Erfolgreiche Trainer - "Gespräch ist wichtiger als Taktik-Tafel"

Thomas Tuchel, Edin Terzic, Hansi Flick und Jürgen Klopp

Interview

Erfolgreiche Trainer - "Gespräch ist wichtiger als Taktik-Tafel"

Vier deutsche Trainer stehen im Viertelfinale der Champions League. Dennoch soll die Trainerausbildung im Deutschen Fußball-Bund (DFB) komplett reformiert werden. Warum das kein Widerspruch ist, erklären der Sportliche Leiter Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou, und Akademieleiter Tobias Haupt im Sportschau-Interview.

Sportschau: Im Viertelfinale der Champions League stehen mit Hansi Flick, Edin Terzic, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel gleich vier deutsche Trainer. Welche Berührungspunkte hatten Sie persönlich mit diesem Quartett?

Joti Chatzialexiou: Bei Hansi Flick liegt es ja auf der Hand: Mit ihm habe ich in seiner Zeit als Assistenztrainer und als Sportdirektor beim DFB über Jahre sehr eng zusammengearbeitet. Ich habe viel von ihm mitgenommen, was den Umgang mit Menschen angeht - da hat er mich auch inspiriert, weil ich die von ihm erzeugte familiäre Atmosphäre, die von ihm garantierte Verlässlichkeit als überragend empfand. Er integriert die Mitarbeiter in seine Gedankengänge, hat eine offene Feedbackkultur. Als Teil seines Teams hat man das Gefühl: Wenn jemand Hilfe bräuchte, würde er nachts um zwei, drei Uhr vor der Tür stehen. Deshalb schätzen und lieben ihn viele Menschen, das geht mir auch so. Darüber hinaus hat er als Trainer eine klare Vorstellung, wie er Fußball spielen möchte.

Sportschau: Und Thomas Tuchel?

Joti Chatzialexiou:: Mit Thomas habe ich früher als Trainer im Leistungszentrum (bei Eintracht Frankfurt, Anm. d. Red.) so einige Schlachten geschlagen. Damals war er ein sehr emotionaler Trainer, da sind auch manchmal die Fetzen geflogen (lacht). Trotz der Unstimmigkeiten haben wir heute noch immer mal wieder Kontakt. Er hat eine unfassbare Karriere hingelegt und ist zu einem der wichtigsten Trainer der Welt geworden. Er ist ein meinungsstarker Typ, verlangt hohe Professionalität. Er kann es nicht leiden, wenn dieser Anspruch nicht erfüllt wird. Ähnlich wie Jürgen Klopp.

Sportschau: Ja, Jürgen Klopp.

Triebfelder der Reform: Tobias Haupt (links) und Joti Chatzialexiou

Triebfelder der Reform: Tobias Haupt (links) und Joti Chatzialexiou

Joti Chatzialexiou: Er ist sicher ein Vorbild für alle Trainer in Deutschland, im Moment vielleicht das Aushängeschild für den Trainertyp ‚Made in Germany‘. Ich sehe ihn auch als 'role model' für die neue Generation. Seine Ausstrahlung, seine Leidenschaft, sein Ehrgeiz sind außergewöhnlich, dennoch hat er seine Souveränität, seine Gelassenheit und seinen Humor nicht verloren - gepaart mit einer enorm hohen fachlichen Kompetenz.

Sportschau: Und was verbindet Sie mit Edin Terzic?

Joti Chatzialexiou: Mit ihm habe ich meinen Trainerschein gemacht: Er ist ein sehr positiver, kommunikativer und begeisterungsfähiger Mensch. Ich erinnere mich noch gut, wie wir uns abends noch die Köpfe heißgeredet und über Details diskutiert haben, ob man besser rechts oder links herum spielt, wie man einzelne Spieler besser machen kann. Er kennt die Arbeit in Scouting- und Jugendabteilungen, wodurch er sich über die vergangenen Jahre eine extreme Expertise angeeignet hat. So einer übernimmt nicht ohne Grund eine der besten Mannschaften Deutschlands.

