Hooligans - "Politik und Gewalt werden in Fankurven ständig verhandelt"

Englische Fans verprügeln friedliche Stadionbesucher auf der Tribüne

Interview mit dem Fanforscher Robert Claus

Hooligans - "Politik und Gewalt werden in Fankurven ständig verhandelt"

Von Christian Steigels

Robert Claus, Experte für Rechtsextremismus hat ein Buch über Entwicklung und Status quo des Hooliganismus geschrieben. In "Hooligans – Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik" geht es um die Professionalisierung der Szene im Kampfsportbereich, "Ackermatches" und einen Rechtsruck in deutschen Fankurven. 

sportschau.de: Herr Claus, fangen wir ganz am Anfang an: Was ist ein Hooligan?

Robert Claus: Hooligans sind eine in den 60er Jahren in Großbritannien aus der Arbeiterschicht entstandene gewalttätige und sehr männlich geprägte Jugendkultur. Sie versucht, durch ihre Gewalt gesellschaftliche Teilhabe und Protest auszuüben. Das war zunächst bei Tanz- und Discoveranstaltungen, dann schnell beim Fußball. Vor allem in den 80er und 90er Jahren waren Hooligans dann sehr präsent in deutschen Stadien, Gruppen wie die "Borussenfront" aus Dortmund oder die "Gelsenszene" auf Schalke.

Um die Jahrtausendwende schienen Hooligans in Deutschland dann urplötzlich verschwunden. Warum?

Robert Claus: Da gibt es mehrere Faktoren. Bei der WM 1998 haben deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel fast zu Tode geprügelt. Infolgedessen stiegen polizeiliche Repression und das Vorgehen der Verbände massiv an. Hinzu kam die Ultrabewegung, die Ultras haben in vielen Stadien das Heft in die Hand genommen. Diese Entwicklungen führten dazu, dass die Szene den Fußball ein Stück weit verließ. Man traf sich auf Ackern oder Feldern, um sich dort eine Prügelei nach klaren Regeln zu liefern, ein sogenanntes "Ackermatch". Parallel war eine Professionalisierung zu beobachten. Darüber hinaus wird durch die Sozialen Medien heute viel mehr sichtbar als vor 20 Jahren. Ganz verschwunden waren sie also nie.

Wie sieht diese Professionalisierung aus?

Robert Claus: Die erste Generation "Hooligans" hat kaum professionellen Kampfsport betrieben, war nicht international vernetzt, hatte nicht die Organisationsmöglichkeiten sozialer Medien und keine verschlüsselte Kommunikation. Das ist bei der neuen Generation alles der Fall. Sie betreiben Mixed Martial Arts und Kickboxen, teilweise professionell wie das "Imperium Fight Team" aus Leipzig, das von einem Hooligan aus dem Umfeld von Lok Leipzig gegründet wurde. Und die "Ackermatches" werden verschlüsselt im Netz organisiert.

Ist die Gefahr durch diese Professionalisierung größer geworden?

Robert Claus: Die Gefahr im Umfeld von Fußballspielen ist deutlich geringer als in den 80er oder 90er Jahren. Die "Ackermatches" finden nur unter Hooligans statt, das bekommt der normale Stadiongänger nicht mit. 

Sie schreiben in ihrem Buch aber auch darüber, dass Hooligangewalt nach außen getragen wird. Wie sieht das aus? 

Robert Claus: Ein Beispiel ist Leipzig. Als der Pegida-Ableger Legida im Januar 2016 Geburtstag feierte, zogen rund 250 Neonazis randalierend durch den alternativen Stadtteil Connewitz. Da waren auch viele Hooligans aus Leipzig und dem Umland dabei.

Nicht der einzige Fall von nach außen getragener Gewalt: Man erinnere sich an den Hooligans-gegen-Salafisten-Bewegung (HoGeSa) 2014.

Robert Claus: Bei HoGeSa trafen sich Alt-Hools jenseits der 40, von denen einige im Rocker- oder Security-Milieu abgetaucht waren. Im Zuge der Debatte um Geflüchtete gab es dann diese Protestbewegung. Das war zum einen eine Machtprobe der alten Kämpfer. Zum anderen darf man auch nicht vergessen: Viele Hooligans haben prekarisierte Jobs, Altersarmut ist quasi programmiert. Der rechte Sozialprotest wurde vom gemeinsamen Feindbild der Einwanderung geeint.

Ein einendes Element scheinen rechte Lebenswelten zu sein. Das passt zum Rechtsruck in den Stadien, von dem in den vergangenen Jahren häufig die Rede war. Sehen Sie da einen Zusammenhang mit dem Wiedererstarken der Hooliganszene?

