Beim Relegationsspiel 2019 zwischen Union Berlin und dem VfB Stuttgart twitterte der VfB Bilder zweier Spieler mit Kopfverbänden und stellte dazu Emojis mit angespanntem Bizeps.

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Temporärer Wechsel kam nach den Diskussionen nicht in Frage

Im IFAB wurde im Rahmen einer eigens eingerichteten Expertengruppe auch die Möglichkeit eines temporären Wechsels diskutiert. Diese Idee wurde verworfen. "Viele Symptome bei Gehirnerschütterungen zeigen sich erst nach 30 Minuten, manche erst nach bis zu 72 Stunden - ein temporärer Wechsel ist deshalb nicht sinnvoll", sagt Brud.

Symptome für eine Gehirnerschütterung können Benommenheit, Erinnerungsstörungen, Erbrechen oder Konzentrationsstörungen sein. Eine Gehirnerschütterung ist normalerweise nach ein bis zwei Wochen ausgestanden - diese Zeit sollte sich also jeder und jede Sporttreibende nehmen. Denn die Spätfolgen sind oft gravierend. In Deutschland werden bei Sportunfällen rund 44.000 Gehirnerschütterungen pro Jahr diagnostiziert.

Entscheidung am 16. Dezember

Der IFAB-Vorstand mit FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura und den vier Geschäftsführern der britischen Verbände wollen am 16. Dezember die Testphase beschließen. Ab Januar wäre dann für alle Wettbewerbe die Teilnahme an dem Experiment möglich. Ob die Bundesliga und die 2. Bundesliga unter dem Dach der DFL oder der DFB als Veranstalter des DFB-Pokals und der Frauen-Bundesliga sofort mitziehen, ist unklar - darüber müssten wohl Mitgliederversammlungen der entsprechenden Klubs befinden.

Bis der zusätzliche Wechsel einen festen Platz im Regelwerk haben kann, dauert es mindestens mehr als ein ein Jahr. Das IFAB will nun Informationen und Erfahrungen sammeln. Frühestens die Generalversammlung im Frühjahr 2022 könnte die Idee fest in die Fußballregeln aufnehmen.

Wie ist der Ablauf bei Gehirnerschütterungen im Fußball bisher?

Der Weltverband FIFA unterstützt mit anderen Organisationen bislang das sogenannte SCAT5-Verfahren. Das ist ein standardisiertes Testverfahren zur Beurteilung ob, und wenn ja, in welchem Umfang eine Gehirnerschütterung vorliegt. Der Zeitrahmen dafür beträgt mindestens zehn Minuten. Es war ein erster Versuch, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu geben - doch zehn Minuten reichen wohl nicht in jedem Einzelfall aus.

Fußball: Wie Kopfbälle das Gehirn schädigen können sport inside 09.09.2020 14:14 Min. Verfügbar bis 09.09.2021 WDR

Stand: 20.11.2020, 12:17

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