Tuchel und das goldene Pulverfass

Thomas Tuchel am Spielfeldrand

Start der Ligue 1

Tuchel und das goldene Pulverfass

Von Robin Tillenburg

Thomas Tuchel hat bei Paris St. Germain einen Job angetreten, den man nicht gerade als "Wohlfühloase" bezeichnen kann. Neben der sportlichen Herausforderung muss er auch immer das Stimmungsbarometer im Blick halten. Am Sonntag (12.08.2018) beginnt auch für den französischen Meister die Saison in der Ligue 1.

Der Einstieg war schon mal vielversprechend. Im ersten "Pflichtspiel", dem nationalen Supercup, siegte PSG mit seinem neuen deutschen Trainer ungefährdet mit 4:0 (2:0) gegen den Vizemeister AS Monaco. Mehr Aufsehen als der ungefährdete "Pflichtsieg" - von denen in der Saison wohl etliche folgen werden - erregte die anschließende Pressekonferenz.

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Da stürmten die Pariser Spieler spontan in die Pressekonferenz, sangen, feierten und übergossen ihren Trainer mit Sekt. Und der ließ sich mitreißen und machte mit. Nach einem eher unwichtigen Titelgewinn ganz zu Beginn einer Saison. Das passt nicht zu dem Bild, das man in Fußball-Deutschland vom 44-Jährigen hat.

Tuchel "plötzlich" mit Emotionen?

Tuchel, der Disziplinfanatiker. Tuchel, der den Ernährungsplan seiner Spieler komplett auf "Low-Carb" umkrempelt. Tuchel, der nichts dem Zufall überlässt. Tuchel, mit dem dem Vernehmen nach nicht alle Spieler immer reibungslos zurechtkamen. Tuchel, der in Dortmund möglicherweise auch gehen musste, weil er nicht der hemdsärmelige Typ war, den man sich dort in der Chefetage wünschte, sondern eben der Perfektionist, mit dem man nicht mal eben nach einem Sieg ein Bierchen trinkt.

Genau dieser Tuchel feierte jetzt so einen Sieg bei seinem neuen Klub so ausgelassen? Show? Ein Wandel? Oder einfach ehrliche Freude über den gelungenen Auftakt und seine gut gelaunte Truppe - das waren die Fragen, die man sich in den Medien stellte. Interpretierte man da einfach zu viel? Sehr wahrscheinlich.

Trotzdem kein "Spielerfreund"

Dass man dem Krumbacher mit der Schublade des emotionslosen, immer angespannten Typen Unrecht tut, konnte man schon in seiner Zeit bei Borussia Dortmund beobachten, als er regelmäßig ganz "normal" sowohl positive als auch negative Emotionen zeigte. Ein "Strahlemann" und "Spielerfreund" ist er trotzdem nicht.

Nun soll eben jener Tuchel nicht nur mit Paris die Meisterschaft, sondern "endlich" auch zumindest im zweiten Jahr die Champions League holen. Ein Auftrag, an dem schon Hochkaräter wie Carlo Ancelotti, Laurent Blanc und Unai Emery scheiterten. Alles unterschiedliche Typen, aber keiner war in der Lage, das Starensemble in der Königsklasse über das Viertelfinale hinauszuführen.

Die Stimmung ausbalancieren

Die Gründe waren vielfältig, einer war sicher die Stimmung in der Mannschaft - mehrfach soll es zwischen den Stars gekriselt haben. Ein anderer auch die Erwartungshaltung im Umfeld, das angesichts der Finanzspritzen, die die Investoren um Präsident Nasser Al-Khelaifi regelmäßig tätigen, eben auch den ganz großen Triumph erwartet.

All das soll nun der Deutsche ausbalancieren, dessen großer Fürsprecher der Emir von Katar höchstpersönlich gewesen sein soll. Der Druck könnte größer nicht sein. Vielleicht war es also tatsächlich einfach Erleichterung, die aus Tuchel herausbrach, als die Sieges-Pressekonferenz unterbrochen wurde.

Erfolg über Befindlichkeiten

Thomas Tuchel mit Neymar

Draht zueinander? Neymar (l.) und Thomas Tuchel

Gerade der Trubel um die Offensiv-Superstars Kylian Mbappé, Neymar und Edinson Cavani, die vor allem wegen der Allüren des Brasilianers nicht die allerbesten Freunde sein sollen, ist ein Fallstrick, den der Trainer beachten muss. Die "Ich-AG" des Brasilianers wollte Tuchel bisher allerdings noch mit keinem negativen Wort bedenken. Im Gegenteil: Tuchel lobte den Superstar, wo es nur ging und zeigte sich regelmäßig von seiner Mannschaft begeistert.

Dennoch ist der neue Coach keiner, der "Mediator" auf der Stirn stehen hat. Seine größten Stärken waren bisher eher andere. Doch vielleicht ist die maximale Professionalität, die Tuchel mitbringt und vorlebt, genau das, was Paris jetzt braucht und was nötig ist, um persönliche Animositäten ad acta zu legen. Sie nicht aufzulösen, sondern einfach beiseitezuschieben.

Auch Neymar wird sich unterordnen müssen

Wer große Titel gewinnen und/oder Weltfußballer (Neymar) werden möchte, der muss eben alles dem Erfolg unterordnen. Da sind die Ernährung und das Ego nur zwei Aspekte von vielen. Tuchel ist jemand, der genau das verlangt. Der sich auch nicht scheut, unpopuläre Entscheidungen zu treffen und sich notfalls unbeliebt zu machen.

In Dortmund hat das Rezept gefruchtet: Kein Erstligatrainer hat dort einen höheren Punkteschnitt vorzuweisen als er. Und dass die Mischung Scheich/Superstars und Perfektionist zusammenpasst, beweist ja Tuchels "Bruder im Geiste" Pep Guardiola gerade bei Manchester City.

Stand: 09.08.2018, 08:30

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