Claus: Man muss vorsichtig sein: Viele Hooligans sind Neonazis, aber eben nicht alle. Die bewegen sich eher in einer männerbündischen Szene. Dieser angesprochene Rechtsruck findet gesamtgesellschaftlich statt, das geht auch am Fußball nicht spurlos vorbei. Es gab in den vergangenen Jahren Abspaltungen von eher rechten, gewalttätigen Gruppen, die andere Fans mit Gewaltdrohungen unter Druck setzen. Das haben wir z.B. in Aachen gesehen, in Dortmund oder in Berlin. Teile von ihnen stehen der Partei "Die Rechte" oder auch der AfD nahe.

Welche Standorte sind aktuell besonders umkämpft?

Claus: Jenseits der Orte mit klassischen linken Fanszenen wie St. Pauli oder Babelsberg sind fast alle umkämpft. An manchen ist das deutlicher, an manchen weniger. Dafür sind die Fanszenen schlicht zu ausdifferenziert. Ein Beispiel ist Köln. Es gibt eine Ultraszene, die sich seit vielen Jahren gegen Rassismus engagiert. Gleichzeitig ist ein Teil der gewalttätigen Ultra- und Hooliganszene mit rechtsextremen russischen Kampfsportlern vernetzt.

Gewalttätige Ultras mit Verbindungen ins rechtsextreme Milieu? Die Szene selbst zeichnete in den vergangenen Jahren eher ein Bild der Gewaltlosigkeit und politisch aufgeklärten Geisteshaltung.

Claus: Die Geschichtsschreibung vereinfacht da manchmal zu stark: Erst gab es die rechten, gewalttätigen Hools, dann die linken, an Choreos interessierten Ultras. Doch das ist zu grob. Es gibt Ultras, die sich gegen Rechtsextremismus und Gewalt positionieren, andere stehen Gewalt bzw. Rechtsextremen nah. In dieser Bandbreite und dazwischen finden wir alles. In den aktuellen Fanprotesten spielen Hooligans jedoch keine tragende Rolle.

Wem gehört die Kurve heute – Ultras oder Hooligans?

Claus: Auch das ist nicht pauschal zu beantworten. An manchen Standorten haben Ultras und Hooligans sich arg bekriegt um die Macht in der Kurve, in Bremen zum Beispiel, wo eine junge Ultraszene gegen die alten rechten Hooligans vorging. An anderen Standorten wie Kaiserslautern hängt die Fahne der alten Hooligans immer noch neben der Fahne der Ultras. Und zu guter Letzt sind auch Gruppen entstanden, die die Gewalt der Hooligans und die hohe Selbstorganisation der Ultras verbinden, sie lassen sich kaum noch eindeutig zuordnen. Letzten Endes werden Politik und Gewalt in Fankurven ständig verhandelt.

Darüber hinaus dürfen wir nicht vergessen, dass wir bei deutschen Fanszenen über große Menschenmengen reden, in Dortmund stehen fast 25.000 Menschen auf der Südtribüne. Wenn wir über Hooligans reden oder gewalttätige Ultras, dann reden wir meist über nicht mehr als 200 Leute. Das ist in der Promillezahl im gesamten Stadion.

Beim Thema Hooligans kommen wir abschließend auch nicht um die WM 2018 herum. Nach den Krawallen russischer Hooligans bei der EM 2016 blicken viele sorgenvoll nach Russland. Was ist da zu erwarten?

Claus: Russische Hooligans trainieren Kampfsport, sind teilweise militärisch organisiert und vor allem durchweg neonazistisch eingestellt. Aber der russische Staat hat keinerlei Interesse, sich die WM kaputt machen zu lassen. Vor gut einem Jahr wurde der Chef der russischen Fanföderation, ein rechter Alt-Hooligan, auf einer Tagung medienwirksam festgenommen. Das war auch inszeniert, um ein Zeichen zu setzen. Es könnte also einen unausgesprochenen Deal geben, dass die russischen Hooligans in den Innenstädten bei der WM nicht viel unternehmen. Vorsicht bleibt aber weiter geboten.

Zur Person: Robert Claus arbeitet für die Kompetenzgruppe Fankulturen & Sportbezogene Soziale Arbeit (Kofas). Seine Schwerpunkte sind Rechtsextremismus und Hooliganismus. In seinem neuen Buch "Hooligans – Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik" beschreibt er die Entwicklung der Szene in Deutschland.

Stand: 18.11.2017, 10:00

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