Liverpool gegen Norwich - Duell der Gegensätze

Erfolgsduo: Sportdirektor Stuart Webber (l.) und Trainer Daniel Farke

Premier-League-Auftakt

Liverpool gegen Norwich - Duell der Gegensätze

Von Tim Beyer

Der Aufsteiger Norwich City hat keinen milliardenschweren Investor, aber ein Dutzend Spieler mit Fußball-Vergangenheit in Deutschland. Zum Auftakt geht es gegen Jürgen Klopp und den FC Liverpool - unterschiedlicher könnten die Voraussetzungen kaum sein.

Es ist gut zweieinhalb Jahre her, dass sie bei Norwich City die erste von einigen wirklich guten Entscheidungen getroffen haben. Anfang April 2017 stellte Norwich den Waliser Stuart Webber als neuen Sportdirektor vor, und der tat das, was er zuvor schon erfolgreich bei Huddersfield Town getan hatte: Webber tauschte Mitarbeiter aus und er verkaufte teure Spieler, um die Bilanzen in Ordnung zu bringen. Parallel suchte er einen Trainer, es wurde jeweils ein Deutscher. Bei Huddersfield war das der heutige Schalke-Trainer David Wagner, und in Norwich entschied er sich für Daniel Farke. Beide hatten zuvor die U23 von Borussia Dortmund trainiert.

Und Webber lag richtig, mit Wagner und mit Farke. Schon einmal hatte Webber sein besonderes Gespür für Talente bewiesen: Als er mit Mitte 20 Chef der Scoutingabteilung des FC Liverpool wurde, war er entscheidend beteiligt am Transfer eines 15-jährigen Talents: Raheem Sterling, heute einer der besten Spieler Englands.

Von Webbers Trainerentscheidungen waren sie in Norwich zunächst aber nicht unbedingt begeistert, weder die Medien noch die Fans. Als Farke ganz neu war bei Norwich, da dichteten die Fans einen dieser wiederkehrenden Gesänge um. Sie sangen: "Farke, who the farke is Farke?" Die Antwort hätten zu diesem Zeitpunkt auch viele deutsche Fußballfans nicht geben können. Farke, 42, war mal ein erfolgreicher Torjäger im Amateurfußball, aber nie Profi. Als Trainer war er später lange auch nur in der Oberliga tätig, ehe er zur Reserve des BVB wechselte, in die 4. Liga.

Farke kennt man jetzt in England

Singen tun sie immer noch, die Fans von Norwich City, mittlerweile jedoch voller Anerkennung für jenen Trainer, der ihnen im Sommer 2017 womöglich einfach zu unbekannt war. Längst hat Farke Kultstatus erreicht, es gibt jetzt Gesänge über ihn, die beinahe wie Huldigungen klingen. Schließlich war er es, der gemeinsam mit Webber ein Team formte, das in diesem Sommer nicht nur aufstieg, sondern auch noch tollen Fußball spielte.

Am Freitagabend (09.08.2019) eröffnet Norwich City mit einem Auswärtsspiel beim FC Liverpool die neue Premier-League-Saison. Der Trainer bei Liverpool heißt Jürgen Klopp, auch er ein Deutscher, ansonsten könnten beide Vereine kaum unterschiedlicher sein. Geführt wird Norwich von der Autorin und Fernsehköchin Delia Smith, 78, ihr Mann unterstützt sie. Teure Transfers sind eher nicht drin, dafür wurden vor der Saison die Ticketpreise auf höchstens 30 Pfund pro Spiel reduziert.

"Lasst uns mit der Mannschaft arbeiten"

Liverpool hingegen hat in der vergangenen Saison unglaubliche 97 Punkte in 38 Spielen geholt, nur einmal verloren die "Reds", und doch kam der Meister am Ende aus Manchester. Dafür gewann Liverpool die Champions League, kein ganz kleiner Trost. Auch auf dem Konto macht sich der Erfolg bemerkbar, zurückhalten müsste sich der Klub bei Transfers nicht - und tut es doch. Nur für einen Neuzugang gab Liverpool Geld aus: Sepp van den Berg, 17, Innenverteidiger aus den Niederlanden, kostete knapp zwei Millionen Euro. Im Gegenzug nahm Liverpool laut dem Portal "Transfermarkt.de" fast 35 Millionen Euro durch Verkäufe ein.

Hatte zuletzt oft Grund zur Freude: Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool

Hatte zuletzt oft Grund zur Freude: Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool

Nicht alle in England haben verstanden, warum Klopp nicht noch weitere Superstars verpflichtet hat. Schließlich gibt es ja ein großes Ziel: die erste Meisterschaft seit 30 Jahren. Zuletzt schien Klopp von den ständigen Fragen der Medien derart genervt, dass er sich dann doch noch zu einem Statement hinreißen ließ. "Wir haben in der vergangenen Saison in die Mannschaft investiert", sagte Klopp dem Sender Sky Sports: "Jetzt lasst uns mit der Mannschaft arbeiten." Gegen Norwich kann er wieder auf all seine Stars bauen, auch die zuletzt angeschlagenen Sadio Mane, Naby Keita und James Milner sind fit.

Leitner und Klopp - das gab es schon einmal

"Das wird schon ein Brett. Die ganze Welt schaut drauf", sagte Farke vor einigen Tagen bei Sky. Er wird gegen Liverpool wahrscheinlich einige Spieler aufstellen, die man auch in Deutschland kennt. Zwölf Spieler im Kader von Norwich haben früher in Deutschland Fußball gespielt, zehn besitzen einen deutschen Pass. Es sind jedoch nicht die ganz großen Namen, die bekanntesten dürften noch Torhüter Ralf Fährmann (ausgeliehen von Schalke 04) und Angreifer Josip Drmic (kam aus Gladbach) sein.

Spielmacher von Norwich City: Moritz Leitner

Spielmacher von Norwich City: Moritz Leitner

Und dann ist da noch Moritz Leitner, vielleicht der beste Fußballer im Team des Aufsteigers. Beim BVB spielte er als 18-Jähriger noch unter dem Trainer Klopp, Leitner galt als begabter Spielmacher, aber auch als ein bisschen eigensinig, mitunter gar als faul. Mittlerweile ist Leitner 26 und einer der Schlüsselspieler für jenen offensiven Fußball, den Farke auch in der Premier League spielen lassen möchte. "Dominanz durch Ballbesitz", so hat Farke seine Vorstellungen einmal beschrieben. Zuletzt hatten seine Spieler oft so gespielt, dass ihr Trainer überaus zufrieden gewesen sein dürfte: 94 Punkte und 93 Tore aus 46 Spielen waren es in der vergangenen Zweitligasaison. Norwich wurde Meister der Championship.

Man könnte nun annehmen, Farke werde seine Mannschaft in der Premier League im Stile eines Außenseiters spielen lassen, von seinen Prinzipien abweichen. Es wäre eine nicht unübliche Reaktion eines Aufsteigers bei einem Mehr an individueller Klasse beim Gegner, vor allem wenn der Liverpool heißt und zuletzt vielleicht das beste Team Europas war. Doch in Norwich scheint man sich davon nicht beeindrucken zu lassen.

"Nur, weil wir eine Liga höher sind, ändern wir nicht unseren Plan", hat Leitner kürzlich der "Süddeutschen Zeitung" gesagt: "Unser Kader ist darauf ausgelegt, dass wir den Ball haben wollen." Womöglich wird man schon am Freitagabend im Spiel gegen den FC Liverpool erkennen können, ob dieser Plan aufgehen kann.

Stand: 09.08.2019, 13:58

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