Irans Fußball-Nationalmannschaft in schwarzen Trainingsjacken vor der Partie gegen Senegal

Frauenrechte im Iran Sportler erhöhen den Druck, die FIFA schweigt

Stand: 29.09.2022 13:49 Uhr

Vor allem auf Druck der FIFA hat Iran teilweise wieder Frauen in Fußballstadien gelassen. Doch jetzt, da Fußballer das Regime offen kritisieren, hält sich der Weltverband noch zurück.

Von Volker Schulte

Es klang zunächst wie eine Erfolgsgeschichte: Erstmals seit mehr als 40 Jahren durften Ende August Frauen im Iran wieder ein Ligaspiel im Stadion verfolgen. Hunderte kamen, teilweise mit bunten Hüten und Vuvuzelas, freuten sich über den lang ersehnten Stadionbesuch.

Doch hinter den heiteren Bildern steckt offensichtlich kein wirklicher Fortschritt-Wille. Die Öffnung war zunächst nur ein Test, die Frauen hatten separate Eingänge und einen eigenen Block. Die religiösen Führer des Iran halten es für unsittlich, dass Frauen in Fußballstadien Augen- und Ohrenzeugen des rauen Umgangstons unter den männlichen Fans werden.

Eklat bei WM-Qualifikationsspiel in Maschad

Vor allem der Fußball-Weltverband FIFA hatte schon vor Jahren Druck auf den Iran ausgeübt, Frauen in die Stadien zu lassen. Wohl ausschließlich deshalb dürfen Frauen seit Oktober 2019 wieder WM-Qualifikationsspiele besuchen, erstmals seit der islamischen Revolution 1979. "Und die FIFA erwartet, dass dies so weitergeht, es kann keinen Weg zurück geben", betonte der Weltverband.

Allerdings kam es beim letzten Qualifikationsspiel Ende März zu einem Skandal. Es fand nicht in der Hauptstadt Teheran statt, sondern in der religiösen Stadt Maschad im Nordosten Irans. Dort verwehrten die örtlichen Sicherheitskräfte den Frauen trotz gültiger Eintrittskarten den Zutritt zum Stadion, teilweise soll sogar Tränengas eingesetzt worden sein.

Iran und die Angst vor dem WM-Ausschluss

Die FIFA äußerte sich damals "mit Sorge" und aus dem iranischen Fußball-Verband FFI kamen verärgerte Reaktionen. "Falls es zu einem WM-Ausschluss der iranischen Nationalmannschaft kommen sollte, dann sind diejenigen verantwortlich, die in die bitteren Vorfälle in Maschad involviert waren", twitterte FFI-Vorstandsmitglied Mehrdad Seradschi.

Seit gut einer Woche hat der Kampf für mehr Frauenrechte im Iran auch die Nationalspieler erreicht. Vor dem Testspiel gegen Senegal in Österreich trugen sie bei der Nationalhymne schwarze Trainingsjacken, die das FFI-Logo samt Nationalflagge verdeckten. Zuvor hatten mehrere Spieler ihre Instagram-Konten geschwärzt. Es waren stille Zeichen der Solidarität mit den tausenden Menschen, seit dem Tod von Mahsa Amini im Iran auf die Straße gehen.

Mahsa Amini und die Proteste

Die 22-Jährige war unter ungeklärten Umständen gestorben, nachdem sie in Teheran von der Sittenpolizei verhaftet worden war. Es kursieren Berichte von Schlägen gegen den Kopf, Amini fiel in Polizeigewahrsam ins Koma, starb kurz darauf im Krankenhaus. Die Behörden bestreiten Polizeigewalt und schlagen die Proteste mitunter gewaltsam nieder.

Amnesty International schreibt von einem weit verbreiteten und systematischen Einsatz von rechtswidriger Gewalt durch Sicherheitskräfte mit scharfer Munition, Schrotkugeln und anderen Metallgeschossen. Eine andere Menschenrechtsorganisation, die in Oslo ansässige Iran Human Rights (IHR), geht von mindestens 76 getöteten Menschen aus.

Nationalspieler äußern Kritik

Nach der Rückkehr zu ihren Vereinen wurden mehrere Nationalspieler konkret in ihrem Protest. "Wir sind immer auf der Seite des Volkes, das in diesen Tagen nichts anderes fordert als seine grundsätzlichen Rechte", schrieb Mannschaftskapitän Ali-Resa Dchahanbachsch (Feyenoord Rotterdam) am Donnerstag auf Instagram. Er habe sich bis dahin nicht äußern können, weil er während des Trainingslagers des Nationalteams in Österreich das Internet nicht nutzen durfte.

Stürmer Mehdi Taremi vom FC Porto schrieb: "Ich schäme mich (als Iraner), wenn ich die Bilder der letzten Tage sehe." Gewalt sei inakzeptabel und werde die Probleme des Landes definitiv nicht lösen.

Azmoun, Karimi, Daei und Hashemian unter den Kritikern

Schon zuvor hatte sich Stürmerstar Sardar Azmoun von Bayer Leverkusen bei Instagram geäußert. Dass sein Post, in dem er unter anderem "Schämt euch!" und "lang leben die iranischen Frauen" schrieb, gelöscht wurde, begründete er nun so: "Ich entschuldige mich bei meinen Freunden in der Nationalmannschaft, weil meine überstürzte Aktion dazu führte, dass Blogger meine Mannschaftskameraden beleidigten und den Frieden und die Ordnung innerhalb des Teams störten."

Auch prominente Ex-Fußballer stellen sich offen gegen das Regime, darunter die ehemaligen Bundesligaprofis Ali Karimi, Ali Daei und Vahid Hashemian. Der Sport begehrt auf, aber das System ist mächtig - das zeigt auch das Beispiel von Hossein Tayebi, Kapitän der Futsal-Nationalmannschaft. Bei der Asienmeisterschaft deutete er symbolisch langes Frauenhaar an. Dem iranischen Journalisten Mehdi Amirpoor zufolge zensierte das iranische Fernsehen die Szene.

Großes Risiko, aber die FIFA bleibt stumm

Die Sportler gehen mit ihren öffentlichen Protesten ein großes Risiko für sich und ihre Familien ein. Azmoun kann immerhin auf die Unterstützung seines Arbeitgebers Bayer Leverkusen setzen. Von der FIFA ist dagegen auch auf Nachfrage noch kein Statement zu hören. Dabei hätte der Weltverband jetzt die große Chance zu zeigen, wie sehr ihm die Frauenrechte im Iran tatsächlich am Herzen liegen.

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