Real Madrids Kater nach der Ronaldo-Ära

Sergio Ramos (l.), Nacho Fernandez (2.v.l.) und Toni Kroos bei Real Madrids Pleite gegen Alaves

Spanischer Rekordmeister in der Krise

Real Madrids Kater nach der Ronaldo-Ära

Von Julian Tilders

Der spanische Rekordmeister schwächelt. Real Madrid steckt auf dem vierten Platz der Primera División mitten in der Krise und steht unter Druck. Trainer Julen Lopetegui und seine Mannschaft warten seit 409 Minuten auf ein Tor.

Unruhe herrscht in der madrilenischen Fußballwelt. Es hakt im Getriebe von Real Madrid: Wettbewerbsübergreifend warten die "Königlichen" schon seit vier Spielen auf einen Sieg und stehen in der Liga nur auf dem vierten Rang. Dabei reichte es zumindest im Stadtderby gegen Atletico Madrid für Real noch zu einem 0:0-Remis - allerdings fing sich die Mannschaft von Trainer Lopetegui gegen Sevilla (0:3), ZSKA Moskau (Champions League, 0:1) und zuletzt gegen Deportivo Alavés (0:1) drei peinliche Pleiten ein.

Bezeichnend für die neue Harmlosigkeit der Madrilenen ist die Torausbeute. Seit nunmehr 409 Minuten steht Real ohne eigenen Treffer da. Ein Negativrekord, den es in diesem Ausmaß zuletzt vor 33 Jahren gab. Eine Statistik, die eigentlich so gar nicht zu den Hauptstädtern passt - und bis vor kurzer Zeit noch undenkbar gewesen wäre.

Ronaldos Abgang nicht zu kompensieren

Denn vergangene Saison stürmte noch Cristiano Ronaldo für Real. Der ist allerdings nach neun tor- und erfolgreichen Jahren (438 Spiele, 450 Tore) bei den "Königlichen" zu Juventus Turin abgewandert. Madrid war von den Treffern des Portugiesen scheinbar weit mehr abhängig als gedacht, ungeachtet des Star-Kollektivs, das für Real weiterhin auf dem Platz steht. Die Trennung zwischen Ronaldo und dem spanischen Rekordmeister offenbart Schritt für Schritt empfindliche Folgen für das einst so "königliche" Offensivspiel, das mittlerweile trotz Karim Benzema und Gareth Bale lahmt.

Wunschkandidaten waren nicht zu holen

Die Klubführung um Florentino Pérez wird in Ansätzen gewusst haben, dass der Ronaldo-Esprit fehlen würde. Nicht umsonst bemühten sich die Verantwortlichen nach Medienberichten hartnäckig um Eden Hazard (FC Chelsea) und Neymar (Paris St. Germain), die aber nicht loszueisen waren.

Die Lücke auf dem Ronaldo-Flügel müssen nun andere schließen. Besonders Marco Asensio wird Weltklassepotential beschieden, das auch immer wieder aufblitzt. Der 22-Jährige steuerte bislang in "La Liga" immerhin einen Treffer und drei Vorlagen bei, kommt dabei aber (noch) lange nicht an Ronaldos Effektivität heran. Auch Mariano Diaz und Lucas Vázquez können den Superstar nicht ersetzen - beide haben diese Saison in der Liga noch nicht getroffen.

Noch mehr Zukunftsmusik haftet am Namen Vinicius Junior. Der 18-jährige Brasilianer wurde für 35 Millionen Euro von Flamengo Rio de Janeiro nach Madrid geholt, kam aber bislang nur auf insgesamt zwölf Minuten Spielzeit. Er muss sich erst noch in der Reservemannschaft weiterentwickeln, die in der zweiten Liga spielt. Ein echter Ronaldo-Nachfolger fehlt.

Lopetegui unter Druck

Real Madrids Trainer Julen Lopetegui (l.) beim Spiel gegen Deportivo Alaves

Real Madrids Trainer Julen Lopetegui (l.) versucht beim Spiel gegen Deportivo Alaves, seine Mannschaft zu ordnen

Nun lässt sich nicht pauschal sagen: Mit Ronaldo wäre es nicht zu dieser Durstrecke gekommen. Auch mit ihm gab es Torflauten. Und auf der Trainerbank sitzt nicht mehr der Champions-League-Sieger. Zinédine Zidanes Nachfolger Lopetegui steht mit Real schon früh unter Druck, die riesigen Erwartungen an ihn erfüllen zu müssen.

Kapitän Sergio Ramos stärkte seinem Trainer zuletzt den Rücken und twitterte beschwichtigend: "Seit ich 2005 hier angekommen bin, habe ich viele verschiedene Situationen erlebt, aber wir haben immer dieselbe Antwort gefunden: zusammenhalten und hart arbeiten. Dieses Team gibt nie auf." Nach der Pleite in Alavés bezeichnete Ramos einen Trainerwechsel als "verrückt".

Klub-Boss Pérez ist Erfolg jedoch gewohnt. Zidane konnte ihn noch mit dem dritten Champions-League-Titel in Folge vergangene Saison glücklich machen, obwohl Barcelona in der Liga den Titel holte. In den vergangenen zehn Jahren gewann Real nur zweimal die spanische Meisterschaft, es wäre mal wieder an der Zeit. Zumal in der Königsklasse die Leistung gegen Moskau auch nicht stimmte.

Bei einer Fortsetzung der königlichen Krise könnte die Geduld mit dem gerade erst im Sommer engagierten Lopetegui bei Real Madrids Entscheidern schnell vorbei sein.

Stand: 09.10.2018, 17:31

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