Keine Märchen mehr - was der Brexit für englische Klubs bedeutet

Die Spieler von Huddersfield Town werfen David Wagner nach gelungenem Klassenerhalt in die Luft

Ob Huddersfield oder Norwich

Keine Märchen mehr - was der Brexit für englische Klubs bedeutet

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Die Premier League dürfte unter dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs nur wenig leiden. Probleme bekommen könnten kleinere Vereine mit innovativer Personalpolitik.

Sich als Ausländer zu politischen Fragen in England zu äußern, kann ein riskantes Unterfangen sein - doch das hat Jürgen Klopp noch nie davon abgehalten, seine Abneigung gegen den Brexit zu bekunden.

Kürzlich hat sich der deutsche Trainer des FC Liverpool wieder einmal laut Gedanken gemacht über den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union: "Ich warte immer noch darauf, dass mir jemand den ersten Vorteil des Brexit erklärt. Was verbessert sich wirklich? Vielleicht habe ich es nicht gelesen, weil ich mich zu viel mit Fußball beschäftige, aber ich erinnere mich nicht an viel, um ehrlich zu sein" sagte er.

Ob der Brexit wirklich Verbesserungen bringt, und wenn ja, welche - das wird sich zeigen. Doch zumindest seine Auswirkungen auf den Fußball lassen sich neuerdings gut skizzieren. Denn der englische Verband FA und die Premier League einigten sich Anfang Dezember auf die Rahmenbedingungen für Transfers von Spielern aus der EU nach dem Brexit.

Neues Punktesystem für Ausländer eingeführt

Diese Einigung muss schon als Erfolg gelten, denn die beiden Organisationen haben grundsätzlich konträre Interessen. Während der Verband den EU-Austritt nutzen will, um den heimischen Nachwuchs zu fördern und die ärmliche Bilanz der englischen Nationalmannschaft bei Welt- und Europameisterschaften aufzubessern, will die Liga weiterhin tun, was ihr beispiellosen Reichtum gebracht hat: die besten Spieler aus dem Ausland verpflichten.

Das ist auch in der Nach-Brexit-Welt möglich. Aber: Fußballer aus der Europäischen Union benötigen künftig eine Arbeitserlaubnis, wenn sie im Vereinigten Königreich ihren Beruf ausüben wollen - wie es bisher schon für Spieler aus Nicht-EU-Staaten galt. Etablierte Nationalspieler und Profis aus den besten Ligen des Kontinents werden diese aber recht einfach bekommen. Sie erreichen in dem neuen Punktesystem, das Verband und Liga beschlossen haben, leicht die 15 Punkte, die für den Umzug auf die Insel nötig sind.

Dieses richtet sich nach der Qualität der Liga, aus der die Spieler kommen, sowie nach der Zahl von Länderspielen und Einsätzen in internationalen Wettbewerben. Die Transfers von Timo Werner und Kai Havertz zum FC Chelsea wären auch unter den neuen Regeln möglich gewesen. Schwieriger wird es für Profis aus kleineren Fußballnationen wie skandinavischen oder osteuropäischen Ländern. 

Verträge abzuschließen wird schwieriger

Probleme könnten künftig auch englische Klubs mit innovativer Personalpolitik bekommen. Hier bieten sich zwei Beispiele an: Huddersfield Town und Norwich City schafften mit den bis dato in England weitgehend unbekannten Trainern David Wagner und Daniel Farke und vielen mäßig prominenten Spielern aus Deutschland den Aufstieg in die Premier League.

Unter den neuen Bedingungen hätten die Vereine viele ihrer Profis nicht unter Vertrag nehmen können. Auch Wagner und Farke, zuvor jeweils bei Borussia Dortmunds zweiter Mannschaft beschäftigt, hätten keine Arbeitserlaubnis im Vereinigten Königreich bekommen. 

Für den Import junger Fußballer bringt der EU-Austritt ebenfalls einschneidende Veränderungen mit sich. Englische Klubs dürfen künftig nur noch höchstens drei ausländische Spieler unter 21 Jahren pro Transferfenster verpflichten. Komplett verboten ist neuerdings die Verpflichtung von Spielern unter 18 Jahren. Was die FA freut, weil so angeblich der englische Nachwuchs bessere Aufstiegschancen hat, bedeutet für Jugendliche aus dem Ausland, dass sie den Traum von einem Wechsel in eine der angesehenen Premier-League-Akademien begraben müssen.

In britischen Medien wird häufig Cesc Fàbregas (wechselte 2003 im Alter von 16 Jahren aus Barcelona zum FC Arsenal) als Beispiel für eine Karriere genannt, die nun dem Brexit zum Opfer fallen würde. Auch der spätere deutsche Nationalspieler Robert Huth hätte sich nicht als Jugendlicher dem FC Chelsea anschließen können. 

Kooperationen mit Vereinen aus der EU

Trotzdem wird die Premier League wohl Lösungen finden, damit der Zuzug europäischer Talente nicht abreißt. Schon jetzt kooperieren einige englische Klubs mit Vereinen in der EU. Manchester City zum Beispiel besitzt über das weltweite Netz der City Football Group unter anderem den belgischen Vertreter Lommel SK und ist am FC Girona aus Spanien beteiligt. Solche Verbindungen dürften zunehmen, denn das Kalkül dahinter ist offensichtlich: Vereine aus der Premier League könnten Talente bei ihren Partnern parken und nach ihrem 18. Geburtstag auf die Insel holen.

Denkbar ist aber auch, dass andere Ligen von der Transfersperre für Jugendliche profitieren, zum Beispiel die Bundesliga, die schon jetzt über einen ausgezeichneten Ruf als Aus- und Weiterbildungsstätte verfügt. Ein nicht genannter Bundesliga-Funktionär scherzte neulich im Portal "The Athletic": "Die halbe französische U17 steht schon bei uns Schlange."

Stand: 14.01.2021, 07:00

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