Premier League und Corona - von der Außenwelt abgekoppelt 

Manchester Uniteds Stadion Old Trafford ohne Zuschauer

Steigende Infektionszahlen

Premier League und Corona - von der Außenwelt abgekoppelt 

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Trotz steigender Corona-Zahlen ist die Premier League entschlossen, die Saison ohne Unterbrechung durchzuspielen. Die Vereine laufen Sturm gegen die abgesagte Zuschauer-Rückkehr und streiten um ein Rettungspaket für die unteren Ligen. 

Als ehemaliger Investmentbanker ist Ed Woodward ein Mann fürs Geschäft, der bisher nicht unter dem Verdacht stand, sich übermäßig für Fan-Belange zu interessieren. Bei der Telefonkonferenz mit Investoren zur Bekanntgabe der Jahresbilanz am Mittwoch machte sich der Vizepräsident von Manchester United allerdings für die Zuschauer stark.

Wenn es Menschen erlaubt ist, im Flugzeug oder im Kino stundenlang nebeneinander zu sitzen, warum dürfen sie dann nicht in eine Stadion-Umgebung, die professionell kontrolliert wird?”, fragte er. Und weiter: "Wenn Konzerte drinnen erlaubt sind, warum sollten Fußball-Fans, die draußen mit Abstand sitzen könnten, anders behandelt werden?"

Unverständnis gegenüber der Regierung

Das waren natürlich rhetorische Fragen. Woodward brachte damit sein Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass die Regierung von Premierminister Boris Johnson die für Anfang Oktober geplante Rückkehr von Zuschauern in Englands Profistadien abgesagt hat, während Theater oder Konzertsäle wieder mit Publikum operieren dürfen. Bis Ende März sollen die Fußball-Spielstätten auf der Insel leer bleiben. Sogar eine komplette Geister-Saison droht. 

Die Vereine laufen Sturm gegen den kategorischen Zuschauer-Ausschluss und hoffen, die Regierung umzustimmen. Dabei geht es ihnen wohl weniger um die Fans als um die eigenen Finanzen. Manchester United zum Beispiel hat wegen der Corona-Krise im vergangenen Geschäftsjahr 70 Millionen Pfund weniger eingenommen als erwartet. Der Umsatz ging um 19 Prozent zurück, allerdings auch wegen fehlender Einnahmen aus der Champions League. 

Dramatische Lage unterhalb der Premier League

Dramatischer ist die Lage unterhalb der Premier League. In der Championship, der League One und der League Two, also den Ligen zwei bis vier, machen die Zuschauer-Einnahmen laut Experten bis zur Hälfte des Umsatzes aus. Vielen Klubs aus diesen Spielklassen droht ohne Fans der Ruin. Seit Wochen verhandelt die EFL, die für den Unterbau zuständig ist, mit der Premier League über mögliche Rettungszahlungen, bislang ohne Erfolg. 

EFL-Chef Rick Parry hat sich öffentlich für das Reformpaket von Manchester United und des FC Liverpool ("Project Big Picture") stark gemacht, das ein Hilfspaket über 250 Millionen Pfund für die Ligen zwei bis vier vorgesehen hatte, doch die Klubs der Premier League stimmten gegen die Pläne. Stattdessen boten sie 50 Millionen Pfund an, zum Teil in Form von zinslosen Darlehen, allerdings nur der League One und League Two. Die Championship war von dem Angebot ausgenommen. Das wiederum lehnte die EFL ab. Die Frage, wie die in England heilige Fußball-Pyramide vor dem Zerfall bewahrt werden soll, sie bleibt offenbar Verhandlungssache. 

Keine Skrupel beim Pay-TV

Die Premier League hat bei der Erschließung neuer Einnahmequellen derweil keine Skrupel. Gerade startete sie mit den Pay-TV-Sendern Sky Sports und BT Sport ein Bezahlmodell für bestimmte Einzelspiele, bei dem die Zuschauer 14,95 Pfund zahlen sollen, und zwar pro Partie. Der Aufschrei ist enorm. Viele Fans boykottieren das Modell und spenden das Geld lieber für einen guten Zweck. Anhänger von Newcastle United zum Beispiel sammelten am vergangenen Wochenende 20.000 Pfund für die örtliche Tafel.

Auch sportlich hat die Pandemie Auswirkungen. Auf den Plätzen der Premier League herrscht in dieser Saison Chaos wegen der kurzen Vorbereitung, ständiger Spieler-Ausfälle aufgrund positiver Corona-Tests und der Abwesenheit von Zuschauern. Diese gibt den Partien den Charme eines Testkicks im Trainingslager. Ergebnisse wie Manchester Citys 2:5 gegen Leicester, das 6:1 von Tottenham gegen Manchester United oder Liverpools apokalyptisches 2:7 bei Aston Villa wären unter normalen Umständen vermutlich nicht zu Stande gekommen. Unter den neuen Bedingungen spielt die Premier League verrückt. 

FA will die Saison ohne Unterbrechung durchpeitschen

Und sie ist offenbar entschlossen, die Saison ohne Unterbrechung durchzupeitschen, selbst bei Corona-Ausbrüchen innerhalb der Mannschaften. Die Daily Mail berichtete schon im September, dass die Liga die Vereine zum Spielen zwingen würde, so lange 14 gesunde Profis zur Verfügung stehen. Die dramatischen Infektionszahlen im Vereinigten Königreich (21.200 neue Fälle am Donnerstag) und immer neue Lockdown-Maßnahmen in verschiedenen Teilen des Landes bedrohen den Spielbetrieb noch nicht. Durch die fehlenden Zuschauer ist die Premier League ohnehin weitgehend von der Außenwelt abgekoppelt.

Stand: 23.10.2020, 08:20

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