DFB-Vize Koch - der wahre Krisenmanager

DFB-Vizepraesident Rainer Koch und DFB-Praesident Fritz Keller

Corona und der DFB

DFB-Vize Koch - der wahre Krisenmanager

Von Frank Hellmann

Die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes ist weitgehend verwaist. Während der neue DFB-Präsident Fritz Keller mit der Rolle als Krisenmanager erkennbar fremdelt, schärft der langgediente Vizepräsident Rainer Koch sein Profil. Viele Vereine erwarten konkretere Aussagen vom Verband.

Immerhin: Auf der wichtigsten Baustelle des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) geht es unverändert voran. Von der neuen Akademie auf dem großen Grünareal zwischen Kennedyallee und Schwarzwaldstraße im Frankfurter Stadtteil Niederrad auf dem Gelände der ehemaligen Galopprennbahn ist von Stillstand nichts zu sehen, die Geschosse des Hauptgebäudes wachsen weiter.

Gerade mal fünf Autominuten entfernt vermittelt die eigentliche DFB-Zentrale ein anderes, weil fast verwaistes Bild: Wie in so vielen Einrichtungen arbeiten auch die meisten Mitarbeiter des größten deutschen Sportverbandes nur noch aus dem Home Office. Das ansonsten gut gefüllte Parkdeck hat große Lücken. Das Reservierungsschild für den Präsidenten ist ohnehin schon verschwunden. Denn der neue DFB-Präsident Fritz Keller kam zumeist mit dem Zug angereist.

An der Basis rumort es

Nun aber wird auch mit ihm noch mehr als sonst aus der Heimat im Schwarzwald kommuniziert. Das wäre an sich kein Problem, wenn der Verbandsboss den ganzen Laden im Frankfurter Stadtwald von der Pike auf kennen würden. Aber gerade das ist bei ihm nicht der Fall. Und das ist dem im September vergangenen Jahres inthronisierten Keller irgendwie auch anzumerken. Vor allem an der Basis rumort es, weil es ihnen an Ansagen fehlt. Viele Vereine, von der 3. Liga bis zur Kreisklasse, würden sich ein besseres Krisenmanagement wünschen.

Salbungsvolle Ansprache zum Osterfest

Keller versucht gegenzusteuern, so gut es geht. Vor dem Osterwochenende verfasste der Boss nicht zum ersten Mal einen offenen Brief. Denn in der freien Rede wirkt er mitunter fahrig, verliert manchmal den roten Faden fürs große Ganze. Offene Briefe oder Gastbeiträge sind sein bevorzugtes Stilmittel. "Wir erleben schwierige Zeiten, vieles ist ungewohnt und neu, viele Einschnitte sind schmerzlich. In den vergangenen Jahren haben wir uns zu dieser Zeit auf das bevorstehende Osterfest gefreut. Ostern 2020 wird anders", teilte Keller also auf der DFB-Homepage mit. Salbungsvolle Worte, gewiss, aber keine, die die Fußball-Basis beruhigten.

Insolvenzen drohen auch im Profifußball

Nun ist es ja nicht so, dass der badische Winzer und Gastronom nicht um die dramatischen Folgen durch die Pandemie wüsste. "Ich glaube nicht, dass nach der Corona-Krise die Landschaft des Fußballs gleich sein wird wie heute", sagte der 63-Jährige. Selbst die Hilferufe der Bundesliga seien "seriös und ernst", in der 2. und 3. Liga sehe "es noch schlimmer aus". Der frühere Präsident des SC Freiburg folgerte: "Wir werden einige vermissen und ich glaube, je länger das geht, umso mehr Insolvenzen werden wir auch im Profifußball haben."

Klarer Appell an die Politik

Doch haben die Amateurvereine nicht noch viel mehr Sorgen und Nöte? Für mehr als 2,2 Millionen aktive Spielerinnen und Spieler in 150.000 Mannschaften entfallen seit Wochen die Spiele, rechnete Keller vor. Bis zu 80.000 Spiele an einem Wochenende finden nicht statt. Das habe gravierende Auswirkungen auf alle haupt- und ehrenamtlichen Akteure, die zur Untätigkeit gezwungen sind. Der DFB-Präsident richtete einen klaren Appell an die Politik, Unterstützung zu leisten.

