Kopfverletzungen - IFAB berät über Regeländerungen bei Auswechslungen

Christoph Kramer verlässt beim WM-Finale 2014 mit Kopfverletzung den Platz.

Tagung der Regelhüter

Kopfverletzungen - IFAB berät über Regeländerungen bei Auswechslungen

Von Chaled Nahar

Die Fußball-Regelhüter des IFAB denken über mögliche Regeländerungen bei den Auswechslungen im Zusammenhang mit Kopfverletzungen nach und gründen nun eine Expertengruppe. Es ist ein weiterer Versuch, ein schwieriges Thema zu lösen.

Im WM-Finale 2014 hatte Christoph Kramer wohl mehrere Schutzengel. Einer davon hieß Nicola Rizzoli, der Schiedsrichter des Spiels. "Kramer kam zu mir und fragte, ob dies das WM-Finale sei", erzählte der Unparteiische später. Auf Kramers Frage hin habe er eine Auswechslung gefordert. Kramer, der nach einem Zusammenprall mit dem Argentinier Ezequiel Garay mit einer Kopfverletzung zunächst vom Platz musste und dann trotz einer Gehirnerschütterung weiterspielte, sagte später: "Von der halben Stunde, die ich auf dem Platz stand, habe ich kein einziges Bild mehr in Erinnerung. Ich wusste nicht mal, dass ich nach dem Zusammenprall noch weitergespielt habe."

Den Mannschaftsärzten stand damals nicht die nötige Zeit zur Verfügung, Informationen fehlten. Für Kramers Gesundheit war der Ablauf aber gefährlich, denn die Folgen hätten gravierend sein können. Damit das so nicht wieder passiert, diskutieren viele Instanzen des Weltfußballs seit Längerem über Lösungen. Ein Untergremium der Regelhüter des IFAB hat am Mittwoch (23.10.2019) in Zürich diskutiert, was der Beitrag mit Änderungen im Regelwerk sein könnte. Das Ergebnis: Eine Expertengruppe soll weitere Schritte erarbeiten. Eine Entscheidung zu Regeländerungen wäre im Frühjahr möglich, die dann zur neuen Saison in Kraft treten könnten.

Was ist das Ziel?

Grundsätzlich herrscht bei allen Beteiligten - also Spielern, Vereinen, Verbänden und Regelhütern - Einigkeit über drei Dinge:

  1. Ärztinnen und Ärzte sollen ohne Druck untersuchen können.
  2. Eine betroffene Mannschaft soll keinen sportlichen Nachteil erhalten.
  3. Eine Spielerin oder ein Spieler mit Gehirnerschütterung soll auf keinen Fall weiterspielen.

Was können die Regelhüter tun?

Das IFAB steht bei den Gehirnerschütterungen unter Druck. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin hatte die Regelhüter im Mai öffentlich aufgefordert, Änderungen bei den Auswechslungen anzugehen. Als wenige Wochen zuvor Tottenhams Jan Verthongen im Halbfinale der Champions League benommen vom Platz schlich, erreichte das Thema große Aufmerksamkeit. Auch die internationale Spielergewerkschaft FIFPro und der europäische Ligaverband "European Leagues" forderten in der vergangenen Woche Änderungen. Nun stellte man sich bei dem Treffen in einem Hotel am Zürcher Flughafen die Frage: welche? Zwei Vorschläge sind naheliegend:

  • Die temporäre Auswechslung: Diese könnte gegebenenfalls rückgängig gemacht werden. Ein Spieler, bei dem der Verdacht einer Gehirnerschütterung besteht, könnte so in aller Ruhe untersucht werden, ohne dass seine Mannschaft in Unterzahl spielen muss.
  • Die zusätzliche Auswechslung: Diese dürfte nur beim Vorliegen einer Kopfverletzung in Anspruch genommen werden und würde damit das eigentliche Wechsel-Kontingent nicht belasten.

Die Spielergewerkschaft FIFPro antwortet auf eine Anfrage von sportschau.de mit klaren Forderungen. Zehn Minuten Untersuchung sollen bei einem Verdacht auf eine Gehirnerschütterung möglich gemacht werden, die temporäre Auswechslung ist die von der Organisation bevorzugte Lösung. "Einen Spieler mit einer Gehirnerschütterung auf das Spielfeld zu lassen, ist extrem gefährlich. Dies sollte um jeden Preis vermieden werden", schreibt die Spielergewerkschaft, die einen Sitz in einem Beratungsgremium des IFAB hat.

