Tottenhams Transfer-Gegenentwurf

Mauricio Pochettino, Trainer vom englischen Premier League Verein Tottenham Hotspur, zeigt den Daumen hoch.

Premier League

Tottenhams Transfer-Gegenentwurf

Von Robin Tillenburg

In England endet das Transferfenster schon in nicht einmal zwei Wochen. Während die meisten Teams fleißig mit Geld um sich werfen, hat der Vorjahresdritte aus Tottenham noch keinen einzigen Spieler verpflichtet.

Am Abend vor dem Saisonstart, also am 09.08.2018 um 23:59 Uhr Ortszeit, müssen in der Premier League alle Einkäufe geregelt sein. Bis dahin haben die Spurs theoretisch noch Zeit, etwas an ihrem Kader zu ändern.

So richtig viel wird allerdings wohl nicht mehr passieren. Es gibt Gerüchte um einen Abgang von Innenverteidiger Toby Alderweireld, der gegebenenfalls dann noch ersetzt werden müsste. Das war es dann aber auch schon. Abgänge in Ligen, deren Transferfenster noch offen sind, sind übrigens auch nach dem 10.08. noch möglich.

Ligabilanz: Über eine Milliarde Euro für über 150 Spieler

Die gesamte Liga hat inzwischen über eine Milliarde Euro in dieser Transferperiode für über 150 neue Spieler ausgegeben (Datenquelle: Transfermarkt.de). Bei Tottenham steht die Null. Kein Spieler verließ den Klub bisher und als Neuzugang ist nur der von seiner Leihe von Fenerbahce Istanbul zurückkehrende Angreifer Vincent Janssen gelistet. Kein "echter" Neuer also.

Damit sind die "Spurs" natürlich ein absoluter Gegenentwurf zu dem Trend, den gerade die Premier League in den vergangenen Jahren eingeschlagen hat. Von den besten sechs der abgelaufenen Spielzeit hat, bis auf die Nordlondoner, kein einziger Klub weniger als 50 Millionen Euro ausgegeben. Trainer Mauricio Pochettino setzt offenbar auf Kontinuität. Die Berechtigung dazu gibt es auf dem Papier durchaus, schließlich spielen die "Spurs" unter dem Argentinier kontinuierlich um die Spitze der wohl schwierigsten Liga Europas mit.

Vertrauensbeweis für das Personal

Für seine Spieler ist der Verzicht auf externe Neuzugänge ein großer Vertrauensbeweis, keine Frage. Doch der ist auch nicht ungefährlich. Zwar ist der Kader nicht überaltert, sondern befindet sich im Schnitt im belastungsfähigen "besten" Fußballeralter und beinhaltet noch einige Akteure, die ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft haben - beispielsweise Dele Alli. Aber die Belastungsfrage könnte dennoch zum Problem werden.

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Kein Verein auf Topniveau muss so viele Spiele absolvieren, wie ein Premier-League-Team, das in allen Wettbewerben vorne landen will. Das war auch in der Vorsaison so, doch nach einem WM-Sommer, stellt sich die Situation für Spitzenvereine meist schwierig dar, weil viele Leistungsträger noch länger im Urlaub weilen.

Viele Spieler in Russland = Hohe Belastung

Gerade die "Spurs" werden das zu spüren bekommen: Gleich neun ihrer Spieler waren in Russland bis zum Ende dabei. Fünf Engländer, drei Belgier und ein Franzose. Ein Topwert - kein Klub stellte mehr Akteure unter den letzten vier Nationen.

Das Startprogramm könnte zudem leichter sein - nach einem Auswärtsspiel in Newcastle reist man nach einer Heimpartie gegen das unangenehme Fulham zu Manchester United und muss wiederum zwei Wochen später gegen den FC Liverpool ran. Danach beginnt dann die Champions League. Dass bis dahin - bei allem Respekt für Pochettino und sein Trainerteam - alle WM-Fahrer bereits wieder in körperlicher und mentaler Top-Verfassung sind, darf zumindest angezweifelt werden.

Balanceakt Belastungssteuerung

Harry Kane, Dele Alli und Christian Eriksen (v.l.) jubeln

Kaum zu ersetzen: Harry Kane, Dele Alli und Christian Eriksen

Es bedarf also gegebenenfalls einer Rotation und das könnte dann doch mit dem gleichen Kader wie im Vorjahr etwas schwieriger werden. Fünf der sechs Spieler der "Spurs" mit den meisten Einsatzminuten in der abgelaufenen Premier-League-Spielzeit waren eben Halbfinalteilnehmer in Russland. Namentlich sind das Jan Vertonghen, Hugo Lloris, Harry Kane, Alli und Eric Dier. Auch der Sechste im Bunde, Christian Eriksen, stand mit Dänemark zumindest im Achtelfinale. Alle von ihnen kamen in mindestens 33 Liga- und fünf Champions-League-Partien zum Einsatz.

Gerade für Kane, aber auch für das Duo Alli/Eriksen, gibt es eigentlich keinen echten adäquaten Ersatz. Die Saison 2018/19 wird also für die Verantwortlichen ein echter Balanceakt, wenn der Kader nicht noch kurz vor dem Start in der Spitze etwas verbreitert wird. Schon in der Vorbereitung machte sich der dünne Kader bemerkbar, als auch noch einige Akteure angeschlagen ausfielen.

Auf der einen Seite des Pendels steht letztendlich nun die Eingespieltheit und das Vertrauen in die Spieler, auf der anderen stehen potenzielle Schwierigkeiten bei der Belastungssteuerung einiger Leistungsträger. Wohin es ausschlägt, wird erst die Saison zeigen.

Stand: 31.07.2018, 10:30

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