Erfolgreiches "Project Restart" in England

Die Spieler von Manchester United freuen sich über den Sieg bei Leicester City

Premier League

Erfolgreiches "Project Restart" in England

Von Hendrik Buchheister

Die Premier League hat ihre Saison trotz Corona erfolgreich zu Ende gebracht und damit Verluste von mehr als einer Milliarde Pfund verhindert. Die Spieler, von der Politik an den Pranger gestellt, wurden in der Krise zu Vorbildern.

Das Finale war kein Spektakel, aber das ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass es überhaupt stattfand. Beim Saisonabschluss der Premier League am Sonntag (26.07.2020) stritten drei Mannschaften um die letzten beiden Champions-League-Ränge, außerdem wurden noch zwei Absteiger gesucht. Die Ergebnisse waren erwartbar, es gab keine bedeutsamen Änderungen mehr in der Tabelle.

Manchester United und der FC Chelsea erlangten hinter Meister FC Liverpool und Manchester City die Zulassung zur Königsklasse und schickten Leicester City in die Europa League; Aston Villa sicherte sich den Klassenerhalt und verbannte den AFC Bournemouth und den FC Watford zusammen mit Norwich City in die zweite Liga. 

Schwierige Rahmenbedingungen in Großbritannien

Normalerweise rühmt sich die Premier League mit großem Drama, doch in dieser Corona-Saison war das Wichtigste, dass die Spielzeit überhaupt zu Ende gebracht wurde. Das ist gelungen, und das sogar sehr ordentlich, trotz der schwierigen Rahmenbedingungen. Großbritannien hat mehr Tote durch das Virus als jedes andere Land in Europa.

Trotzdem nahm die reichste Liga der Welt Mitte Juni ihren Betrieb wieder auf, einen Monat nach der Rückkehr der Bundesliga, und brachte die verbleibenden 92 Spiele weitgehend störungsfrei über die Bühne. "Es lief so gut, wie man es in diesem furchtbaren Jahr nur erhoffen konnte", sagte gerade Paul Barber, Vorstand von Brighton & Hove Albion, im Interview mit dem "Telegraph". 

Hohe Verluste durch den Restart abgewendet

Das ist vor allem als Lob an Premier-League-Chef Richard Masters zu verstehen, der erst im Dezember offiziell ins Amt kam. Die Fortsetzung der Liga mitten in einer Pandemie wurde für ihn zur unerwarteten Feuertaufe. Doch das strenge Hygienekonzept funktionierte.

Bei mehr als 20.500 Corona-Tests seit Mitte Mai gab es nur 20 positive Fälle. Durch den Abschluss der Saison bleiben den Vereinen Verluste von angeblich mehr als einer Milliarde Pfund erspart. Allerdings muss die Liga wegen der 100-tägigen Pause laut britischen Medien 330 Millionen Pfund an nationale und internationale TV-Sender zurückzahlen. 

Premiere: Premier League im Free-TV

Das "Project Restart", wie die Rückkehr der Premier League genannt wurde, war ein episches TV-Spektakel mit allerhand Neuerungen. Fast jeden Tag gab es Fußball. Alle Spiele wurden live gezeigt. Normalerweise werden in England nur ausgewählte Partien übertragen. Zum ersten Mal überhaupt im Zeitalter der 1992 gegründeten Premier League gab es einzelne Spiele im frei empfangbaren TV.

So wurde Manchester Citys 0:1-Niederlage beim FC Southampton in der BBC mit 5,7 Millionen Zuschauern das Spiel mit den meisten Zuschauern in der Geschichte der Liga. An die künstliche Stadionatmosphäre gewöhnten sich die Konsumenten schnell. In den Spielstätten selbst waren die Bedingungen wie auch in der Bundesliga klinisch. "Ich fühle mich in einem Fußball-Stadion sicherer als sonst irgendwo außerhalb meines Zuhauses", schrieb die "Times"-Reporterin Alyson Rudd.

Premier League mit politischen Statements

In der Corona-Pause hatte der Ruf des Fußballs gelitten, weil sich Vereine und Spieler in England nicht auf einen Gehaltsverzicht einigen konnten. Gesundheitsminister Matt Hancock stellte die Profis öffentlich an den Pranger. Dass Klubs wie Tottenham Hotspur und Liverpool Kurzarbeitergeld vom Staat beziehen wollten, kam ebenfalls schlecht an. Doch nach dem Restart wurde die Premier League gewissermaßen zum moralischen Vorreiter. 

Die Botschaft "Black Lives Matter" wurde prominent in Szene gesetzt, das Hinknien beim Anpfiff wurde zum festen Ritual. Spieler wie Marcus Rashford von Manchester United engagierten sich in der Krise für Bedürftige. Das alles half dabei, die Zustimmung der Briten zur Fortsetzung des Spielbetriebs zu gewinnen. Die Premier League sollte die "Laune der Nation" heben, so hatte es die Regierung formuliert, und auf jeden Fall lieferte die Liga gute Unterhaltung.

Premier-League-Klubs zunächst uneins über Restart

Anders als in Deutschland gibt es in England keine Ultra-Kultur, die sich der Rückkehr des Fußballs und den Geisterspielen hätte in den Weg stellen können. Stattdessen waren die Premier-League-Mitglieder lange zerstritten gewesen über die Fortsetzung der Saison.

Einige Klubs vom unteren Tabellenende warben sogar dafür, die Spielzeit abzubrechen. Entscheidend für den Restart war, dass sich die Vereine in Absprache mit den Sicherheitsbehörden darauf verständigten, die Spiele in den jeweiligen Heimstadien auszutragen, nicht an neutralen Spielorten, wie es zwischenzeitlich zur Debatte stand.

Fans ab Oktober zurück in den Stadien?

Vermutlich hätte auch diese Maßnahme nicht verhindert, was nach Liverpools Meisterschaft passierte. Tausende Fans ignorierten die Corona-Regeln und versammelten sich am Anfield-Stadion, um das Ende von 30 Jahren Wartezeit zu feiern, und das sogar doppelt: als der Titelgewinn feststand und am Abend der opulent inszenierten Pokalübergabe am vergangenen Mittwoch. 

Auf Zuschauer in den Spielstätten wird man auch in England noch eine Weile warten müssen. Der Start der neuen Premier-League-Saison (12. September) wird vor leeren Rängen stattfinden. Allerdings hat Premierminister Boris Johnson in Aussicht gestellt, dass Fans ab Oktober zurückkommen könnten. Natürlich erstmal in begrenzter Zahl.

Stand: 27.07.2020, 09:15

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