Atalanta Bergamo - nie waren sie besser als heute

Robin Gosens von Atalanta Bergamo (l.) bejubelt einen Treffer von Mitspieler Rafael Tolói

Serie A

Atalanta Bergamo - nie waren sie besser als heute

Von Tim Beyer

Atalanta Bergamo spielt die beste Serie-A-Saison der Vereinsgeschichte. Seit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs gewann Atalanta fast immer. Sogar Juventus Turin hatten sie am Rande einer Niederlage.

Am späten Mittwochabend fand Gian Piero Gasperini, es sei an der Zeit, etwas gegen die Euphorie zu unternehmen. Gasperini ist Trainer von Atalanta Bergamo, seine Mannschaft spielt gerade eine historisch gute Saison, doch das mit den Lobeshymnen war ihm offenbar suspekt. Also sagte Gasperini der "Gazetta dello Sport", er sei wirklich nicht sicher, ob es so klug sei, nun über die Meisterschaft zu reden. Denn der Scudetto, so sieht er das, liege natürlich noch immer "in den Händen von Juve".

Juve, das ist natürlich Juventus Turin, der italienische Serienmeister und auch jetzt wieder Tabellenführer der Serie A. Neun Punkte trennen Juve vom Tabellendritten Atalanta. Es hätten durchaus nur noch sechs Punkte sein können, hätte Cristiano Ronaldo am Samstagabend (11.07.20) nicht mit dem zweiten Elfmeter im Spiel für den späten Ausgleich gesorgt. Zwei Mal war Atalanta in Turin in Führung gegangen.

Nun spricht tatsächlich vieles dafür, dass Juventus in wenigen Wochen zum neunten Mal in Folge Meister wird.

Eine Bilanz, so makellos wie die von Bayern und Real

Als Gasperini über Juve und die Meisterschaft sprach, hatte Atalanta gerade 2:0 gegen Sampdoria Genua gewonnen, es war der neunte Sieg in Folge. Die erneute Qualifikation für die Champions League ist Atalanta bei 15 Punkten Vorsprung auf Platz fünf und sieben ausstehenden Spielen kaum noch zu nehmen. Überhaupt spielt der Klub statistisch gesehen die beste Saison seiner Serie-A-Geschichte, im Vorjahr hatte er nach 31 Spielen 14 Punkte weniger auf dem Konto gehabt, war am Ende aber als Dritter so gut wie nie.

Und nun könnte der Klub diese Marke womöglich noch einmal verbessern, zumindest lässt darauf der Trend der vergangenen Wochen schließen. Seit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Serie A hatte Atalanta alle sechs Spiele gewonnen, eine ähnliche makellose Bilanz haben in den europäischen Top-Ligen nur Bayern München und Real Madrid. Man hatte damit nicht rechnen können. Auch wenn es im Spiel gegen Juve nun einen "Dämpfer" gab.

"Wäre nicht das richtige Zeichen gewesen"

Die Stadt Bergamo, nordöstlich von Mailand gelegen, hat 120.000 Einwohner und gehört zur Lombardei - jener Region, die so sehr unter Covid-19 und den Auswirkungen der Pandemie gelitten hat. Auch der Trainer Gasperini war im Frühjahr am Virus erkrankt. Das Leben in Bergamo, es war in diesen Wochen ein anderes geworden. Gespenstisch still sei es gewesen in der Stadt, nur die Hubschrauber und die Sirenen der Krankenwagen seien zu hören gewesen, hat Robin Gosens im Mai in einem Interview mit sportschau.de erzählt. Er sagte: "Wenn man nur diese Geräusche hört, dann verinnerlicht man das."

Gosens, 26, ist Profi bei Atalanta, er spielt eine überragende Saison und es wäre eher keine Überraschung, wenn er Bergamo irgendwann einmal verlassen würde, um zu einem größeren Klub zu wechseln. Während der Corona-Krise aber blieb Gosens in der Lombardei, es war auch ein Zeichen der Solidarität. Man habe die Spieler von Atalanta immer wie Helden behandelt, hat Gosens gesagt.

Und dies war nun die Zeit, um den wahren Helden von Bergamo, denen, die ihr Leben riskierten, um das anderer Menschen zu retten, zu danken. Gosens sagte: "Wenn wir Spieler weggefahren wären und das Land verlassen hätten, dann wäre das nicht das richtige Zeichen gewesen."

Gasperini sieht "Zeichen der Stärke"

Dass Atalanta nach dem Re-Start eine so gute Rolle spielt, wahrscheinlich auch im nächsten Jahr in der Champions League vertreten sein wird, und dass einige Experten der Mannschaft genau diesen Punktgewinn in Turin zugetraut hatten.t Unter diesen Umständen ist das wirklich bemerkenswert.

Gian Piero Gasperini, Trainer von Atalanta Bergamo

Gian Piero Gasperini, Trainer von Atalanta Bergamo

Trainer Gasperini kam dann auch nicht umhin, doch noch über seine Mannschaft zu sprechen und nicht nur über Juve. Die Erfahrungen in Europa, gerade in den Spielen in der Champions League, wo Atalanta ab August am Finalturnier teilnehmen wird, seien gut für die Entwicklung der Spieler gewesen, sagte Gasperini der "Gazetta dello Sport" und sprach von einem "Zeichen der Stärke".

Über Spieler, die nie zufrieden sind

Der Fußball, den Gasperini spielen lässt, ist oft sehr nett anzusehen, mit vielen kurzen Pässen und einigem technischen Geschick, er ist aber auch wild. In der Serie A hat Atalanta in dieser Spielzeit schon dreimal sieben Tore erzielt, insgesamt stehen 85 erzielte Treffer in der Statistik. Öfter trifft keine andere Mannschaft in der Liga.

Vielleicht hilft auch die Tatsache, dass die Fluktuation im Kader von Bergamo gering ist. Die elf Spieler, die zuletzt gegen Genua in der Startelf gestanden haben, angefangen bei Gosens über den genialischen Spielmacher Papu Gomez bis hin zu den Torjägern Luis Muriel (17 Saisontore), Josip Ilicic (15) und Duvan Zapata (14), spielen im Schnitt schon knapp über drei Jahre zusammen. Man kennt sich bei Atalanta.

Nach dem Erfolg gegen Sampdoria wurde Gasperini auch nach dem Erfolgsgeheimnis seiner Mannschaft gefragt. Der Zeitung "La Repubblica" sagte er: "Es gibt kein Geheimnis, es ist die Mentalität. Diese Spieler sind nie zufrieden."

Stand: 13.07.2020, 08:00

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