Keller fragte aber auch: "Kann das der oft ja als so reich dargestellte DFB nicht selbst?" Seine Antwort: "Nein, das können wir nicht. Aus zwei Gründen. Erstens: Der DFB darf Einnahmeausfälle von Vereinen nicht durch Zuschüsse oder Darlehen ausgleichen. Zweitens: Der DFB hätte nicht die Mittel, den Bedarf für rund 25.000 Vereine tatsächlich angemessen abzudecken." Genau an solchen Stellen wären weitere Erklärungen hilfreich.

Strippenzieher liefert Erklärungen

Diese kommen auffällig oft von Rainer Koch, dem als Strippenzieher geschätzten wie gefürchteten DFB-Vizepräsidenten. Er führte schon zweimal gemeinsam mit Reinhard Rauball nach den Rückzügen von Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel als Interimspräsident die Geschäfte. Der Präsident des Süddeutschen und Bayrischen Fußball-Verbandes hat zudem durch die Ernennung in die UEFA-Exekutive als internationales Sprachrohr für den deutschen Fußball mehr Verantwortung erhalten.

DFB-Vize Koch: "Zu früh, um über das Szenario Saisonabbruch zu sprechen" Sportschau 03.04.2020 23:10 Min. Verfügbar bis 03.04.2021 Das Erste

Kochs tägliche Präsenz als Meinungsmacher

Koch ist geschickt in der Kommunikation. Der 61-Jährige betreibt eine eigene Facebook-Seite, die regelmäßig mit Inhalt gefüllt wird. Dort hat Koch sogar seine Videoansprache an alle 4.600 bayerischen Fußballvereine eingestellt, allein im April waren es zehn. So wird erklärt, warum das Spieljahr nicht so leicht aufs Kalenderjahr umzustellen ist und warum "Geisterspiele" bis rauf zur Regionalliga keinen Sinn ergeben. Die tägliche Präsenz als Meinungsmacher in den Sozialen Medien hilft zur Verbreitung seiner Botschaften.

Keller: DFB kann Hilfe nicht leisten

Koch hat Anfang des Monats auch der Sportschau Rede und Antwort gestanden. Und der Multifunktionär hatte eine klare Aufforderung an die Politik, die Länder, die Kommunen formuliert: "Allein werden es viele gemeinnützige Vereine nicht schaffen zu überleben." Der DFB könne diese Hilfe nicht leisten, betonte der Jurist: "25.000 Fußballvereine in Deutschland: Wenn unser Schatzmeister nur jedem dieser Vereine 2.000 Euro zukommen lassen würde, wären das 50 Millionen. Das wäre für den DFB auch nicht ansatzweise verkraftbar."

Nur als Repräsentant geeignet?

Bei 50 Millionen wäre ein Drittel des Eigenkapitals aufgebraucht, ohne dass die 2.000 Euro pro Verein eine echte Hilfe wären. Die Bilanzsumme des DFB betrug im Jahr zwar 329 Millionen Euro, aber die finanziellen Hilfsmöglichkeiten sind in der Tat beschränkt. Auch Keller hätte diese Rechnung anstellen können, um die begrenzten Eingriffsmöglichkeiten seiner Institution zu erklären. Aber vielleicht ist der Mann, den eine sechsköpfige Findungskommission mit DFB- und DFL-Vertreters aussuchte, zuvorderst nur als Repräsentant geeignet.

Immer redet auch der Vertreter mit

Schon mit seiner Außendarstellung nach den Vorfällen in Sinsheim und den Fanattacken auf Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp waren viele in der Liga, darunter auch DFL-Chef Christian Seifert, über Keller irritiert. Vielleicht nicht zufällig tauchte eigentlich von Beginn an sehr regelmäßig Koch als Korrektiv auf. Bei vielen gemeinsamen Auftritten von Keller und Koch kam bereits vor der Corona-Krise der Eindruck auf, der Vertreter hielte sich bewusst nahe beim Chef, um auch noch seine Meinung zum Besten zu geben.

Ob beim Frauen-Länderspiel im November vergangenen Jahres in Wembley, bei der Grundsteinlegung der DFB-Akademie oder beim DFL-Neujahrsempfang: Stets wirkte es so, als müsste Koch noch einmal in neue Worte kleiden, was Keller gesagt hatte. Als müsste der eine ausführen, was der andere angerissen hatte. In Pandemiezeiten wird deutlich, dass Koch viel länger in den Verbandsstrukturen arbeitet. Er muss sich nicht mehr in den Gängen persönlich besprechen, sich nach Sitzungen noch austauschen, weil er so gut vernetzt ist. Und so wirken seine Einlassungen zur Krise bislang deutlich hilfreicher als die des Präsidenten.

Stand: 15.04.2020, 13:26

Darstellung: