UEFA Europa Conference League

Europas 3. Liga kommt - wieder profitieren die Großen

Von Chaled Nahar

Im Sommer 2021 soll die Europa Conference League als dritter Klubwettbewerb der UEFA unter der Champions League und der Europa League starten. Sie ist ein Wettbewerb für die Kleinen - damit die Großen unter sich bleiben können.

Am Donnerstag (03.12.2020) entscheidet das UEFA-Exekutivkomitee in einer Videokonferenz darüber, wo das erste Finale der Europa Conference League am Ende der Saison 2021/22 stattfinden soll. Zur Wahl stehen Medienberichten zufolge vier Orte: Tirana in Albanien, Heraklion in Griechenland, Skopje in Nordmazedonien und Saint-Étienne in Frankreich.

Für die Europa Conference League, deren Einführung 2018 unter dem Arbeitstitel "Europa League 2" beschlossen worden war, ist es die erste Saison. Auch die Bundesliga soll mit einem Team vertreten sein. Große Folgen wird die Einführung des neuen Wettbewerbs aber für andere Ligen haben.

Die Idee: Mehr Teilnehmer, mehr Chancen - mit einem Haken

Bislang haben 32 Mannschaften an der Gruppenphase der Champions League teilgenommen, 48 waren in der Europa League dabei - zusammen also 80. Künftig sollen in allen drei Turnieren jeweils 32 Teams spielen, was eine Gesamtzahl von 96 bedeutet.

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin sagte nach dem Beschluss zur Einführung der Europa Conference League, der Wettbewerb mache den europäischen Klubfußball inklusiver für die kleineren Nationen. "Es wird mehr Spiele für mehr Klubs geben, wobei mehr Nationalverbände in den Gruppenphasen vertreten sind", sagte Ceferin. Mehr für alle? Das klingt gut. Doch der Haken kommt eine Etage über der Europa Conference League.

Die Folge: Europa League kippt zugunsten der großen Ligen

Denn die Europa League wird exklusiver statt inklusiver. Mit Einführung der Europa Conference League verkleinert die UEFA die Europa League von 48 auf 32 Mannschaften. Nur die besten sechs statt bisher die besten zwölf Nationen der "Fünf-Jahres-Wertung" haben ab 2021 noch direkt qualifizierte Teams in der Gruppenphase, elf der 32 Startplätze gehören dann automatisch den Großen. Länder wie die Ukraine, die Niederlande, die Türkei, Österreich oder Belgien sind 2021/22 mit ihren Pokalsiegern nur noch in der Qualifikation zur Europa League vertreten. "Wir sind sehr besorgt, dass wir eines der größten Opfer sein werden", sagt Stijn van Bever, Sprecher der belgischen Liga, im Gespräch mit der Sportschau. "Aber die Entscheidungen sind nun so getroffen worden."

Noch härter trifft es Länder wie Griechenland, Serbien, Kroatien oder Schweden, die 2021/22 schnell eine komplette Saison in der europäischen Drittklassigkeit verbringen könnten. Ihre Pokalsieger dürfen nur noch in der Qualifikation zur Europa Conference League spielen statt wie bisher in der zur Europa League. Die Meister dieser Länder spielen außerdem in der 1. Qualifikationsrunde zur Champions League und landen bei einer Niederlage direkt zwei Etagen tiefer in der Europa Conference League. Die Chancen werden für die Kleinen also kleiner - ein bekanntes Muster.

Die Geschichte: Champions League 2018 für die Großen umgebaut

Bis 2018 hatten Spanien, England, Deutschland und Italien zusammengerechnet elf direkte Startplätze in der Gruppenphase der Champions League. Seit 2018 sind es 16 - also die Hälfte der 32 Teilnehmer. Die fünf neuen Startplätze für die großen Vier nahm die UEFA kleineren Nationen weg. Zudem führte die UEFA 2018 im Hintergrund ein Zahlungsmodell ein, das sich am Abschneiden der Klubs in den vergangenen zehn Jahren orientiert. Klubs wie Real Madrid, der FC Barcelona oder Bayern München erhalten so derzeit in jeder Saison automatisch mehr als 30 Millionen Euro für ihre alten Erfolge. Hinzu kommen Siegprämien, Startprämien und Medienerlöse. Für die Spitzenklubs entstehen so jedes Jahr dreistellige Millionensummen.

Durch diese Verteilung von Startplätzen und Geld werden die bestehenden finanziellen und sportlichen Machtverhältnisse gesichert. Für die restlichen Länder schließen sich durch die aktuellen Änderungen in der Europa League weitere Türen. Offen steht nur die zur wenig einträglichen Europa Conference League.

Das Geld: Nur wenig zu verdienen in Europas 3. Liga

Das Geld, das die UEFA in den Klubwettbewerben einnimmt, muss sie nun auf 96 statt auf 80 Klubs zu verteilen. Genaue Zahlen gibt es noch nicht, einen medial hohen Wert wird Europas 3. Liga zunächst aber wohl kaum haben. Schon die Unterschiede zwischen Champions League und Europa League sind gewaltig, die Verteilung ab 2021 ist in Verhandlung. Dass die großen Klubs der Champions League Abstriche zugunsten der Teilnehmer der Europa Conference League hinnehmen, ist erfahrungsgemäß aber unwahrscheinlich. Die neue Struktur betoniert damit das bestehende Problem: Die finanzielle Lücke zwischen Groß und Klein im europäischen Fußball wird wachsen.

UEFA-Klubwettbewerbe - Einnahmen der teilnehmenden Klubs (in Euro)
SaisonChampions League (32 Teams)Europa League (48 Teams + 8 Absteiger)
2010/11754.100.000150.360.000
2011/12754.100.000150.360.000
2012/13904.600.000209.000.000
2013/14904.600.000209.000.000
2014/15987.900.000239.750.000
2015/161.295.258.000411.155.000
2016/171.315.343.000423.188.000
2017/181.335.669.000428.813.000
2018/191.931.474.000559.214.117
2019/20Unklar wegen CoronakriseUnklar wegen Coronakrise
2020/21läuftläuft

Die Europäische Klub-Vereinigung ECA schrieb nach dem Beschluss zur Einführung der Europa Conference League: "Mindestens 34 statt bisher 26 Mitgliedsverbände können nun in einer Gruppenphase spielen." Mitspielen ist also erwünscht, vom Mitverdienen ist aber keine Rede. Und darauf weist Jacco Swart, Generaldirektor der europäischen Liga-Vereinigung European Leagues, im Gespräch mit der Sportschau hin. "Es ist gut, dass mehr Klubs mitspielen können. Aber der Wettbewerb muss sportlich und finanziell attraktiv sein." Auf die nationalen Ligen in Europa könnten in Zukunft aber noch ganz andere Fragen zukommen.

Die Gefahr: Bundesliga als "Verbandsliga Deutschland"

Denn einige große Klubs lobbyieren unter der Anführung von Juventus-Präsident und ECA-Chef Andrea Agnelli seit einiger Zeit dafür, dass die Qualifikation für den Europapokal nicht mehr über die nationalen Ligen stattfindet. Wer einmal in der Champions League ist, müsste sich dem Vorschlag zufolge nicht immer wieder über seine nationale Liga qualifizieren. Die Einführung der Europa Conference League gilt manchen Kritikern als Vorstufe dieser Idee, in der beispielsweise die Bundesliga zur "Verbandsliga Deutschland" unterhalb der Europa Conference League herabgesetzt wird. Es wäre die vielbeschworene "Super League" unter dem Dach der UEFA.

Die europäische Fußball-Union befindet sich seit Jahren im Spannungsfeld: Die Großen drohen mit einem Abgang in eine "Super League", wenn ihnen in den bestehenden Strukturen das Erreichen der Startplätze und das Geldverdienen nicht so einfach wie möglich gemacht wird. Und die Kleinen müssen die Aussicht haben, mitspielen zu können - beide Interessen sind nur schwer gleichzeitig zu bedienen. Die neue Struktur gilt bis 2024, dann werden die großen Klubs auf weitere Reformen pochen.

Der Wettbewerb: Wissenswerte Details zum Europapokal ab 2021

Mit der Einführung der Europa Conference League ändern sich einige Dinge, die auch die Champions League und die Europa League betreffen. Ein Überblick:

  • Aus der Bundesliga wird der Tabellensechste in der letzten Qualifikationsrunde der Europa Conference League starten. Ansonsten bleibt es für Deutschland bei vier direkten Startern in der Gruppenphase der Champions League und bei zwei in der Europa League, wovon einer der DFB-Pokalsieger ist. Kommt der Pokalsieger in der Bundesliga unter die ersten Sechs, spielt der Tabellensiebte in der Europa Conference League.
  • Wie in der Champions League treten in der Europa Conference League 32 Teams in acht Gruppen mit je vier Mannschaften an. Die acht Gruppensieger erreichen das Achtelfinale.
  • Eine Besonderheit: Die Gruppenzweiten der Europa Conference League treten in einer weiteren K.o.-Runde gegen die acht Gruppendritten der Europa League an, um die anderen acht Teilnehmer im Achtelfinale zu ermitteln. Dieses Prinzip gilt ab 2021 auch zwischen den Gruppenzweiten der Europa League und den Gruppendritten der Champions League.
  • Manche Klubs haben eine dritte Chance verdient: Wer in der 2. Qualifikationsrunde der Champions League scheitert und anschließend auch in der Qualifikation der Europa League verliert, endet in den Playoffs der Europa Conference League. Wer in der 1. Qualifikationsrunde der Champions League rausfliegt, landet dagegen direkt in den Vorrunden zur Europa Conference League.
  • Für die Europa Conference League ist kein einziges Team direkt qualifiziert. Insgesamt 141 Mannschaften spielen um die 32 Startplätze in der Gruppenphase.
  • Der Spieltag der Europa Conference League ist der Donnerstag, und zwar um 18.45 Uhr und um 21 Uhr. Die Termine muss sich der neue Wettbewerb mit der Europa League teilen, der Dienstag und der Mittwoch bleiben für die Champions League reserviert. Auch die Königsklasse spielt dann um 18.45 Uhr und um 21 Uhr.
  • Der Sieger der Europa Conference League erhält neben einem Pokal das Startrecht in der Gruppenphase der Europa League in der Folgesaison. Der Sieger der Europa League darf wie in den vergangenen Jahren in der Champions League spielen.

Aleksander Ceferin: "Politiker in Europa müssen optimistischer sein" Sportschau 13.10.2020 01:16 Min. Verfügbar bis 13.10.2021 Das Erste