Italien rätselt über Ronaldo

Juventus Turins Cristiano Ronaldo im Spiel gegen Bologna

Juventus Turin im Fokus

Italien rätselt über Ronaldo

Von Julian Tilders

Bei Juventus Turin macht sich trotz Liga-Dominanz Unzufriedenheit breit. Das Aus in der Champions League bahnt sich an, Cristiano Ronaldo zeigt Anzeichen von Normalsterblichkeit - und am Wochenende geht es nach Neapel.

Italienische Medien fielen zuletzt regelrecht über Ronaldo her. "Juve mit dem schlechtesten CR7 der Saison hat den Zusammenbruch in Madrid noch nicht verarbeitet, Ronaldo dreht ziellos seine Kreise", polterte die "Gazzetta dello Sport" und führte weiter aus: "Es ist als wäre nicht Ronaldo, sondern sein Bruder im Einsatz."

Was war passiert? Gegen den Abstiegskandidaten FC Bologna reichte es für Tabellenführer Juventus Turin in der Serie A nur zu einem dürftigen 1:0-Sieg nach einer schwachen Leistung, Ronaldo kam erst in Hälfte zwei zu einem Torschuss. Trotz des Sieges schrieb die italienische Presse von einer "verlorenen und ungenauen Mannschaft, genau wie in der zweiten Halbzeit in Madrid" ("Tuttosport").

Düstere Champions-League-Aussichten für Juve

Cristiano Ronaldo zeigt den Atletico-Fans mit der Hand seine fünf gewonnenen Champions-League-Titel

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In Italien führte man den nur schmeichelhaften Sieg gegen den Liga-Drittletzten Bologna auch auf eine Schockstarre angesichts der 0:2-Pleite im Königsklassen-Achtelfinale gegen Atletico Madrid zurück. "Schlechter als in der zweiten Hälfte konnten wir nicht sein", hatte Trainer Massimiliano Allegri nach dem Hinspiel in Madrid analysiert. Und Ronaldo hatte sich statt einer sportlichen Antwort auf dem Platz nach hämischer Provokation der Atletico-Fans selbst zu einer solchen hinreißen lassen. Ronaldo-Anhänger bewerteten die aufgrund seiner Zeit bei Real Madrid als verständlich, Kritiker aber auch als dünnhäutig.

Die drastisch formulierten Pressestimmen in Italien zeugen nebst branchenüblicher Kritik auch von Enttäuschung über das Abschneiden des Hoffnungsträgers in der Champions League. Juventus stand in den vergangenen vier Jahren zweimal im Endspiel (2014/15 in Berlin gegen Barcelona, 2016/17 in Cardiff gegen Real Madrid). Ein Ausscheiden im Achtelfinale, wie es gegen Atletico angesichts der Ausgangslage vorstellbar ist, wäre ein Super-Gau für die Italiener, die seit 1996 auf den Champions-League-Titel warten. Auch die Aktie des Klubs, die seit dem Ronaldo-Transfer im Aufwind war, schmierte deswegen jüngst wieder ab.

Kein Ronaldo-Spektakel auf seiner Lieblingsbühne

Dies zeigt auch, dass die Verpflichtung Ronaldos vor der Saison - wie mehr oder weniger insgeheim erhofft - keinen direkten Effekt auf die Chancen für den ersehnten Europapokal-Triumph haben muss. Dass die Verpflichtung von Weltstars alleine noch kein Abonnement auf den Titel garantiert, musste schon Paris Saint-Germain in den vergangenen Jahren schmerzlich erfahren.

Ronaldo kommt diese Saison auf seiner Lieblingsbühne, der Königsklasse, nicht so richtig in Tritt. Ein Tor und zwei Vorlagen sind bei sechs Einsätzen sicherlich in Ordnung - aber kein Vergleich zu vergangenen Gala-Vorstellungen bei Real Madrid. In der vergangenen Saison steuerte er 15 Tore in 13 Spielen sowie drei Assists bei, im Schnitt also 1,15 Tore pro Spiel. Mit Blick auf das Bologna-Spiel in der Serie A, wo Ronaldo allerdings mit 19 Treffern voll im Soll liegt, mutmaßte der "Corriere dello Sport" gar schon hinsichtlich Ronaldos Rolle im Offensiv-Verbund: "Entweder ist er nicht in der richtigen Position, oder die Teamkollegen suchen ihn nicht."

Spiel in Neapel mehr als ein Stimmungstest

Dass die italienische Meisterschaft für Juventus seit sieben Jahren Formsache und bereits jetzt mit 13 Punkten Vorsprung auf den SSC Neapel als Tabellenzweiten schon wieder eingetütet scheint, tröstet Juventus wohl nicht unbedingt. Allerdings wartet am Sonntag (03.03.2019, 20.30 Uhr) mit Neapel ausgerechnet der stärkste Konkurrent auf Turin. Die Süditaliener zogen zuletzt mühelos ins Achtelfinale der Europa League ein, zeigten zudem im Vergleich zu Juve am Wochenende gegen einen Außenseiter ein souveräneres Gesicht: In Parma siegte der SSC mit 4:0.

Ein Abgesang auf "CR7", der jahrelang unbestritten in absoluter Bestform war und immer noch ein Weltklasse-Außenstürmer ist, entbehrt jeglicher Grundlage. Dennoch wirkt es so, als zeige der 34-jährige Portugiese aktuell Normalsterblichkeit. Gerade für die kommende Aufgabe in der Champions League, aber auch für den wichtigen Prestige- und Härtetest gegen Neapel, käme Juventus ein Ronaldo in gewohnter Topform äußerst gelegen.

Stand: 26.02.2019, 12:16

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