Tobias Haupt: Alle bringen neben den fachlichen Qualitäten ein unglaublich hohes Maß an Authentizität, Empathie und Menschlichkeit mit. In der Trainerausbildung sprechen wir gerne davon, dass das Vier-Augen-Gespräch vor der Taktik-Tafel steht. Eine Anekdote zu Jürgen Klopp: Wir tauschen uns regelmäßig im Rahmen eines UEFA-Programms mit den Verbänden aus England, den Niederlanden und Belgien aus. In diesem Rahmen hat Jürgen den schönen Satz gesagt: 'I never wanted to be the best, but I wanted to have a team, that is able to beat the best!' Er wollte also nie der Beste sein, sondern ein Team an seiner Seite haben, das in der Lage ist, die Besten zu schlagen. Das sagt eigentlich alles über diesen Trainertyp und vor allem den Menschen dahinter aus.

Sportschau: Was bedeuten vier deutsche Trainer auf dieser Bühne für den deutschen Fußball?

Joti Chatzialexiou: Das bringt uns eine große Anerkennung für unsere Trainerausbildung und sollte auch Ansporn sein, weiter gute Trainer auszubilden. Man darf allerdings nicht vergessen, dass so etwas auch singuläre Ereignisse sind, die nicht die gesamte Trainerausbildung widerspiegeln. Schon im vergangenen Jahr kam die Frage auf, warum wir in der Trainerausbildung etwas verändern müssen, als drei deutsche Trainer im Champions-League-Halbfinale standen. Drei Jahre zuvor hatte Mehmet Scholl an den so genannten Laptop-Trainern kein gutes Haar gelassen. Deshalb müssen wir das differenziert betrachten. Wir wollen weniger auf die Wissenschaft oder die Taktik schauen, die zuletzt zu sehr im Fokus standen, sondern vermehrt den Menschen betrachten und seine Sozialkompetenz schulen.

Sportschau: Weil die Anforderungen ständig gewachsen sind?

U21-Trainer Stefan Kuntz (l) umarmt Jonathan Burkhardt

U21-Trainer Stefan Kuntz (l) umarmt Jonathan Burkhardt

Tobias Haupt: Trainer sind moderne Führungskräfte. Das ist ein unheimlich komplexes Aufgabenfeld. Sie sind heutzutage Teamplayer, die Zeit der One-Man-Show ist vorbei. Erfolgsgeheimnis ist, einen Expertenstab aus bis zu 30, 40 Personen erfolgreich zu koordinieren, aber auch vorneweg zu gehen und entscheidungsstark zu sein. Wie groß die Bedeutung des Trainerteams für den Erfolg einer Mannschaft ist, haben wir gerade erst bei der erfolgreichen EM-Vorrunde unserer U21-Nationalmannschaft gesehen.

Joti Chatzialexiou: Heute müssen Trainer führen, moderieren, vernetzen und entscheiden. Wir haben für Fitness, Analyse oder Ernährung überall Spezialisten, deshalb werden Trainer immer mehr zu Managern und Kommunikatoren - zumindest im absoluten Spitzenbereich.

Sportschau: Zu den international anerkannten Leuchttürmen gehört mit Julian Nagelsmann noch ein junger Trainer. Trotzdem ist der Reformbedarf bei der Trainerausbildung groß?

Tobias Haupt: Ja. Noch vor drei Jahren haben wir Trainerinnen und Trainer bis zu einem gewissen Status quo ausgebildet, haben sie in die Praxis entlassen, dann aber in ihrer individuellen Entwicklung nicht weiter begleitet. Im Idealfall sollte das Hand in Hand mit den Vereinen passieren. Denn: Jürgen Klopp war vor 15 Jahren auch noch nicht der Welttrainer, der er heute ist. Was wir in der internationalen Analyse festgestellt haben, ist, dass uns andere Nationen nicht nur den Rang abgelaufen, sondern bereits überholt haben.

Sportschau: Haben Sie ein Beispiel?

Tobias Haupt: In England sind allein an die 100 Trainer-Entwickler unterwegs, um die Coaches in den Klubs und Leistungszentren individuell weiterzuentwickeln. Um internationales Topniveau auch in den nächsten zehn Jahre zu garantieren, müssen wir nachziehen. Deshalb haben wir in den vergangenen zweieinhalb Jahren in der Trainerausbildung jeden Stein umgedreht und konsequent Reformen auf allen Ebenen unserer Trainerausbildung umgesetzt.

Sportschau: Wo haben Sie denn gemerkt, dass es nicht mehr stimmt?

Joti Chatzialexiou: Durch viele Beobachtungen von Trainerverhalten auf allen Spielklassenebenen. Mit Blick auf die Trainer im Nachwuchsbereich stellen wir zum Beispiel fest, dass vermehrt ihre Karriere in den Fokus gerückt ist. Die Nachwuchsspieler werden dann zum Objekt, damit die Trainer ihr eigenes Prestige und ihre Wahrnehmung steigern können. Wenn jedoch Ergebnisse im Vordergrund stehen, bleibt die individuelle Entwicklung der Spieler auf der Strecke. Das hat natürlich auch viel mit dem System zu tun, wenn Trainer im Nachwuchsbereich nicht so gut bezahlt werden.

Studie: Sind unsere Kinder Bewegungsmuffel?

Junge Fußballer beim Training

Tobias Haupt: Drei konkrete Beispiele, warum wir etwas verändern müssen. Im Kinderbereich: Hier sehen wir oft noch vorbildlich engagierte Väter ihre Kinder trainieren. Allerdings beobachten wir immer wieder, dass insbesondere spielschwache oder körperlich benachteiligte Kinder kaum am Trainings- oder Spielbetrieb teilnehmen. Im Jugendbereich legen Übungsleiter oft schon viel zu viel Wert auf die Taktik oder die Physis der Spieler. Letztlich im Profibereich: Hier haben in der Vergangenheit Fußballlehrer Trainerjobs bekommen, obwohl ihnen die erforderlichen Jahre an Praxiserfahrung - zum Beispiel im Jugend- oder Amateurbereich - gefehlt haben. Ergebnis: Viele verlieren schnell wieder den Job. Da haben wir gegengesteuert.

Sportschau: Was verändert sich konkret?

Tobias Haupt: Drei Säulen: Erstens die Inhalte, in denen der Mensch, soziale Faktoren und die Trainerpersönlichkeit stärker gewichtet werden. Zweitens die Formate, in denen die Digitalisierung eine große Rolle spielt: Wir haben einen Online-Campus aufgebaut, den wir in der Corona-Zeit intensiv nutzen und dadurch unsere Trainerausbildung trotz Lockdowns weiter umsetzen konnten. Dritte Säule sind die neuen Lizenzstufen.

Sportschau: Wie sehen diese aus?

Tobias Haupt: Es wird eine neue B-plus-Lizenz geben, die die alte Elite-Jugend-Lizenz ablöst. Die A-Lizenz wird von einem zweimonatigen auf einen sechsmonatigen Lehrgang ausgeweitet. Und wir werden eine weitere neue Lizenz, die A-plus-Lizenz, einführen, die als zweite höchste Stufe der Trainerausbildung neben die Fußballlehrer-Lizenz rückt und sich an Jugendtrainer für den Elite-Nachwuchsbereich richtet. Die alte Lizenzpyramide wird schon Ende des Jahres nicht mehr bestehen und durch eine Lizenztreppe ersetzt. Zwischen diesen Lizenzstufen sind dann Mindestjahre an Praxiserfahrung eingebaut.

Sportschau: Heißt das damit aber auch, dass sich ein Kandidat oder eine Kandidatin jetzt vorher entscheiden muss, im Nachwuchs- oder im Seniorenbereich zu arbeiten?

Tobias Haupt: Wichtig ist zunächst, dass alle Trainerinnen und Trainer, die bei uns eine Ausbildung beginnen, alle wichtigen Grundlagen im Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbereich erhalten. Sie können sich grundsätzlich bereits zu Beginn entscheiden, ob sie eher den Weg 'Junioren' oder 'Senioren' gehen wollen. Wichtig ist: Der Wechsel in den jeweils anderen Bereich ist nicht versperrt. Wer schon vorher weiß, dass er seine Zukunft die nächsten Jahre im Jugendbereich sieht, kann sich jetzt auch dafür ganz spezifisch ausbilden lassen.

Joti Chatzialexiou: Ein angehender Lehrer entscheidet sich beim Lehramtsstudium ja auch, ob er an die Grundschule oder in der Sekundarstufe II unterrichten möchte. Das ist ein elementarer Unterschied. Wir wollen einfach eine höhere Individualisierung erreichen und die angehenden Trainer befähigen, bestmöglich in dem Umfeld zu arbeiten, in dem sie unterwegs sein werden.

Sportschau: Besteht dann nicht die Gefahr, dass zu wenige Trainer oder Trainerinnen im Nachwuchsbereich arbeiten möchten?

Tobias Haupt: Ganz im Gegenteil. Nur knapp die Hälfte der Absolventen der Fußballlehrerausbildung landet im Erwachsenenbereich, die anderen sind ohnehin schon in den Nachwuchsbereich gegangen, besaßen dafür aber keine spezifische Ausbildung. Die werden zukünftig inhaltlich besser abgeholt. Wir vergrößern also die Zahl der topausgebildeten Trainerinnen und Trainer, die im Nachwuchsbereich tätig sein werden. Und erhöhen damit die Qualität unserer Talententwicklung im deutschen Fußball.

Sportschau: Wann startet diese neue Ausbildung und wie viele können sich anmelden?

Tobias Haupt: Wir sind gerade dabei, alle bestehenden Lizenzstufen neu zu konzipieren und die neuen Lizenzstufen fertig aufzubauen. Unser Plan ist, dass wir bis Ende des Jahres das neue Modell komplett umsetzen und mit den neuen Lizenzstufen beginnen. Es gibt aber den Vorbehalt Corona, weil durch den Lockdown zum Beispiel alle Sportschulen schließen mussten. Dem bereits vor eineinhalb Jahren reformierten Fußballlehrer-Lehrgang wird in der zweiten Jahreshälfte der letzte Feinschliff verpasst. Der komplett neue Fußballlehrerlehrgang soll dann Mitte 2022 mit zwölf Teilnehmern starten.

Sportschau: Das sind aber nicht mehr viele.

Tobias Haupt: Die UEFA gibt uns für die Pro-Lizenz eigentlich sogar vor, alle zwei Jahre nur zehn Teilnehmer auszubilden. Wir sind bei zwölf pro Jahr, weil nach unseren Analysen ungefähr diese Zahl jedes Jahr den Weg in den Top-Erwachsenenbereich findet. Wir wollen eben nicht mehr mit der Gießkanne, sondern ganz spezifisch für den Spitzenbereich - sowohl im Erwachsenen- als auch im Jugendbereich - ausbilden.

Sportschau: Wir haben jetzt ganz viel über den idealen Trainer gehört. Dann können Sie doch auch die Frage nach dem besten Bundestrainer beantworten.

Joti Chatzialexiou: (lacht laut). Der Versuch ist gut.

Sportschau: Aber werden Sie eingebunden?

Bundestrainer Joachim Löw

Bundestrainer Joachim Löw

Joti Chatzialexiou: Als Sportlicher Leiter für alle Nationalmannschaften bringe ich natürlich meine Expertise mit ein - das verlangen auch unsere Entscheider. Ich werde das Thema intensiv mit Oliver Bierhoff diskutieren.

Tobias Haupt: Genau aus dem Grund ist ja bereits vor vielen Jahren bei Oliver die Idee der DFB-Akademie entstanden: Dort bündeln wir so viel Wissen, dass Herausforderungen ganzheitlich bewertet und strukturiert angegangen werden können. So können wir strategisch die besten Entscheidungen für den deutschen Fußball treffen - natürlich auch in diesem Fall.

Das Interview führte Frank Hellmann

Stand: 05.04.2021, 10:04

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