Die Erwartungen an die Regelhüter sind groß. "Wir haben uns viele Gedanken gemacht", sagt Lukas Brud, Geschäftsführer des IFAB, im Gespräch mit sportschau.de. Die Suche nach einer Lösung bleibe aber schwierig. Denn beide Lösungen könnten theoretisch einen sportlichen Missbrauch ermöglichen, so Brud. Auch ist unklar, ob oder wann das Wechselkontingent der Mannschaften belastet werden soll und was passiert, wenn dieses eigentlich erschöpft ist. "Und wir haben bei den Regeln nur beschränkte Möglichkeiten", sagte Brud.

Eine Verschärfung von Strafen bei Ellbogenschlägen gegen den Kopf wäre Sache der Sportgerichte, das Regelwerk bietet wohl nur die Auswechslungen als Ansatz. Und es müsste eine Formulierung her, die sowohl in der Champions League als auch in der Kreisliga sowie bei Erwachsenen und Kindern gleichermaßen funktioniert.

Was ist außer neuen Regeln möglich?

Und damit könnte der Ball schnell wieder bei jenen liegen, die nach den Änderungen gerufen haben. Denn die Spielregeln können wohl nur ein Teil der Lösung sein. Eine wichtige Rolle nimmt eine im Profifußball noch nicht vorhandene Person ein: der neutrale Arzt oder die neutrale Ärztin. Mannschaftsärzte stehen unter Druck. Sie arbeiten für den Spieler, aber auch für das Team, für den Trainer und befinden sich damit in einem Interessenkonflikt. Der Mannschaftsarzt will grundsätzlich auch seinem Team helfen, dem Trainer den Spieler zurückgeben, keine Auswechslung notwendig machen.

Ein neutraler Mediziner ist also eine Schlüsselfigur - die im Amateurbereich aber kaum zu finanzieren wäre und demnach auch kein Teil des allgemeingültigen Regelwerks des Fußball sein kann. Im Profibereich müssten Verbände und Vereine mit finanziellen Mitteln ermöglichen, dass ein solcher Arzt die Untersuchungen vornimmt und entscheidet, wer weiterspielen darf und wer nicht. Die Spielergewerkschaft befürwortet ebenfalls die Instanz des neutralen Mediziners. Auf die Frage nach der Finanzierung antwortet FIFPro aber: "Das haben wir noch nicht diskutiert."

Tim Meyer, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des DFB und Mannschaftsarzt bei der deutschen Nationalmannschaft, wendet außerdem ein, dass sich der neutrale Arzt und der Sportler nicht vertraut sein würden. "Gerade bei Entscheidungen zu Kopfverletzungen ist es nicht selten sehr wertvoll, den Spieler zu kennen", sagt Meyer.

Welche Gefahr geht von Gehirnerschütterungen aus?

Drastisch formuliert: Wer mit einer Gehirnerschütterung weiterspielt, spielt mit seinem Leben. Ärzte warnen vor dem zweiten Schlag unter dem Begriff "Second Impact Syndrome", der mit einem Hirnödem oder einer Hirnblutung im Extremfall tödliche Folgen haben kann. Symptome für eine Gehirnerschütterung können Benommenheit, Erinnerungsstörungen, Erbrechen oder Konzentrationsstörungen sein. Die ehemalige Handballerin Pauline Radke berichtete im Hessischen Rundfunk im September über die harten Folgen ihrer Gehirnerschütterung. In Deutschland werden bei Sportunfällen rund 44.000 Gehirnerschütterungen pro Jahr diagnostiziert. Eine Gehirnerschütterung ist normalerweise nach ein bis zwei Wochen ausgestanden - diese Zeit sollte sich also jeder und jede Sporttreibende nehmen.

