Social-Media-Boykott - "Wir müssen einen gemeinsamen Moral-Kompass entwickeln"

Mario Leo

Interview mit Social-Media-Experte Mario Leo

Social-Media-Boykott - "Wir müssen einen gemeinsamen Moral-Kompass entwickeln"

Mario Leo berät als Digital-Experte rund 100 internationale Top-Klubs und Verbände in ihren Social-Media-Aktivitäten. Unter anderem Juventus Turin, Celtic Glasgow, Borussia Dortmund und die UEFA. In seinem 2020 erschienenen Buch "Kaufen Sie Ronaldo" beschreibt Leo den zunehmenden Einfluss der Social-Media-Welt auf den Profisport.

Sportschau: Herr Leo, vom 30. April an bestreiken die englischen Klubs der Premier League für ein Wochenende die Social Media-Plattformen. Warum machen sie das?

Mario Leo: Es gibt in England regelmäßige Treffen der Social-Media-Arbeitskreise der Klubs. Da werden solche Dinge besprochen. Es wurde allgemein festgestellt, dass in den letzten Wochen und Monaten diskriminierende Posts und Beleidigungen beim Großteil der Mannschaften und der Spieler deutlich zugenommen haben. Daher haben sich die Klubs gemeinsam auf diesen sogenannten 'Blackout' verständigt.

Sportschau: Warum haben sich deutsche Klubs wie Hoffenheim oder der FC St. Pauli dieser Maßnahme angeschlossen?

Leo: Weil man dort erkannt hat, dass es sich bei der Zunahme der diskriminierenden Posts keineswegs nur um ein englisches Phänomen handelt. Auch in Deutschland muss man das Phänomen in den letzten sechs Monaten beobachten. Unser Monitoring zeigt dabei, dass die Beleidigungen und Angriffe gegen die Sportler und Vereine einen engen Bezug zu Wettereignissen haben. Heißt: Wetter setzen verunglimpfende Posts gegen Sportler ab, wenn sie ihren Wetteinsatz verloren haben. Die Social-Media-Plattform eines Vereins oder Spielers wird dann sozusagen zu einem Abflusskanal persönlichen Frusts.

Sportschau: Wird der Streik der Vereine positive Wirkung zeigen?

Leo: Ich glaube nicht. Denn er löst ja nicht das grundsätzliche Problem. Das Verhalten auf den Social-Media-Plattformen spiegelt ja nur unsere Werte und unser Verhalten innerhalb der Gesellschaft wider. Heißt: Wir müssen eher daran arbeiten, einen gemeinsamen Moral-Kompass zu entwickeln: Was ist erlaubt, was nicht? Da sind übrigens auch die Medien in der Verantwortung. Sehr häufig reagieren vor allem Boulevardmedien sehr aggressiv auf Fehler in den Social-Media-Abteilungen von Sportlern oder Vereinen. Da rutscht dann ein verunglückter Gündogan-Post schon mal gerne auf Seite eins einer Zeitung und wird enorm angeprangert. Das erhöht die Strahlkraft eines einzelnen Posts und macht ihn mitunter viel bedeutsamer als er eigentlich ist.

Sportschau: Was muss stattdessen getan werden, um zu einem vernünftigen Umgangston zurückzufinden?

Leo: Es muss regulierend eingegriffen werden. Vonseiten der Plattformen werden derzeit mit Hilfe künstlicher Intelligenz sozusagen Filterprogramme vorbereitet, die künftig die Rechtslage verändern werden. Von diesen Programmen werden zum Beispiel verunglimpfende und beleidigende Formulierungen erkannt und an den Urheber zurückgespiegelt. Man fragt den Autor explizit, ob er diese Formulierung dennoch benutzen wolle. Bestätigt der User dies, kann er anschließend in Haftung genommen werden.

Sportschau: Was können Sportler und Sportvereine ihrerseits tun?

Leo: Sie müssen sehen, dass sie so wenig wie möglich Angriffsflächen bieten. Dafür müssen sie geschult werden, es müssen Guidelines für den Verein oder den Sportler identifiziert werden. Zudem wird sehr häufig der ganz einfache Fehler gemacht, dass nur positive Meldungen gepostet werden. Das weckt bei manchen Nutzern Neidempfinden. Berichtet man auch über Enttäuschungen und Niederlagen und über die entsprechenden Gefühle, fühlt sich der Fan viel mehr mitgenommen.

Sportschau: Was vermissen Fans und User auf den Vereinsplattformen?

Leo: Vor allem jüngere Leute sind zunehmend nicht mehr nur an Nachrichten und Geschichten aus der sportlichen Performance eines Vereins interessiert. Sie möchten auch wissen, wie der Verein gesamtgesellschaftlich positioniert ist. Hoffenheim hat das schon zum Beispiel sehr gut erkannt und engagiert sich als Profiverein sehr für nachhaltige Energiegewinnung oder soziale Projekte. 'Tue Gutes und berichte darüber', das sollte das Motto sein.

Sportschau: Müssen die Social-Media-Abteilungen in der Bundesliga aufgerüstet werden?

Leo: Nicht unbedingt, sie müssen nur richtig in das Vereinskonstrukt integriert werden. Sie sind aktuell meist der Medien- und Kommunikationsabteilung zugeordnet. Das ist im Übrigen die einzige Abteilung eines Profiklubs, die Geld kostet. Sie gehört aber eher in den Marketing-Bereich für mich. In eine eigene Stabstelle 'Digital' als Bindeglied zwischen Kommunikation und Marketing. Denn gerade in der Coronapandemie zeigt sich, dass Social Media ausbleibende Sponsorengelder wegen fehlender Werbetafeln durchaus auffangen kann. Und 'Digital' auch strategische Bedeutung für Internationalisierung oder Regionalisierung hat.

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 30.04.2021, 14:30

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