Sportschlau: Wie gefährlich sind Gehirnerschütterungen im Fußball? Sportschau 06.08.2019 01:47 Min. Verfügbar bis 06.08.2020 Das Erste

Vom Zeitpunkt wohl kaum zufällig erschien am Montag (21.10.2019) eine Studie der Universität Glasgow im Auftrag des englischen Fußballverbandes und der englischen Spielergewerkschaft. Das Ergebnis in Kürze: Ehemalige Profifußballer sterben seltener an Herzerkrankungen oder Krebs als die Allgemeinheit. Dafür sei die Gefahr von Demenz, Alzheimer und Parkinson 3,5 Mal erhöht. Es ist zumindest ein Hinweis darauf, dass Profifußball eine Gefahr für den gesunden Kopf darstellt. In den USA geht man schon seit 2015 in dieser Hinsicht radikal vor, Kopfbälle sind dort im Jugendfußball schlichtweg verboten.

Wie ist der Ablauf bei Gehirnerschütterungen im Fußball bisher?

Der Weltverband FIFA unterstützt mit anderen Organisationen das sogenannte SCAT5-Verfahren vor. Das ist ein standardisiertes Testverfahren zur Beurteilung ob, und wenn ja, in welchem Umfang eine Gehirnerschütterung vorliegt. Der Zeitrahmen dafür beträgt mindestens zehn Minuten. 2014 beschloss die FIFA nach dem Umgang mit Christoph Kramers Kopfverletzung im WM-Finale aber eine Unterbrechung von nur drei Minuten, wenn ein Verdacht auf eine Gehirnerschütterung vorliegt. Es war ein erster Versuch, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu geben. Doch es bleibt fraglich, ob diese Zeit ausreicht. Das IFAB soll mit den Regeländerungen bei den Auswechslungen nun genügend Zeit für Untersuchungen schaffen.

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"Beim American Football in der NFL läuft das besser", sagt Max-Jacob Ost, der in seinem Podcast Rasenfunk Kopfverletzungen mehrfach zum Thema machte: "In der NFL ist die Aufmerksamkeit für die Gefahr tief verankert. Auf der Tribüne sitzen Beobachter, die sofort per Funk einschreiten können. Das System ist nicht fehlerfrei, aber es gibt ein großes Bewusstsein." Auch im Eishockey gebe es einen anderen Umgang mit dem Thema als bisher im Fußball.

Welche Änderungen braucht es außerdem?

Bei Christoph Kramers Verletzung im WM-Finale 2014 wurde wenig über die Gefahren gesprochen. Viel mehr wurden auch in den Medien noch Witze mit Kramer und über die Verletzung gemacht. Häufig läuft der Umgang noch auf einer anderen Ebene ab: Der "harte Kerl", der "auf die Zähne beißt" und "für sein Team den Schmerz aushält" ist eine von Fans, Medien und Klubs heroisierte Figur. Beim Relegationsspiel zwischen Union Berlin und dem VfB Stuttgart twitterte der VfB Bilder zweier Spieler mit Kopfverbänden und stellte dazu Emojis mit angespanntem Bizeps. "Es muss ein anderes Bewusstsein her", sagt Podcaster Max-Jacob Ost: "Eine Kopfverletzung ist keine Schwäche, du kannst nichts dafür."

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Das ist ein kulturelles Problem der Gegenwart - und der Vergangenheit. Das DFB-Pokalfinale 1982 zwischen Bayern München und dem 1. FC Nürnberg bleibt bis heute vor allem wegen Dieter "Turban" Hoeneß im kollektiven deutschen Fußballgedächtnis. Mit einer stark blutenden Platzwunde am Kopf und einem angelegten Verband spielte Hoeneß weiter, die Bayern gewannen nach einem 0:2-Rückstand 4:2, Hoeneß erzielte das letzte Tor - natürlich mit einem Kopfball. Hoeneß erzählte später bei dfb.de, dass er in der Kabine mit zwei Stichen genäht worden sei: "Ich habe das gar nicht gespürt, ich wollte einfach nur den Pott gewinnen." Ein Beleg dafür, dass Spielerinnen und Spieler oft voller Adrenalin sind und trotz Verletzung weiterspielen wollen.

Strukturen, die das verhindern, sollen nun geschaffen werden - der Weg dahin bleibt aber vorerst unklar.

Dieter Hoeneß mit Kopfverband im DFB-Pokalfinale 1982

Dieter Hoeneß mit Kopfverband im DFB-Pokalfinale 1982

Stand: 22.10.2019, 12:17

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